17.11.2005 · Der türkische Fußball hat am Mittwoch nicht nur die WM verpaßt, er hat sich international auch ins Abseits gestellt.
Von Michael HoreniDer Fußball hat in Istanbul der Welt wieder einmal sein häßliches Gesicht gezeigt. In den Katakomben des Stadions kam es zu Jagdszenen auf Schweizer Spieler.
Vor genau zwei Jahren hatten sich am Bosporus schon einmal ganz ähnliche Szenen abgespielt, als sich die deutsche "U 21"-Nationalmannschaft durch einen Treffer in der Nachspielzeit für die Europameisterschaft qualifizierte. Damals wurde unter anderem der deutsche Torschütze von einem Polizisten getreten. Auch die ersten Argumentations- und Rechtfertigungsmuster in manchen türkischen Medien gleichen sich nach den üblen Szenen wieder. Diesmal sollen Schweizer Spieler provoziert haben, vor zwei Jahren wurden die Deutschen wegen übertriebener Freude und beleidigende Gesten als Auslöser der Attacken beschuldigt. Die Schweizer aber konnten sich diesmal gar nicht "übertrieben" freuen. Sie flüchteten sofort nach dem Schlußpfiff in die vermeintlich sichere Kabine.
Gewalt und Rassismus sind im Stadion weiter zu Hause
In Deutschland hat nun Innenminister Otto Schily die Ausschreitungen türkischer Fans verurteilt, die wohlgemerkt in Istanbul stattfanden und nicht in Berlin. Da fragt man sich bei allem Ärger über die Wiederholungstat in der Türkei, wie sich in den letzten Tagen seiner Amtszeit der Kompetenzbereich des deutschen Innenministers eigentlich unbemerkt so weit ausdehnen konnte - und ob es nicht bei jedem Auswärtsspiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft genug Anlaß gibt, das Auftreten der eigenen Zuschauer zu verurteilen. Rassistische und rechtsradikale Sprüchemacher und Gewalttäter gehen auch mit der deutschen Nationalmannschaft seit Jahren ständig auf Reisen.
Und auch in der europäischen Nachbarschaft, ob nun in Italien, Spanien, Frankreich oder England, beweisen die radikalen Begleiter des Fußballs nirgendwo ihre EU-Tauglichkeit. Gewalt und Rassismus sind in und um die Stadien Europas weiter zu Hause. Da haben auch die gutgemeinten und notwendigen Fair-play-Aktionen der Fußballstars im Auftrag der Verbände nicht mehr als ein Zeichen guten Willens setzen können.
Keine türkische Entschuldigung
In Istanbul aber fehlt selbst diese Geste. Der ansonsten seriöse türkische Trainer Fatih Terim warf unter dem Druck der nationalen Erwartung den Schiedsrichtern vor, als Helfershelfer des Schweizer Fifa-Präsidenten Blatter für dessen Landsleute fungiert zu haben. Der Vizepräsident des türkischen Verbandes sah das Pfeifkonzert während der Nationalhymne beim Hinspiel in Bern als den eigentlichen Auslöser - und ließ bisher jede Entschuldigung vermissen. Der türkische Fußball hat am Mittwoch nicht nur die WM verpaßt, er hat sich international auch ins Abseits gestellt.