31.03.2011 · Mario Gomez und die Nationalelf - das ist bislang keine Erfolgsstory. Eine unglückliche Szene von der EM 2008 wirkt bis heute wie ein Fluch. Die Fans pfeifen auf ihn. Doch noch glaubt er an den Durchbruch.
Von Michael Ashelm, MönchengladbachEs dauerte lange, bis Mario Gomez aus der Kabine kam. Die meisten seiner Kollegen waren schon auf dem Weg zum Mannschaftsbus, verschwunden in der Nacht. Keiner hatte die Test-Niederlage gegen die Fußballauswahl Australiens zu negativ bewerten wollen - verwiesen wurde vor allem auf die vielen durch den Bundestrainer vorgenommenen Veränderungen in der Formation, was dem Zusammenspiel sicher nicht zuträglich gewesen war. Bayern-Stürmer Gomez aber wollte sich damit nicht zufriedengeben.
Vielleicht hatte ihm sein persönliches Erfolgserlebnis mit dem Führungstor beim 1:2 der deutschen Elf (27. Minute) den nötigen Mut gegeben, seinem Ärger endlich Luft zu machen. So lange er sich auch Zeit ließ nach dem Duschen, so offen sprach er dann später über die aus seiner Sicht wenig zufriedenstellende Situation in der Nationalmannschaft. „Ich bin frustriert. Ich spiele vielleicht die beste Saison meiner Karriere und fühle mich topfit - und trotzdem habe ich einen schweren Stand bei den Fans. Die Pfiffe tun weh. Ich weiß nicht, was in den Leuten vorgeht“, sagte der 25 Jahre alte Angreifer.
„Der größte Konkurrent ist derzeit ein Teil der eigenen Fans“
Das war nicht der selbstbewusste Torjäger, sondern ein ziemlich desillusioniert wirkender Stürmer. Solch kritische Worte hat kein Nationalspieler zuletzt in der Öffentlichkeit formuliert. Als der Mannschaft am Samstag beim wenig erfrischenden Auftritt in der EM-Qualifikation gegen Kasachstan erstmals seit langem mal wieder Pfiffe aus dem Publikum zu hören bekommen hatte, gab es zwar aus dem Team einige Unmutsäußerungen, aber keiner rechnete mit den Anhängern so ab wie nun Gomez. „Im Moment sind für mich die Heimspiele mit der Nationalmannschaft sehr schwierig, weil die Stimmung nicht positiv ist. Mein großer Konkurrent ist Miroslav Klose, aber der größte Konkurrent ist derzeit ein Teil der eigenen Fans“, sagte Gomez.
Erst hatte es für ihn Pfiffe bei der Einwechselung am Samstag in Kaiserslautern gegeben, dann wollten auch viele Zuschauer in Mönchengladbach trotz seines Treffers ihre Missachtung wieder ausdrücken. Ein Liebling der Massen ist Gomez wahrlich nicht, wenn er sich das Nationaltrikot überzieht. „Es ist schwierig, das abzustreifen. Ich bin topfit, aber im Kopf nicht voll da.“ So wollte er sich gar nicht richtig über sein 15. Tor für Deutschland freuen, dem zwei australische Treffer von Carney (61.) und Wilkshire (64.) per Elfmeter folgten.
Der Wiener Blackout wirkt bis heute wie ein Fluch
Gomez und die Nationalelf - das ist bislang keine Erfolgsstory. Dabei hatte es vor der EM 2008 so vielversprechend begonnen. Der dynamische Angreifer drängte damals ins Team und wurde als würdiger Nachfolger Miroslav Kloses angesehen. „Ich will Europameister werden“, sagte er seinerzeit mit dem Selbstbewusstsein eines jungen Himmelsstürmers. Aber dann kam der 16. Juni vor drei Jahren, als die deutsche Auswahl zwar Österreich in einem Zitterspiel besiegte, aber Gomez im letzten Vorrundenspiel des EM-Turniers schwer patzte und den Ball aus einem Meter Entfernung nicht über die Torlinie brachte. Versagt, Blamage - das Urteil über den Angreifer stand fest.
Diese Szene wirkt bis heute wie ein Fluch. „Irgendwann muss sich das doch erledigt haben“, sagte er nun in Mönchengladbach. Vom Wiener Blackout 2008 hat er sich als Stürmer der Nationalmannschaft jedoch nie erholt. Wichtige Tore hat er fürs deutsche Team bisher keine erzielt. Wenn er in den 43 Partien traf, dann meistens in relativ unbedeutenden Länderspielen außerhalb großer Turniere. Bei der WM 2010 zählte er nicht zum Stammpersonal, wurde in den sieben WM-Spielen dreimal gar nicht bedacht und viermal erst jeweils am Ende eingewechselt. In Südafrika musste er erleben, wie der Platz, den er sich so gewünscht hatte, von Cacau eingenommen wurde, der einst beim VfB Stuttgart noch sein Assistent gewesen war.
Er braucht seine Zeit, auf Touren zu kommen
Sobald Gomez aber nur Einwechselspieler ist, hat er seine Probleme. Das hat er immer betont. Er braucht seine Zeit, auf Touren zu kommen, er braucht vor allem das Vertrauen des Trainers. Seit Louis van Gaal ihn in München als Stürmer gesetzt hat, ist Gomez richtig in Schwung gekommen. Mit 19 Treffern führt er die Torjägertabelle der Bundesliga an. Derweil sitzt Miroslav Klose in München auf der Bank. In der Nationalmannschaft ist es umgekehrt.
Trägt er den Adler auf der Brust, fehlen Gomez starke Szenen und auch das Glück. Der Bundestrainer zeigt sich dennoch optimistisch. „Er hatte eine Phase, da ist vieles nicht gelaufen, und er hat Chancen vergeben. Aber jetzt befindet er sich auf dem Weg, dass er regelmäßig trifft. Da bin ich mit ihm zufrieden“, sagte Löw in Mönchengladbach. Ein wenig erinnert der unglückliche Gomez an einen anderen Nationalstürmer. Auch für Kevin Kuranyi wurde die Fußballauswahl nie zur großen Liebe. Aber seine Koffer endgültig packen - davon ist Gomez weit entfernt. Noch glaubt er an den Durchbruch.
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