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Manipulationen in China Fußballspieler werden zu Wachsfiguren

26.11.2009 ·  In Chinas Fußball hat die Manipulation Tradition. In Untergrundbars wird das richtig große Geld gemacht. Jährlich werden durch illegale Wetten 50 Milliarden Euro eingenommen. Die Spiele der heimischen Liga sind aber nicht mehr attraktiv genug.

Von Frank Hollmann, Schanghai
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Nach zwei Jahren kehrte der frühere Nationalspieler Jörg Albertz, 2003 Chinas Fußballer des Jahres, den Schanghai Shenhua frustriert den Rücken. Lange habe er nicht begriffen, warum manche Mannschaftskameraden plötzlich mitten im Spiel nur noch herumstanden wie Wachsfiguren, erzählte er beim Abschied. Dann sei ihm klargeworden, welchen Hintergrund die Arbeitsverweigerung hatte. Vor wenigen Tagen erst wurde Albertz bestätigt: Weil Shenhua 2003 Schiedsrichter bestochen hatte, verhängte ein Richter nun eine Geldstrafe von rund 80.000 Euro.

In Chinas Fußball hat die Manipulation Tradition. Anfang November hob die Polizei im nordchinesischen Shenyang ein Syndikat aus. Staatliche Medien berichteten am Donnerstag, im Zusammenhang mit möglichem Wettbetrug bei Fußballspielen in China seien 16 Personen festgenommen worden, darunter ehemalige Spieler, Vereins- und Ligafunktionäre. Der Vizepräsident des Chinesischen Fußballverbandes, Nan Yong, nannte den Wettbetrug, so die Nachrichtenagentur Xinhua, „ein Krebsgeschwür“, das beseitigt werden müsse. „Sonst hat der chinesische Fußball keine stabile, gesunde Umgebung, um sich zu entwickeln“, erklärte Nan.

Bei den jüngsten Ermittlungen wurde auch der Fall des früheren Erstligastürmers Zhang Yifei bekannt. Er wurde 2005 nach einer Niederlage seines Teams feiernd in einer Bar in Nanjing aufgegriffen. In solchen Bars sammeln häufig die „kleinen Buchmacher“, die Xiao Zhuangjia, Einzelwetten von bis zu 10.000 Euro und reichen die an die großen Hintermänner, die Da Zhuangjia, weiter. Diese setzen das eingesammelte Geld dann via Internet weltweit. Die Informationen für obskure Wetten, auch in unteren deutschen Ligen, liefern etwa im Ausland lebende Studenten, live vom Spielfeldrand per Handy. So können Zocker in China sogar auf Einwechslungen und Platzverweise in einem Landesligaspiel wetten, während die Partie 9000 Kilometer westlich noch läuft.

Legales Glücksspiel in den Sonderwirtschaftszonen

Die Chinesen lieben das Spielen und verzocken Milliarden. Im Kampf gegen die Wettmafia überlegt die Kommunistische Partei sogar, das mit der Gründung der Volksrepublik 1949 erlassene Wettverbot zu lockern. Im Frühjahr fanden in Wuhan testweise die ersten legalen Pferderennen statt. 135 Millionen Euro investierte die Stadt am Jangtse in den Kurs.

Am Bedarf zweifelt niemand. Dazu genügt ein Blick in die Sonderwirtschaftszonen, wo Wetten und Glücksspiel auch nach der Übernahme durch die Volksrepublik legal geblieben sind. Beispiel Hong Kong Jockey Club: Erst vor vier Jahren begann der Pferderennsportverein, eine gesellschaftliche Institution der einstigen britischen Kronkolonie, mit Fußballwetten. Heute ist er der größte legale Anbieter weltweit, Jahresumsatz 3,4 Milliarden Euro. Die Gewinne machen den HKJC zum größten Steuerzahler der Stadt.

Die Casinos im benachbarten Macao konnten dieses Jahr schon über vier Millionen Gäste aus der Volksrepublik begrüßen. Letztes Jahr setzten die Spielsalons 10 Milliarden Euro um, genauso viel wie die beiden einzigen legalen Lotterien auf dem chinesischen Festland. Alle anderen Wetten sind illegal, in der Volksrepublik genauso wie in Hongkong und Macao.

WM 2006 verhalf der Wettmafia zu zusätzlichem Boom

Doch gerade in Untergrundbars und verbotenen Spielhöllen wird das richtig große Geld gemacht. 2008 registrierte Chinas Polizei 179.000 Fälle illegalen Spielens. Die Gesamteinnahmen durch illegale Wetten werden auf 100 Milliarden Euro jährlich geschätzt, mehr als die Hälfte davon sind Fußballwetten.

Die Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland verhalf der Wettmafia zu einem zusätzlichen Boom. Schätzungsweise sechzig Prozent aller Onlinewetten während des Turniers wurden in China und Südostasien abgegeben, der Löwenanteil über illegale Kanäle. Noch vor der WM 2006 erschütterte ein Bestechungsskandal den belgischen Profifußball. Drahtzieher soll der Schanghaier Geschäftsmann Ye Zheyun gewesen sein. Die belgischen Behörden fahndeten nach Ye mit einem internationalen Haftbefehl, doch der ist vermutlich irgendwo in China untergetaucht.

„In Europa wird bestochen, in Asien gezockt, in Berlin abkassiert“

Die Spiele der heimischen Liga sind der Wettmafia längst nicht mehr attraktiv genug. Angewidert von all den Skandalen, wenden sich die chinesischen Fußballfans von ihren Klubs ab. Die Stadien sind leer, die Fernseheinschaltquoten eingebrochen. Der Fußball ist auch in China der große Verlierer des Wettskandals.

Angesichts des vergangenen Freitag bekanntgewordenen größten Manipulationsskandals in der europäischen Fußballgeschichte mit mindestens 200 verschobenen Spielen hat Jörg Ziercke, Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA), eine „zunehmende Entgrenzung“ der Wettmafia festgestellt. „In Europa wird bestochen, in Asien gezockt und in Berlin abkassiert“, sagte Ziercke am Donnerstag auf der BKA-Herbsttagung in Wiesbaden mit Blick auf die zunehmenden globale Vernetzung von Kriminellen.

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