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Länderspiel in Zypern Michael Ballack an der Grenze

 ·  Michael Ballack bestreitet im EM-Qualifikationsspiel gegen Zypern an diesem Mittwoch sein 75. Länderspiel. Und der Kapitän warnt: „Es geht im Fußball ganz schnell, daß man mit einer Niederlage sein Selbstbewußtsein wieder verspielt.“

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Die Haare sind schon fast wieder so lang wie während der Weltmeisterschaft. In dieser Frage hat sich Michael Ballacks Lebensgefährtin durchgesetzt. Der radikal kurze englische Cut, den sich der Kapitän des Nationalteams zu seinem Wechsel in die Premier League zugelegt hatte, war gar nicht nach ihrem Geschmack. Ballack sah zwar härter aus, praktisch war es zudem, aber irgendwie paßte es doch nicht. Nun kehrt Ballack also, zumindest was das Styling betrifft, zum Bewährten zurück.

Rein sportlich aber hat der Mittelfeldspieler des FC Chelsea nach vier Monaten in England überhaupt kein Interesse mehr, an seine deutschen Gewohnheiten beim FC Bayern anzuknüpfen. Vor der Europameisterschafts-Qualifikationspartie gegen Zypern an diesem Mittwoch (20 Uhr, im FAZ.NET-Liveticker), die für Ballack mit dem 75. Länderspiel ein Jubiläum bereit hält, machte der Kapitän einen ziemlich aufgeräumten und zufriedenen Eindruck. Den Bundesligabetrieb aus der Entfernung zu beobachten, findet Ballack nach ein paar Monaten „ganz entspannend“; er genießt es, einen anderen „Blickwinkel“ gefunden zu haben. „Ich bin froh, daß ich den Schritt gemacht habe“, sagt er.

Einer unter vielen Stars

Ballack trug am Wochenende zum 4:0-Sieg des englischen Meisters und Zweiten in der Premier League über Aufsteiger FC Watford zwar keinen eigenen Treffer bei – doch Wertschätzung genießt der deutsche Kapitän bei seinem neuen Klub auch ohne eigene Torerfolge. „Mit Ballack im Mittelfeld kontrollieren wir unser Spiel bei Ballbesitz viel besser. Es gibt mehr Torchancen für unsere Stürmer“, sagt Trainer José Mourinho.

Bei Chelsea ist Ballack nur einer unter vielen Stars - und schon gar nicht der größte. In der Nationalelf jedoch lastet erheblich mehr Verantwortung auf dem Kapitän. Gerade jetzt im Herbst, da die Verletzungen und Ausfälle zahlreicher werden. Torwart Lehmann (Erkältung) und die beiden kreativen Mittelfeldspieler Schneider (Oberschenkelblessur) und Trochowski (Achillessehnenbeschwerden) werden ebenso wie der Langzeitverletzte Lukas Podolski beim letzten Länderspiel des Jahres in Nikosia fehlen; der Leverkusener Paul Freier wurde deshalb nachnominiert (Siehe auch: Nationalmannschaft: Lehmann, Schneider und Trochowski sagen ab). Lehmann, Schneider und Podolski „sind nicht zu ersetzen“, wie Ballack sagt. Doch ein großes Problem erwartet der Kapitän auch ohne die Unersetzlichen nicht gegen einen Außenseiter, dessen Ruf schlechter ist als seine aktuellen Fähigkeiten.

Gute Zeiten für Talente

Wenn der nun 30 Jahre alte Kapitän auf seine über siebenjährige Karriere im Nationalteam blickt, hat er eine stärkere und konstantere Phase als derzeit noch nie erlebt. „Die Phase seit Beginn der Weltmeisterschaft ist geprägt von einer Entwicklung“, findet Ballack. Früher habe es auch gute Spiele und gute Ergebnisse gegeben, sagt Ballack, „aber es kamen dann immer wieder Rückschläge, die zu Diskussionen führten, wie sich die Mannschaft entwickelt. Jetzt erkennt man, daß junge Spieler rangeführt werden und sie der Mannschaft ein Gesicht geben“, sagt der Kapitän. „Das Spiel in Zypern ist wichtig, um diese Entwicklung fortzusetzen.“

Als Ballack 1999 unter Erich Ribbeck zu seinem ersten Einsatz für Deutschland kam, waren die Zeiten noch anders. Talenten gehörte die Ersatzbank, nicht die Zukunft. „Es ist ein großes Glück, daß heute alles schneller geht. Ich freue mich für die jungen Spieler, daß sie nicht mehr ein halbes Jahr warten müssen, bis sie mal zum Einsatz kommen“, sagt der Kapitän. Ballack weiß sehr genau, daß man an Aufgaben wachsen kann und nichts schlimmer ist als viel zu lange auf seine Chancen zu warten oder sich als etablierter Profi ständig dem alten Trott hinzugeben.

Noch nicht „auf Reserve“

Daraus hat er die Konsequenz gezogen. „Das schöne Fußballerleben, das du in München hast, habe ich bewußt aufgegeben, weil ich mich noch einmal beweisen und durchsetzen wollte. Alles ist ziemlich neu: das Umfeld, die Mannschaft, die Erwartungshaltung. Bei Chelsea sind alle Spieler auf einem hohen Level. Diesen Vorschußlorbeer, den ich mir in Deutschland erarbeitet habe, den gibt es jetzt nicht mehr. Das ist leistungsfördernd“, sagt Ballack.

Doch wie steht es mit Ballacks Fitneß im Herbst nach der Weltmeisterschaft? Bernd Schuster, der deutsche Trainer des spanischen Erstligaklubs FC Getafe, hat in diesen Tagen in einem Interview ungewöhnlich scharf auf angebliche Defizite des deutschen Kapitäns hingewiesen. „Seine Teamkollegen ziehen momentan an ihm vorbei wie Flugzeuge. Ballack hat sich mit seiner Wahl geirrt. Er ist in Chelsea verloren“, lautete die Ferndiagnose des ehemaligen Nationalspielers über den Kritik gewohnten Kapitän. „Ich laufe noch nicht auf Reserve“, sagte Ballack am Montag über seinen körperlichen Zustand nach der kraftraubenden WM. „Aber die Grenze der Belastungen ist erreicht“, fügte er angesichts des übervollen Terminplans hinzu.

Höchste Zeit für ein erfolgreiches Jubiläum

Im Moment fühle er sich zwar gut, „aber man wird im Frühjahr sehen, was es ausmacht, keine Winterpause zu haben“. Er sei froh, wenn er in dem „ein oder anderen Spiel“ nicht eingesetzt werde, um am Ende der Saison, wenn die wichtigen Begegnungen in der englischen Meisterschaft, der Champions League und der EM-Qualifikation kommen, auch noch in guter Form zu sein.

Ein Sieg gegen Zypern käme sehr gelegen, um zumindest die deutsche Position weiter zu stärken - aber auch ganz persönlich wünscht sich Ballack einen Erfolg. Denn sowohl seine Premiere in der Nationalelf wie auch das 50. Länderspiel gingen daneben. Es ist also höchste Zeit für ein erfolgreiches Jubiläum des deutschen Kapitäns, denn so viele werden nicht mehr kommen.

Quelle: F.A.Z. vom 14. November 2006
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Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

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