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Leicester City : Züge eines Hollywood-Melodrams

Mister Vardy (rechts) und Mitspieler Danny Simpson: Einfach Erster Bild: Reuters

Kann dieser kleine Klub tatsächlich Meister werden? Die Geschichte von Leicester City und seines Torjägers Jamie Vardy widerspricht den Gesetzen des Geld-Fußballs.

          Es war ein Moment für die innere Festplatte von Fußballfans. Zumindest den Anhängern von Leicester City wird die Szene unvergesslich bleiben, abgespeichert für künftige Momente, um sie noch in Jahren im geselligen Gespräch oder im einsamen Tagtraum wieder aufleben zu lassen.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Siebzig Minuten gespielt gegen Liverpool, viel Tempo, keine Tore. Da gewinnt Riyad Mahrez den Ball in der eigenen Hälfte und schickt einen Pass über fast fünfzig Meter in den Lauf seines schnellsten Kollegen. Jamie Vardy lässt den Ball einmal aufspringen – und jagt ihn dann aus knapp 25 Metern volley in den Torwinkel.

          Ein Tor wie eine Initialzündung. Und wie eine Ermutigung, das bisher Unausgesprochene, nur klammheimlich Gedachte nun erstmals offen zu fragen: Kann ein Team wie Leicester City wirklich englischer Fußballmeister werden? Nach dem 2:0-Sieg des Tabellenführers, bei dem Vardy auch das zweite Tor erzielte, diesmal mit einem schmucklosen Abstauber nach abgefälschtem Schuss des früheren Mainzers Shinji Okazaki, ist Träumen erlaubt – weil die Realität dem Traum immer näher kommt. Der „Guardian“ schrieb von „einem Abend, an dem Leicester in jeder Hinsicht wie ein echter Titelkandidat aussah.“

          Da fliegt der Ball: Jamie Vardy  (in Blau) bei seinem Traumtor
          Da fliegt der Ball: Jamie Vardy (in Blau) bei seinem Traumtor : Bild: Reuters

          Trainer Claudio Ranieri rang um die passenden Adjektive, um die übliche Sprachlosigkeit nach einem solch magischen Moment zu füllen: „Unglaublich, verblüffend, phantastisch“, stammelte er über Vardys Traumtor. Selbst Kollege Jürgen Klopp, der Leidtragende des Glücksschusses, der die Partie entschied, beteiligte sich an den Huldigungen: „Es ist nett, im Stadion zu sein, wenn Jamie Vardy das Tor des Monats schießt“, sagte er. Und schränkte ein: „In einer idealen Welt wärst du dann aber nicht der Trainer des anderen Teams.“ Die Geschichte von Leicester City widerspricht den Gesetzen des großen Geld-Fußballs: ein kleiner Klub, der vor einem Jahr abgeschlagen am Tabellenende steht, sich mit sieben Siegen in den letzten neun Spielen rettet, trotzdem den Trainer entlässt und nun mit dem Neuen, dem zuvor lange erfolglosen Ranieri, und einem kaum veränderten Kader nach zwei Dritteln der Saison an der Tabellenspitze steht.

          Vardy überwindet die Krise

          Das Gesicht dieser Geschichte ist das von Jamie Vardy, das etwas hagere Raubvogelgesicht eines geborenen, aber lange unerkannten Torjägers. Bis zum 25. Lebensjahr spielte er in Amateurligen, schlug sich als Fabrikarbeiter durch und musste vorübergehend wegen Beteiligung an einer Schlägerei eine Fußfessel tragen. Nun, mit 29 Jahren, führt er mit 18 Treffern die Torjägerliste der reichsten Liga der Welt an und ist die große EM-Hoffnung von Nationaltrainer Roy Hodgson, der Vardys Traumtor auf der Tribüne mit einem breiten Schmunzeln quittierte. Mehr an offener Begeisterung erlaubte ihm der Zwang zur Neutralität seines Amtes nicht.

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          Interesse an Vardy durch Klubs wie Manchester City, Chelsea und Liverpool hat Leicester City zurückgewiesen und Vardy einen neuen Dreieinhalbjahresvertrag angeboten. Er wird ihn von einem Durchschnittsverdiener der Premier League mit knapp drei Millionen Euro pro Saison zu einem der Besserverdiener mit über fünf Millionen machen. Der Aufstieg vom Freizeitkicker zum Fußballmillionär trägt Züge eines Hollywood-Melodrams, und so plant der Drehbuchautor Adrian Butchart, Vardys Geschichte zu verfilmen. Auch er verfolgte das neueste Kapitel, das Traumtor gegen Liverpool, auf der Tribüne.

          Zu drehbuchreifen Storys gehört auch das Überwinden von Krisen. Nach elf Spielen nacheinander, in denen er traf, neuer Liga-Rekord, hatte Vardy im Dezember und Januar eine Sturmflaute erlebt. Eingeschränkt durch eine kleine Leisten-Operation, traf er in acht Spielen nur einmal. Doch das blieb ohne gravierende Folgen fürs Team – vor allem wegen der Stärke der Abwehr um den früheren deutschen Nationalspieler Robert Huth. Sie hat in den letzten sechs Ligaspielen nur ein Tor kassiert.

          Ranieri nutzt das Praktikum

          Bei zehn Punkten Vorsprung auf den Fünften, Manchester United, scheint ein Platz in der Champions League zum Greifen nahe. Ob auch der Meistertitel möglich ist, werden vielleicht schon die beiden nächsten Spiele mitbeantworten. Die „Foxes“ (Füchse) reisen zu den beiden bisher schärfsten Rivalen, Samstag zu Manchester City (drei Punkte zurück), dann zu Arsenal (fünf).

          Verrät Ranieri das Geheimnis des Erfolgs? Jürgen Klopp scheint neugierig
          Verrät Ranieri das Geheimnis des Erfolgs? Jürgen Klopp scheint neugierig : Bild: Reuters

          Dabei ist Leicester längst mehr als ein Herausforderer der Großen – und Liverpool noch lange keiner. Erstmals in England ist Klopp am Dienstag mit seinen eigenen Mitteln geschlagen worden. Leicester zeigte Fußball der Art, wie Borussia Dortmund ihn unter Klopp spielte und wie Liverpool ihn unter Klopp noch spielen soll: die Jagd von Ball und Gegner über den ganzen Platz.

          „Wir haben ihnen keine Zeit zum Denken gegeben“, sagte Ranieri. Vielleicht bereut es Klopp inzwischen, dass er den Italiener vor einem Jahr im Dortmunder Trainingslager als Hospitant dabei sein ließ. Nach der Entlassung als griechischer Nationaltrainer wollte Ranieri etwas über modernen Fußball lernen. Fortbildung lohnt sich – auch mit 64.

          Quelle: F.A.Z.

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