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Marcello Lippi Zurück auf der italienischen Kommandobrücke

11.10.2008 ·  Ziel Südafrika 2010: Weltmeistertrainer Marcello Lippi will die Squadra Azzurra auf zu neuen Ufern führen

Von Dirk Schümer, Venedig
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Man hat Marcello Lippi oft mit dem amerikanischen Schauspieler Paul Newman verglichen. Obwohl diese kokette Anspielung auf seine Attraktivität dem italienischen Weltmeistertrainer nie behagte, waren zumindest äußerliche Parallelen nicht zu übersehen: der stahlblaue Blick, die aufrechte Haltung, die Silberhaare, das schöne Profil.

Seit vergangener Woche gibt es einen entscheidenden Unterschied; Paul Newman ist tot. Marcello Lippi aber steht wieder weltweit im Rampenlicht, seit der Sechzigjährige direkt nach der mauen Europameisterschaft der Azzurri das Team des Weltmeisters aufs Neue übernommen hat. Erklärtes Ziel ist die Titelverteidigung in Südafrika 2010.

Lippis Rückkehr war ein offenes Geheimnis

Dass es bis dahin noch sehr viel Arbeit gibt, hat vor allem Lippis glückloser Nachfolger und Vorgänger Roberto Donadoni erlebt. Bei der alpinen EM gelang es dem begabten, doch wenig charismatischen Donadoni niemals, den müden Weltmeistern genügend Schlagkraft und Siegeswillen einzuimpfen. Dass Lippi, ein begeisterter Freizeitsegler, das Ruder als „Commissario Tecnico“ im Fall des Scheiterns abermals übernehmen würde, war ein allzu offenes Geheimnis gewesen.

Warum will sich einer der erfolgreichsten Trainer der Welt die Mühen von Qualifikation und italienischer Streitkultur noch einmal antun? Dafür fand Lippi gleich mehrere Erklärungen: Er stehe - Punkt eins - in der Schuld seines Verbandes, denn er hätte 2006 nach dem Weltmeistertitel nicht so abrupt abtreten dürfen. (siehe: Italien: Weltmeister-Trainer Lippi tritt zurück) Doch - Punkt zwei - die Intrigen und Anschuldigungen des Schiedsrichterskandals hätten seine Familie in den Schmutz gezogen.

Schmutzige Wäsche aus der Juve-Vergangenheit

Wahr ist, dass Lippis Sohn als Spielervermittler mit dem Hauptbeschuldigten Luciano Moggi zusammengearbeitet hat. Auch reichten die Begünstigungen für Juventus Turin in Lippis dortige erfolgreiche Zeiten als Trainer zurück. Ebenso wahr ist aber, dass sich für derart schmutzige Wäsche im schnelllebigen italienischen Fußballgeschäft kaum jemand mehr interessiert. An Lippi, der am Spielfeldrand im Maßanzug ohnehin wie ein Saubermann unter grobschlächtigen Kickern im Trainingsanzug wirkt, war wundersamerweise eh nie etwas hängengeblieben.

Zwei Jahre genoss Lippi die mythische Verehrung der Tifosi für ihren WM-Trainer, dem sie nicht zu Unrecht maßgeblichen Anteil am Erfolg, vor allem am knappen Sieg gegen Deutschland im Halbfinale, zuschreiben. Lippi kokettierte damit, dass er seinen Kaffee in keiner Bar mehr bezahlen musste.

Taueknüpfen wurde zu langweilig

Irgendwann wurde es dem knochenharten Arbeiter trotzdem zu langweilig, mit den Fischern im Hafen seiner Heimatstadt Viareggio zu fachsimpeln und die Taue seines Segelboots auf- und wieder zuzuknüpfen. Denn in Wirklichkeit war er wie so viele arbeitslose Kollegen längst süchtig nach dem globalen Ballspiel, verfolgte täglich mehrere Spiele am Fernseher. „siehe auch: Fußball-Kommentar: Der Traumjob Nationalmannschaft)

In der Qualifikationsgruppe mit harzigen Gegnern wie Georgien und Montenegro gibt es nun ein Wiedersehen mit einem anderen Altnationaltrainer: Giovanni Trapattoni, der auf seine alten Tage in Irland angeheuert hat. Bevor die Italiener auf die Grüne Insel zum vermeintlich härtesten Gegner müssen, steht an diesem Samstag ein Auswärtsspiel in Bulgarien auf dem Programm. Italien liegt mit zwei Siegen aus zwei Begegnungen zwar erwartungsgemäß an der Tabellenspitze, doch vor allem der 2:1-Erfolg auf Zypern kam nur überaus glücklich und unverdient zustande - wie Lippi zähneknirschend zugeben musste.

Dass Luca Toni nicht mehr trifft wie in der vergangenen Saison, haben alle Fußballfans in Deutschland mitbekommen. Lippi ersetzte den weltmeisterlichen Mittelstürmer in Nikosia im September nach 45 Minuten durch Antonio di Natale, der derzeit in Weltklasseform ist und seinen Klub aus Udine an die Tabellenspitze der Serie A geschossen hat. Lippis legendäre Nase für Einwechslungen und zwei Tore di Natales retteten den Weltmeister vor der Blamage.

An normalen Tagen kann Lippi auf erstaunlich viele seiner Weltmeister zurückgreifen, die er kennt wie kein anderer Trainer: Buffon, Camoranesi, Materazzi, Pirlo, Grosso. Vor der Partie gegen Bulgarien sind die Azzurri jedoch vom Verletzungspech verfolgt, denn keiner der Genannten ist derzeit fit. „Mehr als zehn Spieler fehlen mir“, beklagte Lippi vorsorglich, verzichtete aber auf formschwache Könner wie Cassano oder den Wolfsburger Barzagli.

Doch mit ehrgeizigen Nachwuchsspielern wie dem in Spanien unter Vertrag stehenden Giuseppe Rossi und Balotelli von Inter Mailand beansprucht Lippi gewohnt selbstbewusst die Favoritenrolle. Sein Konzept: Der italienische Trainer soll 2010 in Südafrika der alte sein, aber für die Reise nach Südafrika will Kapitän Lippi gerne neue, hungrige Spieler an Bord begrüßen.

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Jahrgang 1962, Feuilletonkorrespondent mit Sitz in Wien.

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