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Gewalt im Amateurfußball : Ein böser Kreis

Traurige Realität: Die Polizei muss gelegentlich auch bei Amateurspielen anrücken Bild: Imago

Gewalt im Amateurfußball gab es schon immer, aber in letzter Zeit häufen sich brutale Fouls und Spielabbrüche - und oft sind Spieler mit Migrationshintergrund dabei. Ist das Fakt oder nur gefühlte Realität?

          Sie kamen mit drei Mannschaftswagen und in Schutzwesten. Die Polizisten zerrten die Zuschauer auseinander, die am Rande des Platzes aufeinander losgegangen waren. Pappbecher und Flüche flogen hin und her. Der Schiedsrichter hatte die Partie zwischen der TSG Niederrad und dem FC Mainfeld, zwei Frankfurter Vereinen aus der Kreisliga A, da schon abgebrochen, aber die Randalierer störte das nicht. Sie machten munter weiter. Und alles nur wegen einer Gelben Karte gegen einen Spieler von Niederrad, der danach Ärger machte.

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          „Der war schon vorher einschlägig bekannt“, sagt Rolf Heller, der seit vierzig Jahren die Frankfurter Fußballszene so gut wie kaum ein anderer kennt. Er war Präsident von Eintracht Frankfurt und ist Vorsitzender des Frankfurter Sportgerichts. Er liebt die Stadt und ihre Vereine, bunt und laut, wie sie sind. Und der vielleicht genau deswegen sagt: „Der Spieler ist Türke. Ich befürchte, dass das kein Zufall ist.“

          Es geht hoch her

          Der Satz sitzt. Heller ist kein Mann, der weichgespülte Worte mag. Er will aber auch kein böses Blut. Auch nicht den Boden für Rassismus bereiten. Fußball solle integrieren und nicht isolieren, und das schaffe er auch meistens gut. Heller spricht aber auch aus, was er denkt und beobachtet. Weil er sich Sorgen macht, wie er sagt. Denn geknallt hat es zuletzt nicht nur bei Mainfeld gegen Niederrad und auch längst nicht nur in Frankfurt, sondern überall in der Republik.

          Ein Auszug aus den Meldungen der letzten Zeit: In Berlin gerieten mehrere Spieler vom SC Lankwitz und Cimbria Trabzonspor unter wüsten Beschimpfungen aneinander, schließlich schlug ein Spieler von Trabzonspor einem Lankwitzer mit der Faust ins Gesicht. Der Schiedsrichter brach ab und rief die Polizei. Nur ein paar Tage zuvor streckte ein Spieler der Spielvereinigung Tiergarten den Unparteiischen mit einem Kopfstoß nieder. Der hatte Mohamad El-A. zuvor mit Gelb-Rot vom Platz gestellt.

          Aber nicht nur in Berlin geht es hoch her, auch im Ruhrgebiet. In der Kreisliga B bei der Partie BV Altenessen und Fatikspor Essen flüchtete der Schiedsrichter vor einer Massenschlägerei zwischen Spielern und Zuschauern beider Mannschaften zur Halbzeit in seine Kabine und traute sich nicht mehr heraus. Der Teammanager von BV Altenessen sagte später: „Ich bin selbst ein Libanese und Migrant. Doch ich muss leider feststellen, dass sich die Migrantenvereine nicht benehmen können. Da wird mehr gepöbelt, geredet als Fußball gespielt.“

          Was sagt das nun? Sind Spieler mit Migrationshintergrund wirklich aggressiver? Der Deutsche Fußball-Bund spricht von „Mas integracion“ und gelebter Völkerverständigung. Wie einer Schutzimpfung gegen soziale Auffälligkeit. Was ist also Fakt und was nur gefühlte Realität?

          Überproportional oft Täter

          Etwas Licht ins Dunkel kann Thaya Vester bringen. Für ihre Doktorarbeit am Institut für Kriminologie an der Universität Tübingen hat sie sich 700 Urteile aus allen Sportgerichtsurteilen in Württemberg angeschaut. Ihr ging es in den beiden Spielzeiten 2009/10 und 2010/11 dabei um die besonders schweren Fälle, etwa um Angriffe auf den Schiedsrichter oder Spielabbrüche. Das Ergebnis: Spieler mit Migrationshintergrund sind überproportional oft die Täter. Sie stellen zwar nur etwa ein Drittel aller Kicker, sind aber an jedem zweiten besonders schweren Fall beteiligt. Auf ähnliche Zahlen kommt der Fußballkreis Berlin, auch wenn der Anteil an Spielern aus dem Ausland oder mit ausländischen Wurzeln in der Großstadt höher liegen dürfte als in Württemberg. Laut des Sportentwicklungsberichts 2010 haben von den rund 6,5 Millionen DFB-Mitgliedern etwa 1,3 Millionen Fußballspieler einen Migrationshintergrund.

          Damit bestätigt sich in der Tendenz das, was der Sportwissenschaftler Gunter A. Pilz von der Leibniz-Universität Hannover schon vor rund 15 Jahren herausgefunden hat: Zwei von drei vor Sportgerichten verhandelten Spielabbrüchen werden von nicht-deutschen Spielern, vor allem türkischen und kurdischen, verursacht. Pilz hatte 4000 Akten und Urteile des Niedersächsischen Fußballverbandes der Saison 1998/99 angesehen. Was er zusammenfassend schreibt, klingt nicht gut: „Je schwerwiegender der Straftatbestand, desto häufiger sind Spieler beteiligt, die nicht deutscher Abstammung sind.“ Während bei den deutschen Spielern die Opfer am häufigsten andere Spieler sind, richtet sich die Gewalt von Spielern mit Migrationshintergrund besonders oft gegen die Schiedsrichter.

          „Es ist fünf nach zwölf“

          Und das ist ein großes Problem. Denn die Schiedsrichter pfeifen nicht mehr. Erst war es einer, dann zwei, dann immer mehr. Inzwischen hat Mathias Lippert das Problem, für manche Partien im Fußballkreis Frankfurt überhaupt noch jemanden zu finden. Wenn zum Beispiel ein Spiel der Afghan Kickers auf dem Spielplan steht oder eine jüdische gegen eine arabische Mannschaft spielt. Dass es in diesen Spielen hoch hergehen werde, sagen viele Schiedsrichter, sei doch schon vorher klar - viele Fouls, Rote Karten, pöbelnde Zuschauer, Spielabbruch. Alles möglich. Alles schon passiert - viel zu oft, wenn man Lippert fragt. Er ist Obmann im Frankfurter Kreisschiedsrichterausschuss und verteilt für alle Partien die Unparteiischen. Er war schon dabei, als Frankfurt noch als der brutalste Fußballkreis in Deutschland galt, bevor man die rote Laterne, statistisch gesehen, an Berlin abgab. Jetzt sieht er Frankfurt wieder ganz weit vorn. Besonders häufig knalle es zwischen Vereinen mit besonders vielen Migranten oder solchen Klubs, die sich, zumindest dem Namen nach, monoethnisch verstehen. Drei von ihnen haben in Frankfurt im Moment Spielverbot. „So schlimm wie in diesem Jahr war es in Frankfurt bisher noch nicht. Es ist nicht fünf vor zwölf, sondern fünf nach“, sagt Lippert.

          Wieder die Frage: Ist das gefühlt oder Realität? Zumindest sahen vor gut einem Jahr Lokalpolitiker, Vereine und Verbände Grund genug, die „Frankfurter Erklärung“ ins Leben zu rufen, mit der Botschaft: Wer brutal spielt, spielt nirgendwo. Nur hörten das längst nicht alle, deutsche wie Migrantenvereine. Zu einem Treffen zur Gewaltprävention erschienen, obwohl es eine Pflichtveranstaltung war, etliche von ihnen nicht. Die „Frankfurter Erklärung“ werde bei einigen Vereinen nicht recht angenommen, die Struktur der Mannschaften sei oft nicht so gut, und es gebe schlicht niemanden, der sich des Themas Gewalt und Respekt gezielt genug annehme, sagt Lippert.

          Spieler mit Migrationshintergrund werden härter bestraft als deutsche Kicker

          An anderer Stelle treten diese Vereine dagegen in Mannschaftsstärke auf, etwa wenn sich eines ihrer Mitglieder vor der Kreisspruchkammer für einen Tritt oder eine Beleidigung rechtfertigen muss. „Da kommen dann schon mal zehn oder fünfzehn Mann“, sagt Sportrichter Heller. „Und das nötige Unrechtsbewusstsein ist auch nicht immer vorhanden.“ Vielleicht deswegen, weil Spieler mit Migrationshintergrund auch auffallend häufig Opfer von Gewalt im Amateurfußball sind. Denn auch das haben Thaya Vester und der Sportwissenschaftler Pilz in ihren Studien herausgefunden. Diese Spieler werden auch härter bestraft als Deutsche - für das gleiche Vergehen. Wenn die Deutschen zum Beispiel vier Wochen gesperrt werden, bekommen Migranten sechs Wochen Spielpause. So entsteht ein böser Kreis. Die Wut staut sich im Bauch, entlädt sich spätestens am nächsten Samstag oder Sonntag im Fuß, und nicht immer nur gegen den Ball.

          Aber das erklärt noch nicht den Hass, der auf manchen Plätzen blitzt. Das ist so, weil der nichts mit Fußball zu tun hat. Es ist ein Puzzle, und seine Teile sind weit verstreut. In Gegenden, wo die Arbeit rar und die Hartz-IV-Quote hoch ist, wo Jugendzentren fehlen und die Langeweile oft den Tag bestimmt, kann ein Sieg oder eine Niederlage am Wochenende in der Kreisliga schnell zum Symbol für Unter- oder Überlegenheit werden. Denn nur auf dem Papier geht es Spieltag für Spieltag auf den Amateurplätzen der Republik um nichts. Was sich da entlädt, ist aber in erster Linie kein vermeintliches „südländisches Temperament“, sondern es geht zunehmend um soziale Anerkennung und Gleichbehandlung, hat die Sportwissenschaftlerin Marie-Luise Klein von der Ruhr-Universität Bochum schon 2001 in einer Studie geschrieben. Spielforscher Pilz gibt ihr recht und sieht seine Befunde aus den neunziger Jahren auch heute noch bestätigt:

          Er macht nicht die kulturellen Eigenarten einiger Spieler für den Ärger auf dem Platz verantwortlich, sondern soziale, ethnische und weltpolitische Konflikte, die immer häufiger auf dem Rasen ausgetragen würden. Früher seien die Vereine zudem noch durchmischter gewesen, die ersten Gastarbeiter seien noch mit den deutschen Kollegen aufgelaufen. Inzwischen aber separierten sich Deutsche wie Migranten immer mehr, in den Städten, den Wohnvierteln und in den Fußballvereinen. Auf den Amateurplätzen werden Stellvertreterkriege ausgetragen. Denn hier ist die Konstellation ganz klar: eine Mannschaft hier, eine Mannschaft dort. Mann gegen Mann. Wer gewinnt, steht oben. Das war natürlich auch schon früher so. Etwa in den neunziger Jahren, als die Kriege auf dem Balkan bis auf die Fußballplätze von Bottrop oder Neukölln getragen wurden. Fußball war nie nur heile Welt. Heute werden auf den Zuschauerrängen Plakate gegen die Organisation „Islamischer Staat“ entrollt. Die Politik auf den Fußballplätzen in der Großstadt und der Provinz ist zurück.

          Provokationen deutscher Spieler

          Und deutsche Spieler? Wissen genau, wie sie ihre Gegenspieler mit Migrationshintergrund provozieren können. Die Trainer deutscher Mannschaften setzten manchen Spieler gezielt als Provokateur gegen besonders sensible Spieler ein, um die Stimmung anzuheizen, berichtet die Sportwissenschaftlerin Thaya Vester. Auch ihr Kollege Pilz hat schon formuliert: Migranten fühlen sich nach eigener Aussage wesentlich häufiger beleidigt als deutsche Spieler. Erst wird von der einen Seite „Kanake!“ gerufen, dann von der anderen „du Nazi!“. Dann geht’s los. Die Nationalität wird allzu oft instrumentalisiert, schon vor dem Anpfiff wird aufgehetzt. Laut Thaya Vester gehen knapp zehn Prozent aller Gewalttaten auf dem Platz rassistische Bemerkungen voraus. Die Kreisspruchkammern und Sportgerichte sehen das oft aber nicht. Sie verurteilen dann nur den Schläger, also meist den Migranten, und lassen den Provokateur laufen. Klar, wer sich da ungerecht behandelt fühlt. Und beim nächsten Mal womöglich noch fester zuschlagen wird.

          Allein im Ruhrgebiet soll es mehr als 50 türkische Vereine geben, bundesweit mehr als 500. Nur ganz wenige von ihnen sind das, was Silvester Stahl, Professor an der Fachhochschule Potsdam für Sport und Management, „Tendenzvereine“ nennt. Diese seien antiwestlich, antiliberal, mitunter auch antisemitisch und antiziganistisch orientiert, ihnen gehe es nicht nur um den Sport, sondern um eine Weltanschauung. Diese Vereine würden teilweise gezielt als Vorfeldorganisationen aus anderen Gruppen ausgegründet, um über den Wettkampf auf dem Fußballplatz junge Migranten zu binden.

          Das ist gefährlich. Ist aber nur die Spitze des Eisbergs. Schon gegen die alltägliche Gewalt etwas zu tun, fällt schwer genug. Die Sportgerichte wollen abschrecken und härter urteilen als in der Vergangenheit. Vereine werden aufgerufen, Spieler, die Probleme machen, konsequent auszuschließen. Bisher wechselten die talentierteren Krawallmacher oft von einem Klub zum anderen. Den Ärger trugen sie damit nur ein Stück weiter. Am Spielfeldrand stehen nun außerdem immer häufiger geschulte Konfliktberater, die einschreiten sollen, bevor es richtig knallt. Bevor der Schiedsrichter wieder die 110 wählt und die Polizei in Mannschaftsstärke anrücken muss.

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