Home
http://www.faz.net/-gtm-6k1rg
Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Lothar Matthäus im Gespräch Die Mannschaft braucht Ballack nicht mehr

 ·  Vor 20 Jahren holte Lothar Matthäus mit Deutschland den WM-Titel. Als Trainer ist der heute 50 Jahre alte Franke bisher weniger erfolgreich, als Kommentator aber international gefragt. Im F.A.Z.-Interview spricht er über 1990 und die Nationalspieler von heute.

Artikel Bilder (6) Lesermeinungen (10)

Am Wochenende traf sich die Weltmeistermannschaft von 1990 in Rust, um das Jubiläum ihres Titelgewinns zu feiern. 17 der 22 Spieler kamen, darunter auch der damalige Kapitän Lothar Matthäus, der durch überragende Leistungen großen Anteil am Triumph hatte. Als Fußball-Lehrer war der heute 50 Jahre alte Franke bisher weniger erfolgreich, als Kommentator ist Matthäus international gefragt. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung spricht er über den WM-Titel 1990 und die Nationalspieler von heute.

Die deutsche Nationalmannschaft begeisterte in Südafrika als spielstarker Dritter die Fußball-Welt, so wie Ihre Mannschaft 1990, als sie Weltmeister wurde. Welches Team war das bessere?

Wir sind seinerzeit verdientermaßen Weltmeister geworden; die Mannschaft von 2010 hätte es verdient gehabt, Weltmeister zu werden. Aber eine Garantie auf künftige Titel gibt es deswegen noch lange nicht. Ein schwacher Tag in einem K.-o.-Spiel im Achtelfinale kann schon das frühzeitige Aus bedeuten. Die deutsche Mannschaft hatte gegen England ja Glück, dass Lampards korrektes Tor, das der 2:2-Ausgleich gewesen wäre, nicht anerkannt wurde. Ein 2:2 nach einer 2:0-Führung der Deutschen hätte meines Erachtens zu einem psychischen Knacks geführt. Ob die junge Mannschaft diesen Ausgleich weggesteckt hätte? Zumindest hat ihr der Schiedsrichter gegen England sehr geholfen, denn sonst wäre es vielleicht dann schon zu Ende gewesen.

Der Kapitänsstreit zwischen Lahm und Ballack war ein großes Thema, wie war damals Ihre Rolle gegenüber dem Teamchef und ihren Mitspielern?

Ich habe nach wie vor ein großartiges Verhältnis zu Franz, den ich auch immer wieder in Salzburg besuche. Durch die WM in Italien habe ich in ihm auch einen guten Begleiter für mein Leben gefunden. Speziell am Tag vor den Spielen hatte der Teamchef immer eine eigene Sitzung mit mir, in der er die Atmosphäre in der Mannschaft noch besser herausspüren und meine Meinung darüber hören wollte, welcher Spieler gerade besonders gut drauf sei. Ein Vorteil für uns als Team war auch, dass sich Führungsspieler wie Völler, Littbarski, Brehme und ich schon seit gemeinsamen Tagen in der „U 21“ kannten. Egal, wer von uns vieren Kapitän geworden wäre, die anderen drei hätten ihn genauso unterstützt, wie ich unterstützt worden bin. Diese in der gesamten Mannschaft anerkannten Spieler waren wie eine Schutzwand für mich. Das ist für einen Kapitän wichtig – so wie jetzt auch Bastian Schweinsteiger oder Arne Friedrich für den deutschen WM-Kapitän Philipp Lahm wichtig waren.

Können Sie Lahm verstehen, der während der WM mit schönem Gruß an den verletzten Kapitän Michael Ballack gesagt hat, die Spielführerbinde am liebsten nicht mehr herzugeben?

Nach dieser WM hat sich in der Hierarchie einiges verschoben. Ballack war ein guter Kapitän und hat viel für den deutschen Fußball geleistet. Die WM hat aber gezeigt, dass die deutsche Mannschaft Michael Ballack nicht mehr braucht. Jetzt muss der Trainer, und ich hoffe, dass er weiter Joachim Löw heißen wird, eine Entscheidung in Sachen Ballack finden.

Soll er also zurückkommen oder nicht? Sie kennen ja die Situation als Kapitän und Platzhirsch, der nach einer längeren Pause zur EM 2000 zur Nationalelf zurückkehrte.

Körperlich habe ich mich noch fit gefühlt. 1999 bin ich noch „Spieler des Jahres“ in Deutschland geworden. Sportlich war es vielleicht auch nachvollziehbar, dass mich Erich Ribbeck zur EM 2000 aus New York (wo Matthäus für die Metro Stars in der Major League Soccer spielte) zurückholte. Im Nachhinein hätte ich nach dem Ausschluss über fast drei Jahre von 1995 bis 1998 das Nationaltrikot besser nicht mehr angezogen – trotz der 150 Länderspiele, auf die ich es als Rekordnationalspieler gebracht habe. Es war ein Fehler, es noch einmal zu versuchen. Und diese Erkenntnisse würde ich auch gern an Michael Ballack weiterreichen, der fast 34 Jahre alt ist. Er hatte nach seiner Zeit beim FC Chelsea zwei Angebote aus der Bundesliga, von Wolfsburg und von Leverkusen – zwei Vereine, die ich nicht zu den internationalen Topklubs zähle. Daran sieht man, dass das Alter oder auch die Leistungen von Michael den großen europäischen Klubs nicht mehr gut genug vorkamen. Michael war in Chelsea nicht mehr ein gesetzter Stammspieler. Daran sollte man die Zeichen der Zeit erkennen.

Bei der WM 1990 glänzten noch die Stars – wie Matthäus, Maradona, van Basten oder Lineker. In Südafrika kam von den vermeintlich Großen des Weltfußballs fast nichts. Woran lag das?

Die Superstars wie Ronaldo, Messi oder Rooney haben in den falschen Mannschaften gespielt. Vor der WM dachte man, irgendeiner von denen wird’s. Dazu hätten aber auch intakte Mannschaften gehört, wie es bei uns 1990 der Fall war. Auch ein Star braucht ein starkes Team. Das ist bei Portugal mit Ronaldo, Argentinien mit Messi, Brasilien mit Kaká oder England mit Rooney letztlich nicht der Fall gewesen. Argentinien zum Beispiel hat eine Unmenge taktischer Fehler gemacht – tut mir leid für Diego Maradona, der in dieser Hinsicht als Trainer seine Aufgabe nicht erfüllt hat. Die Spieler abzuküssen, das langt heutzutage nicht, um eine Mannschaft zu motivieren.

Warum haben die Deutschen gegen Gegner wie England oder Argentinien so gut ausgesehen und gegen Mannschaften wie Serbien, Ghana und vor allem Spanien Schwierigkeiten gehabt?

Deutschland hat stark gespielt gegen Mannschaften, die ein anderes System wie sie selbst (4-2-3-1) praktiziert haben. Also gegen England mit einem 4-4-2, und gegen Argentinien mit einem 5-0-5 teilweise, fünf Verteidiger und fünf vorne. Die Teams, die offen mitgespielt haben, sind den Deutschen entgegengekommen. Gegen Ghana mit einem Fünfermittelfeld hatten die Deutschen es schwer; gegen Serbien auch, die statt des Stürmers Pantelic einen weiteren Mittelfeldspieler einsetzten; gegen Uruguay, die nur teilweise ihr Mittelfeld verdichteten, weil Forlán und Suárez doch oft vorne stehen blieben, fiel ihnen ihr Angriffsspiel leichter. Die Deutschen haben immer dann attraktiv gespielt und sich Chancen herausgearbeitet, wenn sie im Mittelfeld einen Mann mehr hatten.

Warum waren die Deutschen so chancenlos gegen Spanien?

Der spanische Trainer hat seine Hausaufgaben sehr gut gemacht und die Deutschen den Ball erst gar nicht kontrollieren lassen. Spanien hat frühzeitig gestört. So konnte man das Offensivspiel nicht so vorantreiben, um die Spitzen wie in den Spielen zuvor in Position zu bringen. Spanien hatte auch die erfahreneren und besseren Einzelspieler als die deutsche Mannschaft. Spanien ist völlig zu Recht gegen die Niederlande Weltmeister geworden. Wie Holland mit seinen hervorragenden Spielern das Endspiel bestritten hat, das hatte mit Fußball wenig zu tun. Sie wollten nur das Spiel der Spanier zerstören.

Was hat Sie bei der WM am meisten enttäuscht?

Viele Fehlentscheidungen der Schiedsrichter, auch wenn der Internationale Fußball-Verband sagt, sie hätten gut gepfiffen. Tatsächlich waren Aussetzer dabei, die Einfluss auf die Ergebnisse der Spiele genommen haben – wie das Bloemfontein-Tor der Engländer gegen Deutschland oder das argentinische Abseitstor gegen Mexiko. In der Vorrunde und auch zu Beginn der K.-o.-Runde waren viele Partien sehr schwach. Generell fehlte es an Phantasie im Spiel und bei den Standardsituationen.

Was war die positivste Erkenntnis?

Die vielen starken jungen Spieler, aus denen der Münchner Thomas Müller noch herausragte. Er war für mich der Aufsteiger, vielleicht sogar der beste Spieler der WM – nicht nur wegen seiner fünf Tore und drei Assists. Wie wichtig er schon für das deutsche Spiel ist, zeigte sich leider beim verlorenen Halbfinale gegen Spanien. Da war er gesperrt und hat seiner Mannschaft sehr gefehlt.

Sie waren bei der WM 1990 der herausragende Spieler. Als Trainer jedoch haben Sie in Deutschland nicht Fuß gefasst. Warum eigentlich nicht?

Ich habe als Trainer im Ausland bei den Voraussetzungen, unter denen ich etwa bei Partizan Belgrad oder mit der ungarischen Nationalmannschaft arbeitete, Erfolge gehabt. In Deutschland sind bei meiner Bewertung als Trainer auch immer wieder private Dinge dazugekommen, die mit dem Trainerberuf nichts zu tun haben. Dass ich ein paarmal auf dem roten Teppich war, ob bei Oscar- oder Bambi-Verleihungen, hat man mir angekreidet, obwohl ich solche gesellschaftlichen Veranstaltungen immer nur besucht habe, wenn ich gerade Zeit und keinen Trainerjob hatte. In meinem Beruf aber versuche ich alles, was ich vom Fußball weiß, ob im physischen, psychischen, taktischen oder technischen Bereich, auf meine Mannschaften zu übertragen. Wer daran zweifelt, möge sich doch bitte im Ausland erkundigen.

Das Gespräch führte Roland Zorn.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel
Umfrage

Wie halten Sie es mit dem Confed-Cup?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.

Umfrage

Wer war Ihr Spieler der Rückrunde?

3171 Stimmen wurden abgegeben.

45%
Franck Ribéry
25%
Robert Lewandowski
25%
Bastian Schweinsteiger
5%
Mario Götze
Die Umfrage ist geschlossen. Alle Umfragen
Umfrage

Wer war der beste Torwart der Rückrunde?

2338 Stimmen wurden abgegeben.

26%
Manuel Neuer (München)
12%
René Adler (Hamburg)
49%
Roman Weidenfeller (Dortmund)
10%
Kevin Trapp (Frankfurt)
3%
Marc-André ter Stegen (M’gladbach)
Die Umfrage ist geschlossen. Alle Umfragen

Malocher unter dem Korb

Von Anno Hecker

Die Provinz hat der Metropole den Rang abgelaufen: Harte Arbeit hat den Basketball in Deutschland vorangebracht - nicht nur bei Meister Bamberg. Doch gerade Nachwuchsspieler werden manchmal zu schnell hochgejubelt. Mehr 1