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Nationalmannschaft : Götze auf der Suche nach Raum

Breit aufgestellt: Trotzdem muss sich Rückkehrer Mario Götze seinen Platz im Nationalteam erst wieder erkämpfen. Bild: AP

Mario Götze sagt, er sei nach seiner Stoffwechselerkrankung wieder bei 100 Prozent angekommen. Aber inzwischen hat sich für Löws einstiges Wunderkind einiges geändert – auch in der Nationalmannschaft.

          Auf dem Platz hätte man es vielleicht eine kleine Unkonzentriertheit genannt. Auf dem Pressepodium des Deutschen Fußball-Bundes war es eher dem Ritual geschuldet. Als Mario Götze jedenfalls gleich zu Beginn der Pressekonferenz am Mittwoch in Berlin gefragt wurde, ob er alle seine Kollegen wiedererkannt habe, bejahte er das wie selbstverständlich und brachte seine Freude zum Ausdruck, all die „altbekannten Gesichter“ wiederzusehen.

          Dabei wäre die treffendere Antwort doch eine andere gewesen. Dass ja doch einige neu hinzugekommen sind in Götzes Abwesenheit, der kleinen Fußball-Ewigkeit von beinahe einem Jahr. Am 15. November 2016, beim 0:0 in Italien, hat Götze zum bislang letzten Mal das deutsche Trikot getragen, es war sein 62. Länderspiel. Nach einer für ihn schwierigen Zeit soll es nun endlich wieder so weit sein beim Jahresabschluss von Joachim Löws Team mit den beiden Tests am Freitag in London gegen England und am Dienstag gegen Frankreich in Köln. „Ich fühle mich bei hundert Prozent“, sagte Götze am Mittwoch.

          Spielplan der Fußball-WM 2018 in Russland

          Wieder bei hundert Prozent – auch das ist ein Satz, wie man ihn eben so sagt in solchen Situationen. Nur dass er bei Götze ein bisschen anders klingt. Weil er nicht von einer der branchenüblichen Verletzungen aus der Bahn geworfen wurde, sondern von einer Stoffwechselerkrankung, die ihm, solange sie noch unerkannt war, Rätsel aufgab. Und die ihn auch in Zukunft beschäftigen wird. Die Pressekonferenz in Berlin war für den 25 Jahre alten Götze nicht der Anlass zurückzuschauen.

          In einem Interview mit dem „Kicker“ zu Saisonbeginn hatte er aber erstaunlich offen darüber gesprochen, dass die Stoffwechselprobleme, deren genaue Natur öffentlich nicht benannt ist, die sich aber offenbar auf die Muskulatur auswirken, „jetzt einfach zu meinem Leben dazugehören“. Er könne wieder Leistungssport betreiben, müsse aber „weiter therapieren“, durch die Einnahme von Medikamenten.

          Oliver Bierhoff, der Teammanager, gab in Berlin ein bisschen genauer als der Spieler selbst Einblick in Götzes Welt während dessen Suche nach der Ursache seiner körperlichen Beschwerden. Er deutete an, welch große Belastung vor allem die Ungewissheit gewesen sein muss: „Wenn du richtig marschieren, sprinten willst, aber das Benzin kommt nicht durch.“ Jetzt aber, sagte Bierhoff, wirke Götze „sehr befreit“, und verband damit die Hoffnung, dass davon auch das Nationalteam wieder profitiere. Mit ihm und Ilkay Gündogan, der ebenfalls lange gefehlt hatte, seien „Spieler mit unglaublicher Qualität“ zurück, sagte Bierhoff „Ich wünsche mir, dass sie entsprechend Fuß fassen.“

          Ganz so einfach dürfte das allerdings nicht werden. Denn der Fußball, wie Götze das selbst in anderem Zusammenhang sagte, dreht sich immer weiter. Und so haben die vergangenen Monate dafür gesorgt, dass für Götze, den begnadeten Techniker und „Zwischenspieler“, wie man manchmal sagt, die Räume enger geworden sind – auch für einen wie ihn, in dem Löw immer etwas Besonderes gesehen hat, einen Spieler mit einer besonderen Gabe, wie er selbst im Nationalteam selten ist. Wobei, wenn man ehrlich ist, auch seine besseren und besten Zeiten dort keine ausgesprochenen Erfolgsgeschichten waren – das Bild vom strahlenden WM-Helden verkauft sich weiter bestens, die Kapitel zwischen diesem Hochglanz-Cover sind aber auch nicht arm an enttäuschten Erwartungen.

          Zuletzt hatte der Bundestrainer Götze entweder die Rolle der „falschen Neun“ zugedacht oder die linke Position in der Offensivreihe seiner 4-2-3-1-Grundordnung. Erstere hat merklich an Konjunktur verloren, seit es wieder ein attraktives Angebot an Sturmexperten gibt, wie Timo Werner oder auch Sandro Wagner, auf letzterer herrscht mit Julian Draxler und womöglich Leroy Sané verschärfte Konkurrenz.

          In Dortmund ist Götze längst in anderer Rolle unterwegs, defensiver, diskreter als während seines steilen Aufstiegs, aber deshalb nicht weniger wichtig. Peter Bosz setzt durchaus auf ihn, meist auf der halblinken Mittelfeld-Position seines 4-3-3-Systems, dort, wo mehr Strukturarbeit zu verrichten ist und man einen weiteren Anlauf zum Tor des Gegners hat. In der Diktion der Dortmunder Verantwortlichen ist Götze, der weniger explosiv als früher wirkt, nun mehr Iniesta als Messi – mit dem kleinen Haken, dass der BVB derzeit so oder so nicht spielt wie der FC Barcelona. In der Krise war auch Götze nicht derjenige, der den aus der Balance geratenen Borussen Halt geben konnte. Als Bosz gegen die Bayern von seiner Grundordnung abrückte und im 4-2-3-1 spielen ließ, war für ihn kein Platz mehr frei.

          Wo der im Nationalteam sein soll, ist derzeit schwer abzusehen. Götze selbst bekräftigte am Mittwoch, dass eine Position im Zentrum, als Zehner oder Achter, sein Lieblingsrevier sei. Als Forderung an den Bundestrainer aber war das gewiss nicht zu verstehen. Götze geht die Dinge vielmehr mit einer gewissen Gelassenheit an. „Ich freue mich auf das, was kommt, ich freue mich auf das Jahr 2018“, sagte er.

          Druck scheint er sich nicht zu machen. Davon, so könnte man hinzufügen, hat er als Mann mit seiner Geschichte, als Löws „Wunderkind“, schon genug gehabt – auch wenn er betonte, die WM und die Folgen seines Finaltores für sich ausschließlich als positives Erlebnis verbucht zu haben. Den Moment, über den der nur drei Jahre jüngere Niklas Süle am Mittwoch so schön sagte, er sei „als Fan komplett ausgerastet, wo Mario den reinmacht“.

          Quelle: F.A.Z.

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