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Kommentar Führungsmangel

10.10.2005 ·  Acht Monate vor der WM ist die deutsche Nationalmannschaft in eine ernsthafte Krise geraten. Auf den Schultern der jungen Spieler wird zuviel Verantwortung abgeladen, die Erfahrenen werden ihrer Rolle nicht gerecht. Kommentar.

Von Michael Horeni, Istanbul
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Fatih Terim ist ein höflicher Mann und mit den Gepflogenheiten der Medien bestens vertraut. Vor einigen Monaten noch erlebte er selbst unangenehme Zeiten, denn der WM-Dritte Türkei drohte in der Qualifikation zu scheitern, die Schlagzeilen waren entsprechend. Nun aber hat sich die Stimmung gedreht, und vor dem letzten Spiel am Mittwoch gegen Albanien besitzen die Türken wieder gute Chancen, im nächsten Sommer in Deutschland dabeizusein. Nach dem 2:1-Sieg gegen die WM-Gastgeber wurde der türkische Trainer gefragt, was er von dieser deutschen Mannschaft halte.

"Klinsmann, Löw und Bierhoff sind große Namen im Fußball", entgegnete er. "Ich würde dazu raten, diesen Namen zu vertrauen. Sie werden erfolgreich sein." Von einem solchen Grundvertrauen kann die Führung der Nationalelf vielleicht in tausendundeiner Nacht träumen, und einer der Gründe liegt darin, daß es im deutschen Fußball ein paar Namen gibt, die noch etwas größer sind und deren Worte noch größeres Gewicht besitzen.

Kahn bleibt in der Krise besonnen

Acht Monate vor der WM ist die deutsche Nationalmannschaft nun in eine ernsthafte Krise geraten, aber wie sie am Ende gedeutet werden wird, entscheidet sich erst nach der WM. Vor vier Jahren geriet Teamchef Rudi Völler in eine vergleichbare, aber weitaus schwierigere Lage, als sein Team in den Relegationsspielen gegen die Ukraine um die WM-Teilnahme zittern mußte. Dieser Härtetest wurde zu einem Schlüsselerlebnis des Teams, das ihm Stärke bis zum WM-Finale geben sollte. Nun, fast zur gleichen Zeit, wird es darauf ankommen, wie die junge Mannschaft mit diesem Rückschlag fertig wird.

Kapitän Oliver Kahn gab sich nach der Niederlage ausgesprochen besonnen, was als untrügliches Zeichen für einen kritischen Zustand der Mannschaft gelten kann. Er verlangte "eine große Reaktion" des Teams schon am Mittwoch gegen China. Auch der Bundestrainer kann nur hoffen, daß seine junge Mannschaft unter dem steigenden öffentlichen Druck der kommenden Tage nicht noch weiter an Zutrauen verliert. Denn bei allen Auswärtsspielen in dieser WM-Saison, auch beim 2:2 in Holland sowie bei der 0:2-Niederlage in der Slowakei, zeigte sich nicht nur für den Bundestrainer, "daß die Selbstüberzeugung noch ein bißchen fehlt".

Zuviel Verantwortung für die jungen Spieler

Diesen Mangel an Selbstbewußtsein der jungen Spieler auszugleichen, dafür wären die Routiniers der Mannschaft zuständig gewesen. Sie verpaßten ihren Einsatz. Allen voran Torsten Frings im defensiven Mittelfeld, den der Bundestrainer nach einer halben Stunde erst an den Rand des Spiels schob und dann zur Halbzeit ganz herausnahm. Aber auch Bernd Schneider schaffte es nicht, ein Ordnungsprinzip zu schaffen, das eine beruhigende Wirkung auf die junge, allein gelassene Viererkette hätte ausüben können.

Die Verantwortung, die Mannschaft zu führen, hängt derzeit allein an Michael Ballack, und wenn er wie gegen die Türkei fehlt - oder sich wie in den Spielen zuvor nicht in Bestform befindet -, wankt die deutsche Mannschaft bedenklich. An solchen Tagen schlägt dann auch der Mangel an Profis im sogenannten besten Fußballalter ungebremst durch. Die Generation der Vierundzwanzig- bis Achtundzwanzigjährigen ist für die Nationalmannschaft eine weitgehend verlorene Generation. Um die jungen Spieler dagegen muß sich niemand sorgen. Ihre Zeit wird kommen - auch wenn die Fußballnation derzeit viel zuviel Verantwortung bei ihnen ablädt.

Quelle: F.A.Z. vom 10. Oktober 2005
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