16.06.2011 · Michael Ballack hat seine Weltkarriere akribisch geplant, aber den richtigen Zeitpunkt für den Abschied verpasst. Doch auch der Bundestrainer ließ den Moment für die erlösende Entscheidung viel zu lange verstreichen.
Von Michael HoreniEine große Ära des deutschen Fußballs, die schon bei der Weltmeisterschaft vor einem Jahr vorbei war, hat nun auch ihr offizielles Ende gefunden. Der Abschied von Michael Ballack, den Joachim Löw nach ganz vielen Raten per Pressemitteilung verkündete, war längst keine Überraschung mehr. Wohl aber, dass es der Bundestrainer und sein Kapitän trotz zahlreicher Gespräche nicht mehr geschafft haben, wenigstens eine letzte gemeinsame Übereinkunft in Stil und Sprache zu finden. In der DFB-Verlautbarung taucht kein einziges Wort des Kapitäns der vergangenen sieben Jahre mehr auf. Diese Leerstelle ist bezeichnend für die Sprachlosigkeit, die zwischen Ballack und Löw trotz aller Telefonate und Treffen herrschte und sich nicht mehr auflösen ließ. Es ist nun noch nicht einmal klar, ob Ballack nach 98 Länderspielen überhaupt das letzte Angebot des Trainers und Verbandes annehmen wird, das Testspiel im August gegen Brasilien als Abschiedsgeschenk anzunehmen. Selbst für dieses letzte dürre Zeichen der Verbundenheit waren die Gemeinsamkeiten aufgebraucht.
Die Abschiedsmeldung aus dem Hause DFB ist mehr als ein Kommunikationsdesaster zwischen dem ersten Fußballtrainer des Landes und dem lange einzigen deutschen Weltklassespieler. Das Schweigen Ballacks ist auch beredter Beleg eines Kampfes zwischen Kapitän und Bundestrainer, in dem der Stolz auf vergangene Größe einerseits und der Anspruch auf die Teamführung ohne Rücksicht auf alte Verdienste andererseits nicht mehr zueinander fanden.
Mit jedem Tag sah Ballack mehr wie ein Modell von gestern aus
Ballack hat seine Weltkarriere akribisch geplant, aber den richtigen Zeitpunkt für den Abschied verpasst. Er kam bei der WM in Südafrika auf Besuch, als die Nationalelf den zuvor Unverzichtbaren weder brauchte noch zurück haben wollte. Im Schmerz der unverschuldet verpassten WM gelang es dem Kapitän nicht mehr, die Zeichen der neuen Zeit richtig zu deuten. Mit jedem Monat, in dem sich seine Verzichtbarkeit weiter offenbarte, wurde es noch schwerer. Aus diesem Abseits hat Ballack nicht mehr herausgefunden.
Es wirkte in den vergangenen Monaten oft so, als wollte der einsame Kapitän mit seinem Schweigen vor dem unvermeidlichen Abschied den Bundestrainer zu einem Bekenntnis zwingen, das er selbst nicht mehr geben konnte. Doch Löw ließ den lange so dominanten Kapitän genau dann allein, als er zum ersten Mal Hilfe benötigte. Löw setzte so eindeutig auf die Jugend, dass Ballack mit jedem Tag mehr wie ein Modell von gestern aussah. Aber die erlösende Entscheidung, auf ihn endgültig zu verzichten, um dem unwürdigen Spiel ein früheres und besseres Ende zu machen, ließ der Bundestrainer viel zu lange verstreichen. Der Trainer, der es so gut versteht, ein Team aufzubauen, wird mit dem Makel leben müssen, für Abschiede keinen guten Plan zu haben.