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Doping-Kommentar : Was hat Müller-Wohlfahrt geschluckt?

Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt gibt in einem Interview nur Binsenweisheiten von sich. Bild: dpa

Doping bringt nichts im Fußball! Diese Position nimmt auch Bayern-Arzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt ein. Seine längst widerlegten Thesen geben aber keine Antworten, sondern werfen zumindest eine Frage auf.

          Doping bringt nichts im Fußball! Diesen Eindruck versucht die Fußball-Branche seit Jahren zu erwecken. Jetzt hat auch noch der Mann mit den „sehenden Händen“ diese Position eingenommen. Weshalb sich die Frage aufdrängt, wo Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt hingeschaut hat in den vergangenen vierzig Jahren. Oder wo er nicht hingeschaut hat, wenn seine Hände fühlten, was mit den Muskeln seiner Profis los war. Um dem berühmten Arzt gerecht zu werden, muss man die kolportierte These eingrenzen. Müller-Wohlfahrt hat in einem Interview mit der „Zeit“ lediglich Binsenweisheiten von sich gegeben: Aufputschmittel leerten den „Akku“, im nächsten Spiel folge ein „Leistungsabfall“. Und Muskelberge raubten den Spielern „Elastizität“ sowie „Leichtigkeit“.

          Holla, der Doc hat gesprochen. Und nun wissen wir, dass die vor Kraft kaum gehen könnenden Bodybuilder keine spritzigen Fußball-Profis sein können, aber wohl auch keine Tour-de-France-Sieger. Ergo bringt Doping auch im Radsport nichts. Wie dumm müssen dann Generationen von Athleten gewesen sein. Hallo Lance, hallo Ulle und Kollegen der pharmakologischen Abteilung: Ihr habt gar nicht gemerkt, dass ihr euch den Bizeps aufgepumpt habt, als ihr mit (Mikrodosierung von) Anabolika die Regeneration beschleunigtet, um noch härter trainieren zu können. Hat gar nichts gebracht außer einigen Tour-de-France-Siegen, Milliönchen, die gesellschaftliche Ächtung und ein Vabanque-Spiel mit Eurer Gesundheit. Hättet ihr mal dem Orthopäden zugehört.

          Das haben aber nicht mal Fußballer getan. Über die Lust der Bundesliga-Spieler auf Stimulanzien in den siebziger und achtziger Jahren sind Bücher geschrieben worden, deren detaillierte Doping-Beschreibungen bis hinein in die Bayern-Elf kaum jemand ernsthaft dementiert hat. Aber es stimmt schon. Müller-Wohlfahrt hat nicht behauptet, dass im Fußball nicht gedopt wird. Das wäre auch mit Blick auf bekannte Ausdauerleistungsförderer wie das Blut-Doping-Mittel Epo und den Anti-Doping-Laboren nicht bekannte Variationen grotesk: Sieht wie kaum ein Zweiter auch den kleinsten Faserriss, hat aber Offensichtliches nicht erkannt.

          Stasi-Dokumente, Gerichtsurteile und Geständnisse zeugen von einer weltweiten Praxis. Eine kaum zwei Jahre alte wissenschaftliche, anonyme Umfrage unter Fußballprofis der Bundesliga und anderer westlicher Ligen deutet auf einen signifikanten Doping-Mittel-Einsatz in der Gegenwart hin: Demnach griffen wenigstens zehn Prozent der Befragten zu. Müller-Wohlfahrts längst widerlegte Thesen zum Ende einer biblischen Karriere geben also keine Antworten, sondern werfen Fragen auf. Zumindest eine, sobald er mit seinen 75 Jahren und der jugendlichen Tolle wieder über den Rasen spurtet, um einem geknickten Bayern-Profi zu helfen: Was hat der Doc eigentlich geschluckt?

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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