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Manchester United Grün-goldene Fußballrevolution

29.03.2010 ·  Die Fans von Bayern Münchens Gegner Manchester United proben den Aufstand. Sie wollen den amerikanischen Eigentümer Glazer loswerden. Und ein Zeichen setzen für die Macht der Basis.

Von Michael Ashelm, Manchester
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Sean Bones hat Husten. Ein grippaler Infekt, den er nicht loswird. Er hat auch keine Zeit, sich auszukurieren. Jeder Tag ist ausgefüllt, jede Stunde äußerst wertvoll. Morgens um sechs beginnt die Schicht in einer Fabrik, wo er Gasuhren zusammenschraubt. Danach widmet er sich seiner eigentlichen Lebensaufgabe, meist bis tief in die Nacht hinein, was ihn im Verlauf der vergangenen Monate viel Kraft gekostet hat. Trotzdem: Bones beißt sich durch, gibt Interviews, telefoniert, knüpft Kontakte und beantwortet Fragen im Internet. An diesem Sonntagnachmittag im März sitzt er in dem kleinen Büroraum, angemietet vom Manchester United Supporters Trust (Must), der einflussreichsten Fanorganisation. Old Trafford liegt um die Ecke. „Da hinten sitzt unser Gegner“, sagt Bones, der zweite Vorsitzende von Must.

Und die Lage spitzt sich zu. Es wird gerungen um die Zukunft eines der erfolgreichsten und teuersten Fußballklubs der Welt. Seit Manchester United vor fünf Jahren ganz und gar von der amerikanischen Unternehmerfamilie Glazer aufgekauft wurde (siehe: Die neuen Hausherren bei Manchester United), formiert sich unter der Anhängerschaft eine Bewegung gegen die Investoren aus Übersee. Dass die Glazers von Beginn an ihre Renditeziele in den Vordergrund gestellt haben und den mehr als hundert Jahre alten Verein kühl kalkulierend ausschließlich als Geldmaschine sehen, sorgt für eine neue Qualität des Widerstands.

Das Ziel ist klar: Die ungeliebten Eigentümer sollen mit dem Druck von der Straße und von den Tribünen vertrieben werden. Aber noch viel mehr: Diese Protestbewegung stellt sich gegen den Turbokapitalismus im englischen Fußball und will stimulierend auf Veränderungen einwirken. „Fußball ist nicht mehr länger Opium, sondern Amphetamin fürs Volk“, schrieb ein Kolumnist im „Independent“.

Titel können nicht besänftigen

Drei Meisterschaften in Folge und der Champions-League-Titel 2008 haben die Massen nicht besänftigen können. In dieser Saison steht der Klub im Viertelfinale der Meisterliga und trifft dort am Dienstag im Hinspiel auf Bayern München. Die Glazers, denen in den Staaten noch der Footballklub Tampa Bay Buccaneers gehört, hatten United 2005 mit Bankdarlehen erworben und diese zurück auf den Verein übertragen. Der einst reichste Klub der Welt hat derzeit Verbindlichkeiten in Höhe von 800 Millionen Euro und Mühe, diese abzubauen. Im Februar besorgte man sich über die Herausgabe einer Anleihe frische Mittel in Höhe von 555 Millionen Euro.

Die Anhänger beklagen, wie wenig Fußballleidenschaft noch da ist. Im Sommer wurde der beliebte Stürmerstar Cristiano Ronaldo für die Rekordsumme von 93 Millionen Euro nach Madrid verkauft, adäquater Ersatz kam nicht, und vielleicht wird ihm sogar Torjäger Wayne Rooney noch folgen. Immer wieder kommen Gerüchte auf, dass Trainer Alex Ferguson Kosten drücken muss. 75 Pence von jedem Pfund Gewinn sollen die Glazers erhalten, behauptet Bone. Dafür werden Eintrittspreise konstant erhöht, auf manchen Plätzen vor dieser Saison um mehr als 50 Prozent. „Der Klub soll ausgesaugt werden. Die Fans sind am Ende die Dummen. Das machen wir nicht mit“, sagt Bones.

Der Protest wird kämpferischer

Alles zusammen stachelt die aufgebrachten Anhänger nur noch mehr an. Der Protest wird kämpferischer, die Gesänge gegen die Besitzer höhnischer, die Plakatsprüche provokativer. Sogar von Boykott war schon die Rede. Das Theatre of Dreams, wie das Stadion von Manchester United heißt, ist für die Glazers und das Management inzwischen mehr ein Ort für Albträume. Am meisten trifft den Klub wohl der optische Auftritt des Widerstands, der ganz gezielt Merchandising und Corporate Identity des Vereins schwächen soll. Demonstrativ tragen viele Anhänger nicht mehr Rot-Schwarz, sondern grün-goldene Schals oder Trikots. Es sind die Farben des Eisenbahnerklubs, des alten Vorgängervereins von United. Fliegende Händler verkaufen die heiße Ware vor dem Stadion im Zeichen der grün-goldenen Fußballrevolution.

Die straff organisierte Fanorganisation Must ist in wenigen Wochen sprunghaft gewachsen, aus 30.000 Mitgliedern sind 150.000 geworden. Die Web-Gurus der Internetagentur Blue State Digital, die im Obama-Wahlkampf die Massen für den amerikanischen Präsidenten mobilisierten, helfen, die Kampagne in die ganze Welt hinauszutragen. 330 Millionen Fans soll United rund um den Globus haben.

1998 stemmte sich Must mit Erfolg gegen den Einstieg des Medienmoguls Murdoch; 2005 folgte die Niederlage gegen Glazer, wofür sich alle nun revanchieren wollen. Fanfunktionär Bones zieht da in seiner Begeisterung große Vergleiche. „Die Entwicklung ist nicht mehr aufzuhalten, wie damals, als die Berliner Mauer fiel.“

Die Vereinsführung reagiert nervös

Was den Kampf des Fußvolks ausgesprochen interessant macht, ist die enge Verbindung zu einigen der reichsten Briten. Ein exklusiver Kreis wohlhabender United-Anhänger hat sich zu den Red Knights (Rote Ritter) zusammengeschlossen, welche mit der Fanbasis von Must den Glazers eine Offerte zum Kauf von United unterbreiten wollen (siehe: Manchester United: Der Aufstand der Edelfans). An der Spitze der Roten Ritter stehen Börsenmakler, Hedge-Fonds-Manager, Agenturbosse oder Banker wie der Chefvolkswirt von Goldman Sachs, Jim O'Neill, der aus Manchester stammt. Von rund 1,5 Milliarden Euro ist die Rede, die vom Arbeiter bis zum Superreichen nun bald für die spektakuläre Transaktion aufgebracht werden sollen. Japans größte Investmentbank Nomura beschäftigt sich im Auftrag der Interessenten angeblich schon mit der Abwicklung.

Das Management von Manchester United zeigt sich nervös. Gerade wurde einem Kioskverkäufer im Stadion gekündigt, weil er während eines Heimspiels den grün-goldenen Schal trug. Der hauseigene Fernsehsender zensiert Bilder und Aussagen und hat dafür bei den Fans schon einen neuen Namen weg: „Prawda“. Betreuer, Spieler und Offizielle des Vereins sind angewiesen, das Thema in der Öffentlichkeit strikt auszusparen.

Trainer Alex Ferguson, als junger Mann einmal Betriebsratsmitglied in einer Glasgower Werft, sieht den Protest gelassen. Solange seine Spieler auf dem Platz unterstützt würden, könne jeder sagen und tragen, was er wolle. „Bei uns sind alle Sünder willkommen.“ David Gill, Geschäftsführer des Klubs, ist besorgter und tut die organisierte Protestbewegung als Utopie einiger Fußballromantiker ab. „Die Glazers wollen nicht verkaufen“, sagt er.

Themen für den Wahlkampf

Die Zurückeroberung eines Fußballklubs durch Fans trifft den Nerv der Zeit. Während Spekulation und Phantasie von Investoren die Premier League zur stärksten Fußballliga der Welt gemacht haben, verweigern sich immer mehr Anhänger dem allzu extremen Fußballkapitalismus. Vereine haben sich hoch verschuldet, gehen pleite, wechseln andauernd die Besitzer und stellen für einen Teil der Basis keine echte Heimat mehr dar. Als Zeichen des Protest kauften vor zwei Jahren 50.000 Fans den fünftklassigen Klub Ebbsfleet United bei London in einer beispielhaften Internetaktion auf und sind seither alleinige Entscheider.

In Manchester soll das Thema Mitbestimmung bei Fußballklubs gar in den britischen Wahlkampf eingebracht werden, um für noch mehr Aufmerksamkeit zu sorgen. Bones nennt den deutschen Fußball, wo die Fans nicht nur durch moderate Eintrittspreise verwöhnt werden, sondern die Klubs durch eine Klausel im Mehrheitsbesitz der Vereinsmitglieder bleiben. „Da wollen wir hin“, sagt er. Dann klingelt bei ihm das Mobiltelefon, und er gibt sein nächstes Interview.

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