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Korruption bei der Fifa Blatters Liste

Mit der Ankündigung, die Namen von Schmiergeldempfängern zu nennen, hat der Fifa-Präsident seinen Vorgänger Havelange wohl zum Rücktritt aus dem IOC getrieben.

© picture-alliance / dpa Vergrößern Fifa-Kongreß 1998: Blatter folgt auf Havelange

Wenn im Sommer 2016 in Rio de Janeiro die Olympischen Spiele eröffnet werden, wäre Joao Havelange 100 Jahre alt. Falls der Jahrhundert-Funktionär dieses gesegnete Alter wirklich erreicht, dann erlebte er einen der wichtigsten Momente in der Geschichte Brasiliens mit eigenen Augen. Dass seine Landsleute das Olympiastadion nach ihm benannt haben, könnte allerdings ein Fehler gewesen sein, mehren sich doch erhebliche Zweifel an dem Ruf des Greises.

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Seit Jahren schon hält man ihn für einen der zwielichtigsten Sportfunktionäre. Jetzt verdichtet sich das Bild: Der Rücktritt Havelanges aus „gesundheitlichen Gründen“ als Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) steht in direktem Zusammenhang mit dem Korruptionskrimi beim Internationalen Fußball-Verband (Fifa).

Es geht um ein Schmiergeldsystem, das der langjährige Fifa-Präsident Havelange maßgeblich mitgeprägt hat und an dem er in großem Umfang mitverdient haben soll. Der Skandal um die 2001 in Konkurs geratene Schweizer Sportrechteagentur ISL/ISMM ist öffentlich nie vollständig aufgeklärt worden. Zudem wurde die unrühmliche Akte lange, auch auf Betreiben des aktuellen Fifa-Chefs Joseph Blatter, unter Verschluss gehalten.

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Noch im vergangenen Jahr hatte die Fifa in Verhandlungen mit der in diesem Fall zuständigen Staatsanwaltschaft in Zug erreicht, dass die Schmiergeldempfänger in den eigenen Reihen eine Wiedergutmachung von 5,5 Millionen Franken an den Verband zahlen sollten und dafür anonym bleiben durften. Doch die Situation hat sich geändert. Der Druck auf Blatter und den moralisch verwahrlosten Weltverband ist gewachsen.

Seit der angeschlagene Fifa-Präsident Ende Oktober angekündigt hat, die ISL-Bestechungsliste bei der nächsten Sitzung des Fifa-Exekutivkomitees Mitte Dezember in Tokio öffnen zu wollen, müssen sich die noch unbekannten Schuldigen fürchten.

Der Druck wächst: Nicolaz Leoz (l.) und Ricardo Teixeira (m. © REUTERS Vergrößern Der Druck wächst: Nicolaz Leoz (l.) und Ricardo Teixeira (m.)

Auf dem Papier stehen angeblich einige weitere Spitzenfunktionäre des Weltsports. Zugleich hatte das IOC zuletzt die Ermittlungen durch seine Ethikkommission forciert, um dem eigenen Prinzip von Transparenz zu entsprechen. So weit bisher bekannt ist, ermittelte das Gremium der olympischen Bewegung nicht nur gegen Havelange, sondern auch gegen die IOC-Mitglieder Issa Hayatou, zugleich Fifa-Vorständler und Fußball-Präsident Afrikas, sowie gegen den Präsidenten des Internationalen Leichtathletik-Verbandes, Lamine Diack. Nach der IOC-Exekutivsitzung in Lausanne sollen am Donnerstag Namen und Strafen verkündet werden. Havelange ist seinem Ausschluss wohl zuvor gekommen.

Schweizer Spezialklausel

Wie ein Schweizer Strafgericht in dem ISL-Prozess festgestellt hat, waren von 1989 bis 2001 Schmiergelder in Höhe von insgesamt 140 Millionen Franken an Topfunktionäre unterschiedlicher Sportorganisationen geflossen, um wichtige Marketingrechte der Verbände zu erwerben.

Der Adidas-Chef Horst Dassler hatte die ISL-Gruppe gegründet. Als Fifa-Boss war Havelange offenbar ein großer Profiteur dieser Zuwendungen, die damals nicht strafbar waren. Schmiergeldzahlungen konnten selbst in Deutschland zumindest bis 1999 legal von der Steuer abgesetzt werden. In der Schweiz sind Topfunktionäre der dort beheimateten Sportverbände durch eine Spezialklausel im Anti-Korruptionsgesetz weiterhin von einer Bestrafung ausgenommen.

Wie lange kann sich Blatter halten?

Havelange hat wohl viele Millionen kassiert. Und zwar zusammen mit seinem früheren Schwiegersohn Ricardo Teixeira. Eine gemeinsame Tarnfirma soll zur Vertuschung des korrupten Systems eingesetzt worden sein. Teixeira ist nicht nur brasilianischer Fußballpräsident, sondern seit Jahren auch Mitglied im Fifa-Vorstand. Gegen ihn ermitteln die Strafbehörden in der Heimat schon wegen unterschiedlicher Vorwürfe. Im ISL-Fall sollen mit seinem Namen von 1992 bis 1997 Zuwendungen in Höhe von 9,5 Millionen Dollar verbunden sein.

Die große Frage ist, wie lange sich der gewiefte Fifa-Chef Blatter halten kann und ob ihn die Affären und Skandale am Ende nicht doch noch mitreißen. Die angekündigte Öffnung der ISL-Akte hat ihm erst einmal Zeit verschafft.

Er wird hoffen, dass die genannten Personen unter dem Druck der Öffentlichkeit aufgeben, sich die Fifa auf diesem Weg von einem Teil der auch für Blatter selbst gefährlichen Altlasten befreien kann und er sogar noch als Aufklärer erscheint. Es ist nicht auszuschließen, dass sich demnächst auch Teixeira, Hayatou sowie der Fifa-Vorstandskollege und Fußballchef Südamerikas, Nicolaz Leoz (Paraguay), der ebenfalls als Empfänger auf der ISL-Liste stehen soll, aus „gesundheitlichen Gründen“ von ihren Posten zurückziehen.

Bleibt Havelange Fifa-Ehrenpräsident?

Eine echte Vergangenheitsbewältigung sieht anders aus, ist aber wohl nicht gewollt. In der vergangenen Woche hatte der neue unabhängige Fifa-Antikorruptionsbeauftragte angekündigt, nur nach vorne schauen zu wollen.

Es ist kaum vorstellbar, dass Blatter von den vielen undurchsichtigen Vorgängen im eigenen Haus nichts gewusst haben kann. So soll eine ISL-Zahlung an den damaligen Fifa-Präsidenten Havelange in Höhe von 1,5 Millionen Franken im Jahr 1997 irrtümlich erst auf einem Konto des Weltverbandes gelandet und dann aber an den Brasilianer weitergeleitet worden sein. Blatter war damals Generalsekretär, hält sich aber für unschuldig.

Als Beleg führt er immer wieder die ISL-Liste an, die ihm helfen soll, den Laden zu reinigen: Der Name des Schweizers steht angeblich nicht auf dem Papier. Vom Verdacht, involviert gewesen zu sein, wird Blatter deshalb nicht befreit. Das aber ficht ihn nicht an. Er sieht sich als Saubermann. Dann wäre der nächste Schritt im Fall Havelange logisch: Blatter müsste im Zuge der Ermittlungsergebnisse seinem einstigen Ziehvater den Titel des Ehrenpräsidenten der Fifa entzieht. Nach dem neuen Compliance-Anspruch des Weltverbandes wäre das die geringste Konsequenz.

Quelle: F.A.Z.

 
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