08.12.2008 · Mittlerweile lässt es sich nicht mehr unter den Teppich kehren. Die Manipulationsvorwürfe im spanischen Fußball lassen auf einen großen Sumpf schließen. Die Spuren führen diesmal bis ganz nach oben – zum Verband des Europameisters.
Von Paul Ingendaay, MadridDass die Primera División auch ihre Bestechungsfälle hat, ist vielleicht nicht so überraschend, wenn man sich die Korruptionsvergehen in den europäischen Topligen ansieht. Neu allerdings ist, dass die spanischen Skandale sich nicht mehr unter den Teppich kehren lassen. Zwei Fälle wurden in der vergangenen Woche ruchbar: zunächst der Verdacht, Spieler des Zweitligaklubs CD Teneriffa hätten Geld dafür erhalten, dass sie die letzte Saisonpartie gegen den FC Málaga verlieren, wodurch diesem der Aufstieg in die Primera División gelang (ein Handelfmeter in der 93. Minute schenkte Málaga den 2:1-Sieg).
Der Spieler Jesuli sprach von 6000 bis 7000 Euro pro Mann – er selbst habe ebenfalls kassiert, obwohl er verletzungsbedingt habe zuschauen müssen. Im Zwielicht steht auch der letzte Spieltag der Saison 2006/07 der Primera División, an dem Athletic Bilbao mit 2:0 gegen UD Levante gewann und sich auf diese Weise den Klassenverbleib sicherte. Die Enthüllungen über mögliche Manipulation dieser Spiele schlugen so hohe Wellen, dass sich die Staatsanwaltschaft der Fälle annahm.
Mitgeschnittene Gespräche waren im Radio zu hören
Man stellt sich das Ausmisten nach Bestechungsskandalen gern so vor, dass die Untersuchung langsam vom Dunklen ins Helle schreitet und am Ende die Schuldigen benennt. Nicht so in Spanien. Obwohl die mitgeschnittenen Gespräche, in denen Namen und Summen genannt werden, im Radio zu hören waren, haben die Beschuldigten die Aussagen für unwahr und nichtig erklärt. Ob sie juristisch Bestand haben, muss sich noch zeigen.
Besonders explosiv ist das Gespräch über die angeblich manipulierte Partie von Athletic Bilbao gegen Levante. Denn daraus geht hervor, dass nicht nur eine Handvoll Spieler, sondern auch der Schiedsrichter – der heutige spanische Fifa-Referee Velasco Carballo – und selbst der Präsident des Spanischen Fußballverbands (RFEF), Ángel María Villar, Bescheid gewusst haben könnten. Jede Kenntnis oder Beteiligung Villars wurde von Seiten der RFEF umgehend dementiert. Auch Schiedsrichter Carballo bestritt die Vorwürfe.
Zwei Spielergruppen bei Levante mit Unstimmigkeiten
Doch ganz so schnell lässt sich die Sache nicht erledigen. Die Quellen erlauben einen atemraubenden Einblick in einen Mechanismus von Absprachen, betrügerischer Improvisation, Wurschtigkeit und völligem Mangel an Schuldbewusstsein. In einem der beiden Gespräche, das ohne Kenntnis der Beteiligten aufgenommen wurde, unterhalten sich Julio Romero, Präsident des UD Levante, und der damalige Kapitän Iñaki Descarga.
Laut Mitschnitt gab es bei Levante zwei Spielergruppen. Die eine, in der Descarga das Wort führte, plädierte dafür, die „Prämie“ von Athletic Bilbao anzunehmen und das letzte Ligaspiel zu verlieren. Die andere Gruppe um Torwart Molina besaß den Ehrgeiz, die Partie zu gewinnen. Wegen seiner Unlust, den „Pakt“ mitzumachen, stand bei Molina sogar die Vertragsverlängerung in Frage.
„Die da oben wissen doch Bescheid, im Fußballverband?“
„Du siehst das Spiel“, hört man Kapitän Descarga zu Präsident Romero sagen, „und man erkennt gar nicht, dass es manipuliert war (...) In der ersten Halbzeit hatten wir sogar zwei Torchancen (...) Das war ja schon vor zwei Monaten abgesprochen.“ Darauf Romero: „Wenn man den Pakt macht, muss man wissen, mit wem und warum.“ – „Vielleicht war es ein Fehler“, antwortet Descarga, „es nicht mit der ganzen Mannschaft besprochen zu haben, aber andererseits: Wenn ich es allen erzähle, kommt die Sache nicht zustande.“ „Natürlich“, antwortet Romero.
„Wir müssen sagen, dass wir die Partie gewinnen wollten, und sonst war nichts.“ Jetzt wird Descarga deutlich: „Am Ende, glaube ich, haben wir uns mehr Freunde als Feinde gemacht (...) Die da oben wissen doch Bescheid, im Fußballverband? Die wussten das doch, oder? Ich glaube, selbst der Schiedsrichter...“ – „Keine Ahnung“, entgegnet der Präsident, „aber dass der Verband es weiß, darum haben wir uns gekümmert.“ Romero philosophiert dann noch über das Praktische solcher Absprachen und dass man sich damit Freunde fürs Leben schaffe.
Nur Felix Ettien erinnert sich an etwas Sonderbares
Bisher hat die Vereinsführung von Levante alle Manipulationsvorwürfe abgestritten. Der Klub befindet sich in verheerenden finanziellen Umständen und steht vor dem Ruin. Auch Athletic Bilbao schweigt. Die befragten Spieler behaupten, unbedingt den Sieg angestrebt zu haben. Nur Felix Ettien erinnert sich an etwas Sonderbares.
Nach einem Spurt sei er von einem Kameraden angepfiffen worden, er solle nicht so viel rennen. Damals habe er dem keine Bedeutung geschenkt, auch von Geld wisse er nichts. Ettien gibt aber zu, schon in den Wochen vor dem letzten Spieltag sei darüber geredet worden, dass die Mannschaft, welche die Punkte zum Klassenerhalt unbedingt benötige, sie auch bekommen werde. Kapitän Descarga, der inzwischen bei Legia Warschau spielt, hat sich bisher noch keine Stellungnahme entlocken lassen.
Prämien-Wettbewerbsverzerrung wird seit langem kritisiert
Nun muss man wissen, wie es in Spanien läuft: Zum Saisonende versprechen Vereine anderen Klubs Prämien, damit diese sich in bestimmten Spielen besonders reinhängen. Reihum werden Prämien versprochen, so dass der Faktor Geld den Spielbetrieb kontaminiert – über die Summen hinaus, die durch Gehälter und Werbeeinnahmen ohnehin verdient werden. Diese Wettbewerbsverzerrung wird seit langem kritisiert, aber nicht verboten.
Von einer Prämie fürs Gewinnen zu einer Prämie fürs Verlieren mag es in den Köpfen der Spieler dann nur noch ein kleiner Schritt sein. „Der Fußball ist völlig verdorben“, sagte jetzt Iñaki Badiola, der Präsident des Zweitligaklubs Real Sociedad San Sebastián. In Badiolas Wohnzimmer soll die Unterhaltung mit dem Spieler Jesuli aufgenommen worden sein, in welcher der ehemalige Spieler von Teneriffa – freiwillig und in Kenntnis der Bandaufnahme – unglaubliche Details zur Manipulation der Partie zugunsten Málagas im vergangenen Juni preisgab. Es ist an der Zeit, sehr tief zu graben und auf die Staatsanwaltschaft zu hoffen. Bisher sind Manipulationsvorwürfe nämlich immer nur beim spanischen Fußballverband und beim Liga-Schiedsgericht gelandet. Und dort pflegten sie zwischen geduldigen Aktendeckeln zu verschwinden.
Paul Ingendaay Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid.
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