26.02.2009 · So öde die 0:1-Heimniederlage gegen Liverpool war, so lehrreich müsste sie für die Verantwortlichen von Real Madrid sein: Um in der Champions League zu bestehen, bedarf es einer fußballerischen Identität. Die „Königlichen“ suchen noch.
Von Paul Ingendaay, MadridEs kann Juventus Turin sein. Oder Olympique Lyon. Oder AS Rom. Oder eben der FC Liverpool des Schlaufuchses Rafael Benítez. Jede gutsortierte Mannschaft von europäischem Niveau kann das Bernabéu-Stadion erobern, wenn sie nur einen Plan hat und weiß, wo ihre Stärken liegen. „Sie sind hierhergekommen, um das 0:0 zu verteidigen“, beklagte sich Reals Innenverteidiger Pepe nach der Schlappe, „und haben dann auch noch ein Tor gemacht.“
Was hatte der spanische Meister denn erwartet? Liverpool in der Ära Benítez gehört zu den beststrukturierten Mannschaften der europäischen Topligen. Mag sein, dass es an Brillanz und schönem Spiel fehlt oder dass Liverpools Fußball langweilt, aber das Team beherrscht die taktischen Anweisungen seines spanischen Trainers im Schlaf, zumal, wenn es auswärts gegen die großen Mitbewerber geht.
Liverpool ohne Mittelfeldantreiber Gerrard
Wie nach dem Lehrbuch trat der Zweitplazierte der Premier League (übrigens mit mehr Spaniern in seinen Reihen als Real) auf, erstickte die gegnerischen Angriffsbemühungen und sicherte sich mit einem ungestörten Kopfballtor seines Kleinsten, Benayoun, zehn Minuten vor Schluss sogar den Sieg. Und das alles ohne Mittelfeldantreiber Gerrard. Und mit einem hinkenden Fernando Torres. „Es wird sehr schwer werden, das in Liverpool wettzumachen“, sagte Reals Flügelstürmer Arjen Robben, der immerhin mehrfach aufs Tor geschossen hatte. Trainer Juande Ramos weigerte sich, alle Hoffnung fahrenzulassen, und natürlich hat er recht. Ein einziger Treffer an der Anfield Road, und sein Team wäre wieder im Geschäft.
Zwei Stunden zuvor hatte noch Festtagsstimmung im Bernabéu-Stadion geherrscht. Wie in so vielen Jahren zuvor war Real eher holperig ins Achtelfinale gerutscht, doch neun Siege hintereinander in der Primera División, die letzten beiden mit einem gewissen Glanz und insgesamt zehn Toren, hatten Optimismus verbreitet. Trainer Ramos hat nach Bernd Schusters Entlassung die Abwehr gestärkt und dem einen oder anderen Spieler wieder Mut gegeben.
Ein einfaches Rezept
Und er hat mit dem französischen Neuzugang Lass Diarra, neben Pepe Reals stärkster Spieler, endlich einen zuverlässigen Mann zur Verfügung, der das gegnerische Mittelfeld freiräumen kann. Pech nur, dass Liverpool solche Leute auch hat, und zwar in doppelter Ausführung. Der Spanier Xabi Alonso und der Argentinier Mascherano regierten um den Mittelkreis herum mit einer Souveränität, die etwas Beleidigendes für die Gastgeber hatte. Das Rezept war einfach: Um die sprintstarken Stürmer Robben und Higuaín kümmerten sich mindestens zwei Gegner, wenn die Kugel in ihre Nähe kam, ansonsten strickte Liverpool zwischen Mittelfeld und Verteidigungsreihe so enge Maschen, dass kein Ball mehr hindurchpasste.
Nun muss man dazusagen, dass bei Real Madrid zur Zeit niemand auffällige Ideen entwickelt, um so einen Riegel zu knacken. Es fehlt ein Denker mit einem Schuss Genialität. Als Guti, auf den die Stellenbeschreibung am ehesten zutrifft, in der zweiten Halbzeit nach längerer Verletzungspause auflief, fühlte sich die Partie schon an wie in der Zielgeraden.
Öde und zugleich lehrreiche Begegnung
Symbol für die disziplinierte Hilflosigkeit ist Kapitän Raúl. Er rackerte wie stets, doch die Zeiten, da er ein Spiel dieses Kalibers umbiegen konnte, sind seit längerem vorbei. Jedesmal, wenn er ein Tor schießt, lassen sie ihn hochleben, und es hat etwas Rührendes, dieser Kult um den legendären Kämpfer und Sportsmann. Die größte Genialität wäre aber um ein Haar dem viel dynamischeren, sechs Jahre jüngeren Xabi Alonso gelungen. Nach einem Ballgewinn riskierte Liverpools Mittelfeldspieler von der eigenen Hälfte aus einen Überraschungsschuss, der Casillas zu einer Parade zwang.
So öde die Begegnung war, so lehrreich müsste sie für die Real-Verantwortlichen sein. Um in der Champions League zu bestehen, bedarf es einer fußballerischen Identität. Manchester United hat eine, der FC Barcelona hat eine, auch Chelsea und Liverpool wissen genau was sie wollen, und ob sie es dann kriegen, darüber entscheiden Glück und die Tagesform. Real Madrid aber sucht noch. Was in der Primera División schon mal funktioniert hat, Hurrafußball mit Lehm, Schweiß und Tränen, ist für die europäische Königsklasse zu wenig.
Paul Ingendaay Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid.
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