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Kommentar zur Nationalelf : Lasst die Künstler los!

So viele Künstler hatte die Nationalelf noch nie: Mario Götze ist einer von ihnen Bild: dpa

Es ist zu früh, Löws neue Taktik ohne athletischen Mittelstürmer zu bejubeln oder zu verdammen. Eines aber kann man heute schon sagen: Sie ist vollkommen logisch. Doch so nachvollziehbar Löws stürmerloser Angriff ist, er ist gefährlich für ihn.

          Der erste Ernstfall hat alle Chancen und Risiken aufgezeigt, die Löws neue Lieblingsstrategie mit sich bringt. Mit Götze in vorderster Position wirbelte die deutsche Offensive am vergangenen Freitag die kasachische Abwehr in der ersten Halbzeit ordentlich durcheinander und entschied das WM-Qualifikationsspiel in Astana durch Tore von Schweinsteiger und eben Götze sehr früh.

          In der zweiten Halbzeit dagegen wirkten die deutschen Angriffe ohne einen athletischen Mittelstürmer im Zentrum besonders ungefährlich, als das Kurzpassspiel nicht mehr funktionierte. Denn für die brachialeren Methoden des Fußballs, hohe Flanken vors Tor etwa, fand sich kein Abnehmer. Die Bälle segelten unberührt von einer deutschen Stirn durch den gegnerischen Strafraum. Zum Glück beendete Müllers Tor in der 74. Minute den kasachischen Zwergenaufstand, der bis hin zu einem Lattentreffer geführt hatte.

          Es ist zu früh, Löws neue Taktik zu bejubeln oder zu verdammen. Eines aber kann man heute schon sagen: Sie ist vollkommen logisch. Denn ein Trainer muss das Spiel seiner Mannschaft nach den Stärken seiner Spieler ausrichten. Und die größten Begabungen drängeln sich nun mal im offensiven Mittelfeld. Özil, Götze, Reus, Müller, Kroos und neuerdings noch Draxler sind Kombinationskünstler, die mit ihren Kurzpassstafetten gegnerische Abwehrreihen schwindelig spielen können.

          Die Bundestrainer Ribbeck und Völler wären froh gewesen, wenn sie nur zwei von ihnen in ihren Nationalmannschaften gehabt hätten. Löw hat noch drei weitere im Überangebot. Schweinsteiger, Khedira und Gündogan können das deutsche Spiel genauso gut offensiv befruchten, obwohl sie auf die defensive Sechserposition zurückgenommen wurden. In Zeiten des deutschen Rumpelfußballs wäre jedem der drei freudestrahlend die Spielmacherposition übertragen worden.

          Es geht auch ohne athletischen Mittelstürner
          Es geht auch ohne athletischen Mittelstürner : Bild: AP

          Möglichst viel Qualität auf das Spielfeld zu bringen, kann kein falscher Ansatz sein. Zumal es nur zwei deutsche Mittelstürmer gibt, die gut genug sind, um überhaupt eine Alternative bilden. Klose wird jedoch 36, und die Karriere von Gomez hat auch gezeigt, dass es gewagt ist, ein Spiel ganz auf ihn auszurichten. Der Bayern-Stürmer wird häufiger von Verletzungen geplagt und durchlebt auch sonst immer wieder dunklere Phasen seines Fußballschaffens.

          So nachvollziehbar Löws stürmerloser Angriff ist, er ist gefährlich für ihn. Denn wenn dieses Konzept nicht greift, wird es ihm um die Ohren gehauen werden. Auf Hochbegabte - man könnte auch „Spielkinder“ sagen - zu setzen, ist für Fußball-Deutschland mit einem unangenehmen Gefühl verbunden. Spielkinder waren früher die anderen, die von uns besiegt wurden.

          Wieder ohne echten Stürmer: die voraussichtliche Aufstellung der deutschen Mannschaft im Heimspiel gegen Kasachstan
          Wieder ohne echten Stürmer: die voraussichtliche Aufstellung der deutschen Mannschaft im Heimspiel gegen Kasachstan : Bild: dpa

          Seit 1954 sind deutsche Erfolge vor allem mit Blut, Schweiß und Grätschen verbunden worden. Mit willensstarken Strategen, die das Glück zwangen und Siege gegen begabtere Gegner erarbeiteten. Die Diskussionen um das abhandengekommene Sieger-Gen nach den drei Halbfinalniederlagen - WM 2006, WM 2010, EM 2012 - und dem verlorenen EM-Endspiel 2008 drücken das Misstrauen aus.

          Aber wie könnte diese Diskussion Löw von seinem Plan abbringen? Die Benders und Kießling rein? Özil, Götze und Reus raus, um so Platz für mehr Wettkampfhärte zu schaffen? Das einfachste ist: Deutschland gewöhnt sich daran, stolz darauf zu sein, eine Artistentruppe als Nationalmannschaft zu haben, und Löw weckt den Siegeshunger und die Widerstandskraft in seinen Künstlern.

          Quelle: F.A.Z.

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