09.10.2005 · „Das war nichts“: Jürgen Klinsmann reagiert auf den düsteren Auftritt des Nationalteams beim 1:2 in der Türkei ungewohnt heftig. In der Pause brüllte er sogar seine Spieler an. Am Ziel WM-Titel will der Bundestrainer dennoch nichts ändern.
Von Michael Horeni, IstanbulKurz richtete Jürgen Klinsmann noch ein paar Anweisungen an Sebastian Deisler vor dessen Einwechslung, dann stapfte er mit grimmiger Entschlossenheit in die Kabine. Seine Spieler, die gerade vom Platz schlichen, würdigte er keines Blickes. Kein Wort der Aufmunterung kam ihm mehr über die Lippen. Als sich wenige Augenblicke später die Kabinentür im Istanbuler Olympiastadion hinter Jürgen Klinsmann und der deutschen Nationalmannschaft schloß, erlebten die Spieler eine Seite des Bundestrainers, mit der sie in den vergangenen fünfzehn Monaten noch keine Bekanntschaft hatten machen müssen.
Klinsmann brüllte, erfüllt von kalter Wut und tiefer Enttäuschung, den Laden zusammen. Er geißelte die Schwächen, die seine Spieler in fünfundvierzig Minuten massenweise offenbart hatten, in bisher nicht gekannter Heftigkeit. „Der Franz kennt solche Gefühle“, sagte ein nach Spielschluß wieder auf halbwegs normale Betriebstemperatur heruntergekühlter Bundestrainer im Fernsehstudio neben dem früheren Teamchef.
„Da platzt einem der Kragen“
Den Klinsmann a la Beckenbauer, den die Spieler in der Halbzeit erlebt hatten, gab es nach dem Schlußpfiff zwar nicht mehr. Aber als dann der Gesamtauftritt der selbsterklärten Möchtegern-Weltmeister nach der vom Ergebnis noch gnädigen 1:2-Niederlage gegen die Türkei zur Analyse anstand, mischten sich trotzdem ganz neue Töne in die Rede des Bundestrainers. Die zuletzt immer öfter wie gestanzt wirkende fürsorgliche Fußballpädagogen-Rhetorik wich der klaren, deutschen Fußballsprache. „Da hat man an der Seitenlinie die Faust in der Tasche“, schimpfte Klinsmann über den hilflosen Auftritt in der ersten Halbzeit. „Da platzt einem der Kragen.“ Und daß er diesmal selbst „sehr verärgert und enttäuscht war“, wollte er auch nicht mehr hinter gewundenen Formulierungen verbergen.
Die Diskussionen allerdings gingen da, acht Monate vor der Weltmeisterschaft, schon weit über die momentane Zerknirschung des Bundestrainers hinaus. Die Gespenster des Scheiterns, die viele im deutschen Fußball schon seit Wochen rufen, ließ sich nach dem gruseligen Auftritt der ersten Halbzeit nicht mehr bannen. „Es ist eine Situation erreicht, wo man aufpassen muß“, sagte Beckenbauer dunkel und gab Klinsmann die dringende Empfehlung mit auf den Weg, in den kommenden Wochen und Monaten das Gespräch mit der Bundesliga viel stärker zu suchen. „Die Manager und Trainer beginnen zu murren“, sagte der Präsident des WM-Organisationskomitees und munitionierte sich dazu mit den Namen Felix Magath und Ralf Rangnick.
Daum hat „größte Bedenken“
Beinahe-Bundestrainer Christoph Daum fällte unterdessen ein vernichtendes Tagesurteil und sprach von „größten Bedenken in Hinblick auf die WM 2006“. Jetzt erst sei eigentlich der Punkt gekommen, an dem Jürgen Klinsmann seine Arbeit hätte aufnehmen müssen, sagte Daum. Das klang ganz so, als habe sich der Elan des Bundestrainers schon verbraucht - und dieser Mannschaft mit ihrer mangelnden Qualität sei nicht mehr zu helfen.
Tatsächlich erreichten die Deutschen in der ersten Halbzeit einen Tiefpunkt in der Amtszeit von Klinsmann. Außer dem Treffer von Halil Altintop vom 1. FC Kaiserslautern in der 25. Minute, der nach einem Pfostenschuß von Metin Tümer schnell und entschlossen reagierte, hätte die Türkei leicht noch ein oder zwei Tore mehr erzielen können. Ein Lattenschuß von Tümer kam hinzu, einmal reagierte Torwart Oliver Kahn prächtig nach einem Schuß von Nihat Kahveci (31.), und einmal konnten er und die deutsche Mannschaft von Glück sagen, daß Tümer freistehend aus nicht einmal zehn Metern am Tor vorbeischoß (19.). „Besonders in der ersten Halbzeit war das gar nichts. Wir hatten große Probleme in der Abstimmung zwischen Mittelfeld und Abwehr“, sagte Klinsmann. „Wir sehen deutlich, daß wir noch enorm viel Arbeit haben, was das Defensivverhalten der ganzen Mannschaft angeht.“
Ballack fehlt auch gegen China
Ohne Michael Ballack, der am Mittwoch auch im Spiel gegen China fehlen wird, schlug das Herzstück des deutschen Spiels im Mittelfeld ständig im falschen und dazu noch viel zu langsamen Takt. Torsten Frings, als zentraler Helfer vor der Abwehr vorgesehen, war keine Unterstützung für die junge Viererkette mit Owomoyela, Sinkiewicz, Mertesacker und Jansen, sondern eine zusätzliche Gefahrenquelle. Die Abwehrspieler selbst gingen zu ihren Gegenspielern immer wieder zu sehr auf Abstand und blieben frei von jeder Leidenschaft. Tim Borowski ging als Ballack-Double im Mittelfeld unter, aber auch das Vorhaben, mit Bernd Schneider und Bastian Schweinsteiger in einer Dreier-Koalition die größte Leerstelle im deutschen Spiel auszufüllen, schlug fehl.
Erst in der zweiten Halbzeit, als die Türken mit Blick auf ihr entscheidendes WM-Qualifikationsspiel am Mittwoch gegen Albanien nach und nach ihre stärksten Offensivkräfte Yildiray Bastürk, Halil Altintop und Tümer auswechselten, steigerten sich die Deutschen. Nun brachten sie wenigstens ein paar Grundvoraussetzungen wie Laufbereitschaft und Einsatzfreude mit und konnten das Spiel ausgeglichen gestalten. Dem 0:2 durch den gerade eingewechselten 17 Jahre alten Nuri Sahin von Borussia Dortmund (89.) ließ Oliver Neuville in seinem 50. Länderspiel wenigstens noch ein einziges deutsches Erfolgserlebnis folgen. Von ihrem hohen Anspruch, den Gegner immer dominieren und attackieren zu wollen, war die Mannschaft trotz ihrer Steigerung dennoch so weit entfernt wie Jürgen Klinsmann von einer herzlichen Verbindung mit den Größen der Bundesliga.
„Das Ziel WM-Titel wird nicht korrigiert“
Den überdeutlichen Hinweis Beckenbauers, etwas für seinen Ruf durch Kontaktpflege mit Trainern und Managern zu tun, überhörte Klinsmann jedoch entschieden. Die Kritik an der angeblich zu hohen Belastung wegen der Leistungstests empfand Klinsmann als lachhaft. Das seien vom Umfang nicht einmal „zwei Trainingseinheiten gewesen“, sagte er, „Pipifax also“. Und die Kommunikation, so teilte er an Beckenbauer vorbeischauend mit Hinweis auf die Trainertagung vor wenigen Wochen mit, sei offen. Unterschiedliche Meinungen gebe es eben. Basta.
An seinem Stil, so die Botschaft, wird sich nichts ändern. Und an seinem Leitmotiv, den WM-Titel gewinnen zu wollen, mochte der notorische Optimist aus Kalifornien auch nach dem bisher schwersten Rückschlag nicht rütteln. „Das Ziel WM-Titel wird nicht korrigiert, das wäre fatal. Damit würden wir der Mannschaft zeigen, daß wir nicht an sie glauben. Aber wir glauben an jeden einzelnen, und wir glauben an die Mannschaft.“ Auch wenn das nach dieser düsteren Nacht von Istanbul schwieriger denn je sein dürfte - selbst für den Bundestrainer.
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 34 | 55 | 81 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 34 | 55 | 73 | ![]() |
| 3. | ![]() |
FC Schalke 04 | 34 | 30 | 64 | ![]() |
| 4. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 34 | 25 | 60 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 34 | 8 | 54 | ![]() |
| 6. | ![]() |
VfB Stuttgart | 34 | 17 | 53 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 34 | -4 | 48 | ![]() |
| 8. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 34 | -13 | 44 | ![]() |
| 9. | ![]() |
Werder Bremen | 34 | -9 | 42 | ![]() |
| 10. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 34 | -11 | 42 | ![]() |
| 11. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 34 | -6 | 41 | ![]() |
| 12. | ![]() |
SC Freiburg | 34 | -16 | 40 | ![]() |
| 13. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 34 | -4 | 39 | ![]() |
| 14. | ![]() |
FC Augsburg | 34 | -13 | 38 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hamburger SV | 34 | -22 | 36 | ![]() |
| 16. | ![]() |
Hertha BSC | 34 | -26 | 31 | ![]() |
| 17. | ![]() |
1. FC Köln | 34 | -36 | 30 | ![]() |
| 18. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 34 | -30 | 23 | ![]() |