Home
http://www.faz.net/-gtm-pizv
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Kommentar Rohnatur

03.10.2004 ·  Die Rabiaten und Prominenten, vor allem jedoch rabiate Prominente, machen offenbar die Schutzmacht auf dem Platz blind; oder schüchtern sie erfolgreich ein. Es ginge jedoch auch umgekehrt: mit einem pädagogisch wertvollen Platzverweis.

Von Michael Horeni
Artikel Lesermeinungen (0)

Die Bilanz des siebten Spieltages erschöpfte sich nicht in der Addition von Toren und Punkten oder der Aufzählung von sportlichen Besonderheiten: So verblüfft Wolfsburg zwar weiter als Spitzenreiter und Mainz 05 als vergnüglichster Aufsteiger seit vielen Jahren. Aber nach dem Abpfiff wurden eben nicht nur sich sportlich verfestigende Tabellen-Konstellationen gewürdigt, sondern auch Attacken auf dem Spielfeld, die Verletzte und Verhöhnte zurückließen sowie Fragen nach den Motiven der Täter und dem gerechten Strafmaß.

Am schlimmsten erwischte es am Wochenende den Rostocker di Salvo sowie den Bremer Fahrenhorst. Der Hansa-Stürmer verlor nach einer brutalen Attacke des Hannoveraner Torwarts Enke die Besinnung und blieb regungslos auf dem Rasen liegen. Die erste Diagnose, Verdacht auf Gehirnerschütterung, wirkte wie eine Erleichterung angesichts der Wucht, mit der der heranfliegende Torwart außerhalb des Strafraums seinen Kollegen mit dem Körper zu Boden rammte. Die Bilder lösten Erinnerungen an das gruselige Foul von Torwart Schumacher vor knapp 20 Jahren gegen den Franzosen Battiston aus. Vorsatz wie damals ließ sich dem Torwart von heute jedoch nicht vorwerfen, grobe Fahrlässigkeit im Umgang mit der Gesundheit eines Kollegen jedoch schon. Aber weder Schiedsrichter Jansen, noch sein zuständiger Assistent nahmen den besonderen Härtefall als solchen wahr. Enke wurde nur verwarnt, nicht vom Platz gestellt und gesperrt. Der Rostocker Trainer Schlünz faßte mit zwei Sätzen zusammen, was man wohl als das geschundene Fußball-Gerechtigkeitsempfinden beschreibt: "Wenn ein Spieler nach einem Torjubel das Hemd über den Kopf zieht, bekommt er eine Gelbe Karte. Wenn ein Stürmer gnadenlos umgerammt wird, gibt es auch nur Gelb."

In Bremen kam Torwart Kahn vollkommen ungestraft davon, als er mal wieder seine Sonderrolle des Rohlings jenseits der Fußballgesetze wie in seinen schlimmsten Zeiten auslebte. Nach einem harmlosen Sprungduell außerhalb der Torwartschutzzone attackierte er den kreuzbraven Klose mit rüpelhaften Nasenstübern, als ob er auf dem Schulhof einer Gang von Halbstarken imponieren wollte. Sportlich schäbig, zumal Klose ihm mit offenen Armen gegenübertrat (wie Kahn umgekehrt wohl reagiert hätte?) - und sportlich strafbar, weil er bei seiner Drohgeste den Ball auch noch doppelt so lange in Händen hielt wie erlaubt. Gelbe Karte gegen Kahn und Freistoß für Bremen - das wäre das mindeste an Reaktion von Schiedsrichter Fandel auf die Aggression gewesen. "Daß der Schiedsrichter da nicht aktiv wird, ist unglaublich", sagte der Bremer Trainer Schaaf. Aber die Rabiaten und Prominenten, vor allem jedoch rabiate Prominente, machen offenbar die Schutzmacht auf dem Platz blind; oder schüchtern sie erfolgreich ein. Es ginge jedoch auch umgekehrt: mit einem pädagogisch wertvollen Platzverweis.

Ballack brach seinem Bremer Nationalmannschaftskollegen Fahrenhorst das Nasenbein. "Keine Absicht", sagte Ballack später entschuldigend - das mag für die schmerzhaften Folgen des Schlags gelten, aber wohl kaum für den grundsätzlichen Einsatz im Stil der Ellenbogengesellschaft. Denn selbsttätig und willenlos erreicht ein Ellenbogen den Kopf eines 1,90 Meter großen Gegners nicht. Aber über einen solch alltäglichen Befreiungsschlag regt sich die Branche, bei der Provokationen und Schauspieleinlagen jeden Samstag zum häßlichen Standardrepertoire gehören, längst nicht mehr auf.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.10.2004, Nr. 231 / Seite 25
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

Jüngste Beiträge

Fußball
 Bundesliga 
 2. Bundesliga 
  Verein Sp Diff Pkt.  
1.  Logo: Borussia Dortmund
Borussia Dortmund   34  55   81 Gleichheit zur Vorwoche
2.  Logo: Bayern München
Bayern München   34  55   73 Gleichheit zur Vorwoche
3.  Logo: FC Schalke 04
FC Schalke 04   34  30   64 Gleichheit zur Vorwoche
4.  Logo: Bor. Mönchengladbach
Bor. Mönchengladbach   34  25   60 Gleichheit zur Vorwoche
5.  Logo: Bayer Leverkusen
Bayer Leverkusen   34  8   54 Gleichheit zur Vorwoche
6.  Logo: VfB Stuttgart
VfB Stuttgart   34  17   53 Gleichheit zur Vorwoche
7.  Logo: Hannover 96
Hannover 96   34  -4   48 Gleichheit zur Vorwoche
8.  Logo: VfL Wolfsburg
VfL Wolfsburg   34  -13   44 Gleichheit zur Vorwoche
9.  Logo: Werder Bremen
Werder Bremen   34  -9   42 Gleichheit zur Vorwoche
10.  Logo: 1. FC Nürnberg
1. FC Nürnberg   34  -11   42 Gleichheit zur Vorwoche
11.  Logo: 1899 Hoffenheim
1899 Hoffenheim   34  -6   41 Gleichheit zur Vorwoche
12.  Logo: SC Freiburg
SC Freiburg   34  -16   40 Gleichheit zur Vorwoche
13.  Logo: FSV Mainz 05
FSV Mainz 05   34  -4   39 Gleichheit zur Vorwoche
14.  Logo: FC Augsburg
FC Augsburg   34  -13   38 Verbesserung zur Vorwoche
15.  Logo: Hamburger SV
Hamburger SV   34  -22   36 Verschlechterung zur Vorwoche
16.  Logo: Hertha BSC
Hertha BSC   34  -26   31 Verbesserung zur Vorwoche
17.  Logo: 1. FC Köln
1. FC Köln   34  -36   30 Verschlechterung zur Vorwoche
18.  Logo: 1. FC Kaiserslautern
1. FC Kaiserslautern   34  -30   23 Gleichheit zur Vorwoche

Nicht gewonnen, nicht verloren

Von Peter Heß

Im Formel-1-Tempo sollte in der durch Korruptionsvorwürfe durchgeschüttelten Fifa aufgeräumt werden. Im Moment bewegt sie sich mit der Geschwindigkeit eines Motorrollers. Mehr 1