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Mainz 05 im Trainingslager Mit dem Geist von Camp Nou

08.01.2011 ·  Verwechslung erwünscht: Nach dem Trainingslager neben der Fußball-Kathedrale des FC Barcelona sollen die Mainzer Fußballprofis an Großes glauben. Sogar das Wort Champions League nehmen sie schon in den Mund.

Von Daniel Meuren, Barcelona
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In den vergangenen Tagen herrschte rund um den Trainingsplatz des Estadio Camp Nou, der legendären Heimspielstätte des FC Barcelona, immer mal wieder Verwirrung unter zufällig vorbeilaufenden Touristen. „Ist das da Messi?“, lautete die Frage eines nicht ganz so fußballkundigen Passanten, der auf Eugen Gopko zeigte. Statt des großen FC Barcelona mit all seinen Stars wie Lionel Messi, Xavi oder Andres Iniesta übte der FSV Mainz 05 dicht an den Außenmauern der größten Fußballkathedrale Europas (99 000 Plätze). Der vermeintliche Messi Gopko fühlte sich zwar verlegen schmunzelnd „geehrt“ von der Verwechslung; das bislang gerade einmal in der Bundesliga eingesetzte Talent sieht aber „vom Aussehen und von den fußballspielerischen Fähigkeiten her erst recht gar keine Ähnlichkeiten“ mit dem Weltstar aus Argentinien.

Dennoch gab es fernab von äußerlichen Unterschieden zwischen dem südländisch gebräunten Messi und den auch nach fünf Tagen im etwas milderen Klima Kataloniens noch winterlich bleichen Gesichtern der Mainzer Spieler schon eine gewisse Verwechslungsgefahr: Tatsächlich arbeitet Trainer Thomas Tuchel in vielen Kleinigkeiten sehr ähnlich wie das große Vorbild aus Spanien. Der 37 Jahre alte Fußballlehrer lässt wie der FC Barcelona fast ausschließlich auf sehr kleinen Feldern arbeiten. Zudem baut er ständig komplizierte Sonderregeln in die Übungen ein. Ein Ligaspiel auf dem im Vergleich zum Trainingsplatz gut viermal so geräumigen Feld soll sich dann „leicht“ anfühlen.

Anfall von Größenwahn?

Dass Mainz 05 bis Freitag direkt neben dem 99 000 Zuschauer fassenden Camp Nou in Manier des Champions-League-Siegers von 2009 übte, könnte wie ein Anfall von Größenwahn erscheinen. „Wir sind hier aber nicht hergekommen, damit wir uns schon mal den Rasen fürs Champions-League-Spiel im nächsten Jahr anschauen“, sagt Christian Heidel, Manager des in dieser Spielzeit auf Rang zwei nach der Bundesliga-Hinrunde so überraschend gut plazierten Emporkömmlings. „Wir haben das aus rein praktischen Gründen gemacht.“

Trainer Tuchel wollte trotz der äußerst kurzen Winterpause wenigstens für fünf Tage dem deutschen Winterwetter entfliehen, aber die Anreisezeit so kurz wie möglich halten. „Dass wir dann tatsächlich diesen Trainingsplatz direkt neben dem Stadion bekommen haben, ist das i-Tüpfelchen“, sagt Tuchel. „Hier herrscht ein guter Geist, auf diesem Boden sind schon großartige Leistungen gewachsen.“ Bis zum Umzug des FC Barcelona in das neue Trainingsgelände vor den Toren der Stadt vor gut drei Jahren schulten auf diesem Platz Generationen von Spitzentrainern wie Udo Lattek, César Luis Menotti oder der heutige Bayern-Coach Louis van Gaal ihre Ausnahmespieler: Maradona, Bernd Schuster oder Ronaldinho – gemäß dem Klubmotto „Més que un club“ („Mehr als nur ein Klub“).

„Wir müssen uns erlauben, groß zu denken

Diesen Geist von Camp Nou wollte Tuchel seinen Spielern vermitteln. Und das, obwohl der Trainingsplatz in direkter Nachbarschaft der Jugendakademie La Masía, die in den vergangenen drei Jahrzehnten so viele Weltstars hervorgebracht hat, weder besonderen Luxus, noch die richtigen Abmessungen bietet. Tuchel hat sogar eigenhändig mit einem Maßband überprüft, ob die offiziellen Angaben von nur 80 mal 52 Metern stimmen. Ein normales Spielfeld misst 105 mal 70 Meter. „Für mich ist das ein Symbol dafür, dass man auch mit einer gewissen Bescheidenheit Weltklasse erzeugen kann“, sagt der Trainer.

Ganz so weit wird es Mainz 05, das bei einem Personaletat von 16 Millionen Euro mit weniger als einem Zehntel des finanziellen Volumens eines Klubs wie Barcelona auskommen muss, dann trotz der Tage auf dem gesegneten Grund wohl nicht bringen. Aber die Tage von Barcelona sollen nach den Worten Tuchels dazu beitragen, dass seine Spieler noch mehr an sein Credo glauben: „Wir müssen uns erlauben, groß zu denken.“ Jung-Nationalspieler Lewis Holtby nahm sich die Aufforderung des Trainers zu Herzen, indem er sagte, „dass wir hier nicht nur mit den Augen blinzeln und Camp Nou bestaunen dürfen, sondern auch daran denken müssen, dass wir der Zweite der Bundesliga sind“.

Der Traum von einem internationalen Wettbewerb

Entsprechend gestatten sich die Mainzer, die auf Neuverpflichtungen in der Winterpause wahrscheinlich verzichten und stattdessen den Kader um Jan Simak und Morten Rasmussen reduzieren wollen, von einem internationalen Wettbewerb zu träumen. Der bereits von vorherigen Profi-Stationen in der europäischen Königsklasse erfahrene Andreas Ivanschitz nahm sogar das Wort Champions League in den Mund. „Wenn wir das schaffen würden, wäre das eine unglaubliche Geschichte“, sagt der Österreicher. „Bevor wir träumen, müssen wir aber jeden einzelnen Tag hart arbeiten.“ Auch für Tuchel selbst mag der Aufenthalt in Katalonien eine Inspiration als Trainer sein. Er ist ein bekennender Fan des FC Barcelona und von dessen Klubphilosophie. „Es ist aber erstaunlich, wie weit der Zauber eines solchen Stadions weg ist, wenn man voll konzentriert in der Trainingsarbeit drinsteckt“, sagt Tuchel.

Derart fokussiert auf seinen Job bekam der Mainzer Trainer auch nicht mit, dass am Dienstag der mächtige Präsident des FC Barcelona bei einem Besuch der Jugendakademie kurz das Training von Mainz 05 beobachtete. Weder der Trainer noch die Spieler, die direkt vor der Parkbucht seiner Luxuskarosse übten, waren Sandro Rosell indes bekannt. Aber das könnte sich ja nach weiteren 17 Bundesliga-Spielen und einer günstigen Champions-League-Auslosung mit einer Rückkehr der Mainzer nach Camp Nou ändern.

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Jahrgang 1973, Sportredakteur.

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