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Lothar Matthäus im Gespräch : Die Mannschaft braucht Ballack nicht mehr

  • Aktualisiert am

Lothar Matthäus im Mittelpunkt der Alt-90er: mit Bundestrainer-Assistent Holger Osieck (l.), Guido Buchwald und Paul Steiner (r.) Bild: dpa

Vor 20 Jahren holte Lothar Matthäus mit Deutschland den WM-Titel. Als Trainer ist der heute 50 Jahre alte Franke bisher weniger erfolgreich, als Kommentator aber international gefragt. Im F.A.Z.-Interview spricht er über 1990 und die Nationalspieler von heute.

          Am Wochenende traf sich die Weltmeistermannschaft von 1990 in Rust, um das Jubiläum ihres Titelgewinns zu feiern. 17 der 22 Spieler kamen, darunter auch der damalige Kapitän Lothar Matthäus, der durch überragende Leistungen großen Anteil am Triumph hatte. Als Fußball-Lehrer war der heute 50 Jahre alte Franke bisher weniger erfolgreich, als Kommentator ist Matthäus international gefragt. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung spricht er über den WM-Titel 1990 und die Nationalspieler von heute.

          Die deutsche Nationalmannschaft begeisterte in Südafrika als spielstarker Dritter die Fußball-Welt, so wie Ihre Mannschaft 1990, als sie Weltmeister wurde. Welches Team war das bessere?

          Wir sind seinerzeit verdientermaßen Weltmeister geworden; die Mannschaft von 2010 hätte es verdient gehabt, Weltmeister zu werden. Aber eine Garantie auf künftige Titel gibt es deswegen noch lange nicht. Ein schwacher Tag in einem K.-o.-Spiel im Achtelfinale kann schon das frühzeitige Aus bedeuten. Die deutsche Mannschaft hatte gegen England ja Glück, dass Lampards korrektes Tor, das der 2:2-Ausgleich gewesen wäre, nicht anerkannt wurde. Ein 2:2 nach einer 2:0-Führung der Deutschen hätte meines Erachtens zu einem psychischen Knacks geführt. Ob die junge Mannschaft diesen Ausgleich weggesteckt hätte? Zumindest hat ihr der Schiedsrichter gegen England sehr geholfen, denn sonst wäre es vielleicht dann schon zu Ende gewesen.

          Der große Tag: Lothar Matthäus mit dem WM-Pokal nach dem Finalsieg 1990

          Der Kapitänsstreit zwischen Lahm und Ballack war ein großes Thema, wie war damals Ihre Rolle gegenüber dem Teamchef und ihren Mitspielern?

          Ich habe nach wie vor ein großartiges Verhältnis zu Franz, den ich auch immer wieder in Salzburg besuche. Durch die WM in Italien habe ich in ihm auch einen guten Begleiter für mein Leben gefunden. Speziell am Tag vor den Spielen hatte der Teamchef immer eine eigene Sitzung mit mir, in der er die Atmosphäre in der Mannschaft noch besser herausspüren und meine Meinung darüber hören wollte, welcher Spieler gerade besonders gut drauf sei. Ein Vorteil für uns als Team war auch, dass sich Führungsspieler wie Völler, Littbarski, Brehme und ich schon seit gemeinsamen Tagen in der „U 21“ kannten. Egal, wer von uns vieren Kapitän geworden wäre, die anderen drei hätten ihn genauso unterstützt, wie ich unterstützt worden bin. Diese in der gesamten Mannschaft anerkannten Spieler waren wie eine Schutzwand für mich. Das ist für einen Kapitän wichtig – so wie jetzt auch Bastian Schweinsteiger oder Arne Friedrich für den deutschen WM-Kapitän Philipp Lahm wichtig waren.

          Können Sie Lahm verstehen, der während der WM mit schönem Gruß an den verletzten Kapitän Michael Ballack gesagt hat, die Spielführerbinde am liebsten nicht mehr herzugeben?

          Nach dieser WM hat sich in der Hierarchie einiges verschoben. Ballack war ein guter Kapitän und hat viel für den deutschen Fußball geleistet. Die WM hat aber gezeigt, dass die deutsche Mannschaft Michael Ballack nicht mehr braucht. Jetzt muss der Trainer, und ich hoffe, dass er weiter Joachim Löw heißen wird, eine Entscheidung in Sachen Ballack finden.

          Soll er also zurückkommen oder nicht? Sie kennen ja die Situation als Kapitän und Platzhirsch, der nach einer längeren Pause zur EM 2000 zur Nationalelf zurückkehrte.

          Körperlich habe ich mich noch fit gefühlt. 1999 bin ich noch „Spieler des Jahres“ in Deutschland geworden. Sportlich war es vielleicht auch nachvollziehbar, dass mich Erich Ribbeck zur EM 2000 aus New York (wo Matthäus für die Metro Stars in der Major League Soccer spielte) zurückholte. Im Nachhinein hätte ich nach dem Ausschluss über fast drei Jahre von 1995 bis 1998 das Nationaltrikot besser nicht mehr angezogen – trotz der 150 Länderspiele, auf die ich es als Rekordnationalspieler gebracht habe. Es war ein Fehler, es noch einmal zu versuchen. Und diese Erkenntnisse würde ich auch gern an Michael Ballack weiterreichen, der fast 34 Jahre alt ist. Er hatte nach seiner Zeit beim FC Chelsea zwei Angebote aus der Bundesliga, von Wolfsburg und von Leverkusen – zwei Vereine, die ich nicht zu den internationalen Topklubs zähle. Daran sieht man, dass das Alter oder auch die Leistungen von Michael den großen europäischen Klubs nicht mehr gut genug vorkamen. Michael war in Chelsea nicht mehr ein gesetzter Stammspieler. Daran sollte man die Zeichen der Zeit erkennen.

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