28.07.2011 · Obwohl Mainz 05 einen Umbruch hinter sich hat, will sich das Überraschungsteam der Vorsaison seine Belohung für Rang fünf abholen. In der Europa League soll es mehr als nur eine Qualifikationsrunde gegen Gaz Metan Medias geben.
Von Daniel Meuren, MainzMan könnte meinen, die Mainzer Kommunalpolitiker hätten vor vielen Jahren prophetische Gaben besessen. Da gaben sie einem Kreisverkehr vor den Toren der Stadt den Namen Europakreisel, und so wehten dort schon die Fahnen aller Staaten der Europäischen Union, als er noch nicht die Zufahrt zum neuen Mainzer Stadion war. An diesem Donnerstag nun trägt Mainz 05 nicht nur sein erstes Pflichtspiel in der Arena aus - es ist auch gleich noch ein richtiger Europapokalabend.“Das ist ein ganz großer Tag für unseren Verein", sagt Präsident Harald Strutz voller Vorfreude auf das Qualifikations-Hinspiel für die Europa League gegen den rumänischen Meisterschaftssiebten Gaz Metan Medias (20.30 Uhr, live im ZDF).
Noch nie war Mainz Austragungsort eines Europapokalspiels. Im Jahr 2005, als die Fairplay-Wertung zur bislang einzigen Teilnahme am Uefa-Pokal verholfen hatte, musste der Verein für die Heimspiele noch nach Frankfurt umziehen, da das eigene Stadion nicht den Ansprüchen der Uefa genügt hatte.
Sechs Spielzeiten später ist alles anders: Mainz 05 hat kaum noch etwas gemein mit jenem Klub, den Jürgen Klopp Mitte des vergangenen Jahrzehnts zum ersten Mal überhaupt in die Bundesliga geführt hatte. Womöglich ist der Verein sogar schon wieder ein völlig anderer als noch am Ende der vergangenen Saison, die mit Platz fünf in der Bundesliga den bislang größten Erfolg bescherte. Der Stadionneubau bietet 34.500 statt bislang nur 20.300 Zuschauern in der bisherigen Spielstätte am Bruchweg Platz, zudem sind die Vermarktungsmöglichkeiten deutlich lukrativer. So stehen Manager Christian Heidel mittlerweile 28 statt zuvor nur 22 Millionen Euro für den Personaletat zur Verfügung.
Auch deshalb hat der Verein abermals einen personellen Umbruch erlebt. Trainer Thomas Tuchel spricht gar von einer „hundertprozentig anderen Mannschaft“. Der Verein hat neun meist junge, talentierte Neuzugänge verpflichtet und den Kader vor allem in der Offensive verstärkt. Aus der zweiten Liga sind Zoltan Stieber (Alemannia Aachen) und Nicolai Müller (Greuther Fürth) gekommen, dazu wechselten der Österreicher Julian Baumgartlinger und das Talent Yunus Malli von den A-Junioren von Borussia Mönchengladbach nach Mainz. Für den aus Norwegen verpflichteten Nigerianer Anthony Ujah hat der Klub zudem mit einer einer Ablösesumme von 2,8 Millionen Euro ungewöhnlich viel Geld ausgegeben.
Wer wird der neue Schürrle?
Allerdings verließen die exzellenten Profis Christian Fuchs, Lewis Holtby (beide zu Schalke 04) und der deutsche Nationalspieler André Schürrle (Leverkusen) den Verein. Vor allem Letzterer hat mit seinem Weggang ein spannendes Quiz mit dem Titel „Wer wird der neue Schürrle?“ in Gang gesetzt. Der 20 Jahre alte Protagonist der „Bruchweg Boys“, für den Bayer Leverkusen zehn Millionen Euro zu zahlen bereit war, hinterlässt nicht nur wegen seiner 15 Tore in der Vorsaison eine große Lücke; für seine potentiellen Nachfolger ist sein Abschied zugleich eine erhebliche Bürde. „Wir dürfen aber unsere Neuzugänge nicht ständig an den Jungs vom vergangenen Jahr messen“, sagt Kapitän Nikolce Noveski. „Sie spüren sicher eine Riesenlast, weil jeder erwartet, dass sie André Schürrle oder Lewis Holtby eins zu eins ersetzen sollen. Wir müssen uns aber als Mannschaft einen neuen Weg zum Erfolg suchen.“
Die Boygroup war also gestern, künftig soll Mainz 05 eine neue Identität mit neuen Zielen entwickeln. Dabei warnt Trainer Tuchel seit einigen Tagen vehement vor allzu großem Optimismus. „Wir dürfen uns nicht blenden lassen von Platz fünf und von der Europapokalteilnahme“, sagt der 37 Jahre alte Fußballlehrer. „Die neue Saison wird eine Herkulesaufgabe.“ Vor allem auch wegen der gestiegenen Erwartungen der Anhänger. Der Verein hat ohne Schwierigkeiten 25-000 Dauerkarten verkauft. Doch selbst mit den neuen finanziellen Möglichkeiten bleibt der Klub weit entfernt von der Finanzkraft der Großvereine von Bayern München bis zum VfB Stuttgart. Deshalb hat Manager Heidel auch keine Furcht vor der möglichen Rückkehr seines Klubs ins Bundesliga-Mittelmaß. „Wenn man unter einem Einbruch versteht, dass wir auf Platz zehn oder zwölf getippt werden, dann ist das schon recht lustig“, sagt der 47 Jahre alte Mainzer zu den Prognosen der Experten.
Gegner mit Kuriositäten
So gelassen der Klub in die Bundesligasaison geht, so wenig will man an diesem europäischen Festabend Zweifel aufkommen lassen an den Ambitionen. „Sicher dürfen wir den Gegner nicht unterschätzen. Rumänische Mannschaften haben allgemein richtig gute Fußballer dabei“, sagt Kapitän Noveski zum unbekannten Gegner aus Siebenbürgen. Der Gast aus der einst von Deutschen gegründeten Stadt in Transsylvanien, der Heimat Draculas, stellt eine Mannschaft mit manch kurioser Note.
Sie verlor beispielsweise als Tabellensiebter in Rumäniens höchster Spielklasse lediglich siebenmal, trennte sich aber 13 Mal unentschieden vom Gegner - das Team scheint also nur schwer zu schlagen zu sein. Ein Spieler hatte sich 2006 für drei Jahre vom Feld verabschiedet und sich der Hallenfußballvariante Futsal verschrieben. Der jordanische Nationalspieler Thaer Bawab brachte das seltene Kunststück fertig, seine Karriere nach einer Station bei Real Madrid ohne Umweg beim FC Barcelona fortzusetzen, ohne den Hass beider Fanlager auf sich zu ziehen - sein Wechsel spielte sich allerdings auch nur zwischen der „C“-Mannschaft von Real und der „B“-Elf von Barca ab. Um den besten Spieler des Teams gab es nun ausgerechnet vor dem Spiel in Mainz Ungereimtheiten. Der brasilianische Spielmacher Eric Pereira de Oliveira blieb in Rumänien, da es Unklarheiten bezüglich seines Vertrages gibt. Angeblich strebt der technisch starke Spielmacher einen Wechsel zum ukranischen Spitzenteam aus Lviv an.
Für den Mainzer Kapitän Noveski sind all diese Ungewissheiten bezüglich des Gegners kein Grund für Verunsicherung in seiner Mannschaft. „Es ist sicher manchmal leichter, gegen einen starken, aber bekannten Gegner aus England oder Spanien zu spielen, weil das irgendwie Europapokal ausmacht. Wir lernen jetzt eher die unbekannte Seite des Europapokals kennen und auch das hat seinen Reiz“, sagt Noveski. „Aber wir haben uns nicht ein Jahr lang für die Europapokalteilnahme gequält, um nun schon in der Qualifikation rauszufliegen.“ Stattdessen will Mainz 05 noch ein paar Runden im Europakreisel drehen.