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Lionel Messi Vom Floh zum Riesen

08.04.2009 ·  Als Junge war er sehr schüchtern und wollte kaum wachsen. Nun gilt Lionel Messi als weltbester Spieler und liebenswerter Superstar ohne Superego. Gegen den FC Bayern an diesem Mittwoch trifft er auf einen anderen „Fußballzwerg“.

Von Paul Ingendaay, Madrid
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Der Anfang seiner Karriere liest sich wie ein Roman des magischen Realismus. Da ist die unvermeidliche Großmutter, die den kaum fünfjährigen Leo bei der Hand nimmt und zum Trainingsplatz eines Vorortklubs von Rosario bringt. Da fehlt natürlich dem Jugendtrainer eines Tages ein Spieler, und die Großmutter sagt: „Nehmen Sie doch den Kleinen.“ Und der Kleine, der kaum den Mund aufmacht, soll sich den Ball geschnappt und alle umdribbelt haben, die sich ihm in den Weg stellten.

„El pulga“, der Floh, nannten sie ihn damals, und der Spitzname hat sich bis heute gehalten. Lionel Messi, genannt Leo, 21 Jahre alt, umdribbelt noch immer alle, die sich ihm in den Weg stellen, und noch immer bringt er kaum den Mund auf, und wenn er mal spricht, dann leise, mit diesem weichen argentinischen Akzent, der alles, was er sagt, noch dreimal höflicher macht.

Überhaupt fühlen sich alle wohl, wenn sie ihn zum besten Spieler der Welt erklären, Alfredo di Stéfano, Fabio Capello und all die anderen, denn Messi führt sich nicht wie ein Superego auf. Es ist noch längst nicht vergessen, wie sehr er in seiner Jugend der Hilfe von außen bedurfte. Leo wollte nicht wachsen. Es war besorgniserregend, wie klein dieser begnadete Techniker neben seinen Mannschaftskameraden bei Newell's Old Boys in Buenos Aires aussah.

Nationaltrainer Maradona: „Messi ist mein Nachfolger“

So leicht und fragil wirkte er, dass es der Hauptstadt-Spitzenklub River Plate ablehnte, ihn in die eigene Jugend zu holen. Da knüpfte der Vater Kontakte zum FC Barcelona, und die Katalanen nahmen den Dreizehnjährigen auf, impften ihm die Barça-Fußballkultur ein und bezahlten die teure Hormonbehandlung, die der Junge brauchte, um zumindest die Zentimeter zu erreichen, die in ihm steckten. Bei 1,69 Meter war Schluss. So hat Argentinien eben drei Stürmer der Extraklasse unter 1,70 Meter Körpergröße: Messi, Agüero und Tévez.

So jung er noch ist, so alt ist Messi an Erfahrung. Mit 17 debütierte er in der Primera División, wo der FC Barcelona ihn wohldosiert einsetzte. Nicht nur dank seiner Spielweise, die ihn ständig den Tritten der Gegner aussetzt, sondern auch aufgrund seiner empfindlichen Physis musste er immer wieder lange Verletzungspausen einlegen. In dieser Saison hat er endgültig abgehoben. Zuerst gab Barça ihm das Trikot mit der legendären Rückennummer zehn, das auch schon Maradona, Romário und Ronaldinho trugen.

Der gerade einundzwanzigjährige Messi wurde offiziell zum Chef erklärt, eine Rolle, die er selbst weder durch Worte noch durch Gesten beansprucht. Dann erhielt er die Nummer zehn auch in der argentinischen Nationalmannschaft. „Messi ist mein Nachfolger“, verkündete der neue Nationalcoach Diego Maradona. Selbst die 1:6-Schlappe gegen Bolivien, bei der den Argentiniern buchstäblich die Höhenluft wegblieb, kann daran nichts ändern (siehe auch: 1:6 in Bolivien: Jedes Tor ein Dolchstoß in Diegos Herz).

Messi und Lahm im Duell der beiden „Fußballzwerge“

Die Vergleiche mit dem als Gott verehrten Maradona kommen nicht von ungefähr. Messi hat zwar keine einzige seiner Allüren, nimmt den Mund nicht so voll und erst recht keine Drogen, doch Tore kann er schießen wie sein Vorbild. Unvergessen der Slalomlauf vor zwei Jahren gegen den FC Getafe, bei dem er fünf Spieler und den Torwart aussteigen ließ. Oder das Tor gegen Espanyol Barcelona, das stark an die „Hand Gottes“ erinnerte. Oder sein Hattrick gegen Real Madrid, als er im Camp Nou in der 90. Minute das 3:3 schoss: Von solchen Taten werden die Fans noch jahrzehntelang erzählen. Um sich ihren Star zu erhalten, will die Vereinsführung Messis Gehalt zum Ende der Saison von acht auf zehn Millionen Euro erhöhen.

Seine Schlitzohrigkeit beiseite, bleibt Lionel Messi auch als bester Spieler der Welt liebenswert. Im Grunde ist er ein Kind und in sein Handwerk vernarrt, er will rennen, die Gegner ins Bockshorn jagen und Tore schießen. Dass er längst die richtige Mischung zwischen Eigensinn und Teamgeist gefunden hat, verrät die phänomenale Torausbeute von Barcelonas Sturm: 85 Treffer in 29 Ligapartien, 26 davon durch Mittelstürmer Eto’o, 19 durch Messi. An diesem Mittwoch, gegen Bayern München (20.45 Uhr / Live bei Sat.1. und im FAZ.NET-Champions-League-Liveticker), wird er es auf der rechten Seite mit Philipp Lahm zu tun bekommen. „Duell der Fußballzwerge“, heißt es in den Schlagzeilen über die beiden, die sich schätzen, aber ihre Finten vorläufig für sich behalten.

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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid.

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