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Leiter für Fanprojekte : „Fußballfans sind die Schmuddelkinder“

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Die Wut des zwölften Mannes: Das geplante Sicherheitskonzept ruft Proteste hervor Bild: dpa

Michael Gabriel und Volker Goll sind Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte in Frankfurt. Im Doppelinterview sprechen sie über die Bedeutung der Anhänger für den Fußball und das Rezept für mehr Sicherheit in den Stadien.

          Wie ist es um das Verhältnis zwischen Fans und organisiertem Fußball wenige Tage vor der Abstimmung des Ligaverbands über das umstrittene Sicherheitskonzept bestellt?

          GABRIEL: Es ist geprägt von einem großen Misstrauen. Die erste Version des Papiers war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Die massive Kritik ging dann aber weit über die Ultras hinaus, viele Fangruppen haben sich zu Wort gemeldet. Die Vereine und die Verbände DFB (Deutscher Fußball-Bund) und DFL (Deutsche Fußball Liga) haben jetzt ganz deutlich gemerkt, dass es ohne die Beteiligung von Fußballfans nicht geht. Das ist ein positiver Effekt - auch wenn er vom Ligaverband nicht beabsichtigt war. Ich bin nun schon über zwanzig Jahre dabei, aber solche Protestaktionen, die Spieler, Trainer und Zuschauer im Stadion, aber auch Leute vor dem Fernseher wirklich beeindruckt haben, habe ich noch nicht erlebt. Alle konnten spüren, was dem Fußball fehlen würde.

          GOLL: Ich glaube, es geht mittlerweile nicht mehr um das Papier. Wenn man sich die Anträge anschaut, die jetzt zur Abstimmung stehen, hätte danach kaum ein Hahn gekräht - wenn der Prozess anders gelaufen wäre. Es ist die Mischung, die diese Sache explosiv gemacht hat: Der Druck der Innenpolitik und der Druck der Verbände, darauf reagieren zu müssen. Die Proteste drehen sich im Kern daher schon um eine andere, grundsätzlichere Frage: Wie werden wir als Fans gesehen und behandelt - als Zuschauer, als Konsumenten, als Gewalttäter oder wertschätzend als Unterstützer? Das Sicherheitspapier ist nur noch ein Symbol.

          Warum hat der organisierte Fußball die Fans bis zuletzt übersehen?

          Michael Gabriel: „Das Thema Fußballfans wird unwillig behandelt“
          Michael Gabriel: „Das Thema Fußballfans wird unwillig behandelt“ : Bild: KOS

          GABRIEL: Die wenigsten Vereine - beispielsweise Union Berlin, St. Pauli oder der HSV vielleicht - haben verstanden, was für eine Bedeutung die Fans für ihre Vereine, ihre AG oder ihr Produkt haben. Sie haben keine Idee, wie sie die Kommunikation und die Einbindung organisieren sollen. Das Thema Fußballfans wird unwillig behandelt, es sind die Schmuddelkinder. Die Verbände und Vereine merken jetzt, dass sie das Thema Fußballfans mit zu wenig Aufmerksamkeit behandelt haben. Oft wird übersehen, dass es viele junge Menschen sind, die in die Kurve gehen und emotionale Erwartungen haben. Die Vereine stellen für diese Jungs und Mädels eine Autorität dar, und wenn sie dort nicht angenommen werden, wenden sie sich ab. Das ist die Basis, warum aus dem Fußball ein solches Papier entwickelt worden ist.

          GOLL: Die Sache lief schon im Juni auf der Sicherheitskonferenz in die falsche Richtung. DFL und DFB sind da nicht einmal auf die Fanstellen im eigenen Verband zugegangen, auch nicht auf die Fanbeauftragten der Vereine, nicht auf die Fanprojekte und auch nicht auf uns als Koordinierungsstelle. Es ist gut, dass diese Entwicklung nun zurückgedreht wird. Fans müssen zu einem Kernbereich der Vereine werden - genauso wie Sponsoren und Vips.

          Wie kommt es, dass neben den Gewalttätern oft auch Fans vor allem als Problem wahrgenommen werden?

          GABRIEL: Weil übersehen wird, was Fans für den Fußball leisten. Das müsste viel stärker in den Blick genommen werden. Beispiel Stehplätze: 1994 sollten die Stehplätze auf Dekret der Fifa (Internationaler Fußball-Verband) und der Uefa (Europäischer Fußball-Verband) komplett abgeschafft werden. Die Fanprojekte haben die bundesweite Protestbewegung aufgenommen, in Bremen wurde gemeinsam mit einem Architekturbüro ein eigenes Modell mit Stehplätzen entwickelt - das ist die heutige Ostkurve. Damals war das Stadion schon zu drei Vierteln fertig, ohne Stehplätze. Die Veränderung war eine sehr weitsichtige Entscheidung. Der Fußball weiß gar nicht, wie dankbar er den Fans und auch den Fanprojekten sein kann, die diese Proteste kanalisiert und nutzbar gemacht haben.

          Welche Akzeptanz kann das Sicherheitsabkommen haben, falls es verabschiedet wird?

          GOLL: Das Papier gibt es ja so nicht mehr in dieser Form, es bleiben 16 Anträge, die man einzeln annehmen oder ablehnen kann. Da wird also etwas verabschiedet werden. Und viele Sachen, die anfänglich in dem Papier intendiert waren, finden ja ohnehin schon statt: zum Beispiel die Kontrollen. In Wolfsburg wurden zuletzt Zelte aufgestellt, auch in Bremen gibt es regelmäßig Container. Das wird also auch ohne Beschluss schon praktiziert. Man sollte sich von diesem Papier lösen und die Frage stellen: Ist der Fußball stark genug, zu seinen Schattenseiten zu stehen - und sie richtig einzuordnen? Das ist im Moment nicht der Fall. Ich bin gespannt, ob die Vereine, die einen geregelten Dialog etabliert haben - Düsseldorf, Mainz, Braunschweig und noch ein paar andere -, ihre Erfahrungen selbstbewusst einbringen. Dann müssten sie sagen: Seit es diesen Dialog gibt, verstehen wir viele Dinge besser - und haben auch nicht mehr so viele Probleme. Und wenn wir Probleme haben, dann wissen wir, wie wir sie angehen können. Wenn das jeder Verein von sich behaupten könnte, dann wären wir weiter.

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