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Löw-Kommentar : Trotz und Hybris

Baumeister Löw: „richtige Balance“ zwischen Offensive und Defensive? Bild: dpa

Das Fazit des Bundestrainers klang nach einer Selbstwahrnehmung, die vor allem von Stärke geprägt ist. Tatsächlich hat das Fußballjahr aber ein ganz anderes Bild gezeigt.

          Das Fazit, mit dem sich Joachim Löw aus dem Länderspieljahr verabschiedete, verriet noch einmal eine ganze Menge über den Bundestrainer und seine Mannschaft. „Wenn wir unseren Spielstil durchgezogen haben, haben wir keine Probleme gehabt“, sagte Löw. Und: „Wenn wir davon abgewichen sind, haben wir Schwierigkeiten bekommen.“ Das klang nach einer Selbstwahrnehmung, die weiter vor allem von Stärke geprägt ist. Der die Annahme zugrunde liegt, dass sich die Fußballwelt schon richten und fügen wird nach dem deutschen Spiel. Wenn wir nur richtig wollen, so konnte man die Botschaft verstehen, kann uns keiner was.

          Tatsächlich hat das Fußballjahr, das für Löw und sein Team mit dem 0:0 in Amsterdam zu Ende gegangen ist, ein ganz anderes Bild gezeigt: Das einer Mannschaft, die längst nicht mehr Herr ist über das Geschehen. Die zu Zusammenbrüchen neigt, wenn andere die Initiative ergreifen und Situationen schaffen, die in der rosaroten deutschen Gedankenwelt nicht vorzukommen scheinen. Das Selbstbild könnte sich somit als Selbsttäuschung erweisen - mit unerfreulichen Folgen, die weit über den Jahreswechsel hinausreichen.

          Vierzehn Länderspiele mit acht Siegen, zwei Unentschieden und vier Niederlagen bei einer Tordifferenz von 32:22 - das ist nicht die Bilanz einer Mannschaft, die Titel gewinnt. Das ist das Zeugnis eines Teams, das im wahrsten Sinne des Wortes zu allem fähig ist: zu fußballerischen Sternstunden, aber eben auch zu plötzlichen Anfällen von Schwindsucht. Löws Doktrin von der unbegrenzten Kraft der deutschen Offensive ist in diesem Jahr an Grenzen gestoßen.

          Die Statistik belegt das genauso wie der konkrete Eindruck, der von den - letztlich zu vielen - enttäuschenden Auftritten hängengeblieben ist. Das Problem ist nur: Löw scheint es nicht wahrhaben zu wollen. Wann immer der Bundestrainer zuletzt über die deutschen Defizite gesprochen hat, erschöpfte sich die Selbstkritik in Details. Löw, der Architekt des neuen deutschen Stils, mag hier und da kleinere Retuschen an seinem Werk für notwendig halten - das Wort von der „richtigen Balance“ zwischen Offensive und Defensive war oft zu hören. Anlass zu einer gründlichen Überprüfung der Statik sieht er aber nicht. Das kann man für Linientreue halten. Aber auch für eine gefährliche Mischung aus Trotz und Hybris.

          Gefühl von Unverwundbarkeit

          Manchmal wirkt es bei Trainer und Spielern, als sei aus der nahezu perfekten Qualifikation für die EM im Sommer ein Gefühl von Unverwundbarkeit und Unfehlbarkeit entstanden. Da passt es ins Bild, dass auf Kritik mitunter empfindlich reagiert wird. Ein Zeichen von Stärke wäre es, sich die eigene Schwäche einzugestehen. Und Strategien zu entwickeln, wie mit ihr umzugehen ist. Das betrifft natürlich eine Stärkung der Defensive. Es betrifft aber auch das Thema Führung. Nicht auf dem populären Niveau der Leitwolf-Debatte, die tatsächlich an der Sache vorbeigeht. Aber im Sinne einer Verständigung darüber, was auf und neben dem Platz zu tun ist, wenn die Dinge wieder einmal aus dem Ruder zu laufen drohen. Auf solche Extremsituationen kann und muss man sich aktiv vorbereiten.

          Der freundliche Hinweis, sich dann doch wieder an den eigenen Stil zu erinnern, wird dafür nicht genügen. Nach einem verschenkten zweiten Halbjahr 2012 braucht das Team dringend neue Impulse. Sonst könnte das deutsche Geschäftsmodell Wachstum durch mehr Kreativität im Mittelfeld an fehlender Nachhaltigkeit scheitern. Stand heute jedenfalls ist der erhoffte Zuwachs für den Trophäenschrank in deutlich weiterer Ferne als noch vor einem Jahr.

          Quelle: F.A.Z.

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