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Fußball-Kommentar : Das große Knabbern

Bundestrainer Jogi Löw verfolgt die Auslosung der Nations League. Bild: dpa

Wer braucht überhaupt die Nations League? Der deutsche Fußball ganz gewiss nicht. Auch wenn es gegen Frankreich und die Niederlande geht.

          Was soll man zu einem Wettbewerb sagen, über den selbst im Magazin des europäischen Fußballverbandes (Uefa) zu lesen ist, dass das Format „relativ komplex“ sei und „den Fans eine gewisse Gewöhnungszeit abverlangen“ dürfte? Dass die Fans sich womöglich gar nicht für das ganze Ding interessieren könnten, beispielsweise. Oder, dass es schon genug Fußball gibt, den die Welt nicht braucht. Oder ist es am Ende doch ganz anders? Dass wir alle voller Spannung vor den Bildschirmen saßen, als am Mittwoch in Lausanne die Lose gezogen wurden für das Premierenjahr der Nations League. Und es kaum erwarten können, bis dieser „attraktive Wettbewerb“, wie Reinhard Grindel ihn nannte, endlich losgeht. Am Mittwoch fiel nach einer halben Stunde erst einmal der Livestream aus Lausanne aus, doch ehe die große Verzweiflung ausbrach, waren Ton und Bild zurück – und damit auch die brandheiße Information, dass Rumänien die Gruppe C4 mit Litauen, Montenegro und Serbien komplettiert.

          Nun, vielleicht ist der Spott ein bisschen unfair. Grindel kämpft als DFB-Präsident um die Ausrichtung der Europameisterschaft 2024 in Deutschland, und außerdem war der Deutsche Fußball-Bund mit von der Partie, als sich die Uefa-Mitgliedsverbände im März 2014 für die Einführung der Nationenliga aussprachen – in einer Zeit, als noch die Sonnenkönige Michel Platini und Sepp Blatter an den Hebeln der Macht saßen und sich jeweils das größtmögliche Stück vom Fußballkuchen sichern wollten. Der ideelle Gewinn, den Platini seinerzeit versprach, besteht vor allem darin, den kleineren Nationen eine größere Bühne zu bieten. Einen materiellen gibt es selbstredend auch: Die Uefa glaubt, die Spiele mit Wettbewerbscharakter besser (zentral) vermarkten zu können, und will die Mehreinnahmen an die Verbände weitergeben.

          Auch der deutsche Fußball wird profitieren, zumal es das Los am Mittwoch gut meinte mit dem DFB: Frankreich und die Niederlande sind Gegner, aus denen sich sportlich und wirtschaftlich etwas machen lässt, das schwere Los war in diesem Fall ein Wunschlos, auch des Bundestrainers. Zugleich ist es aber so, dass der deutsche Fußball die Nations League ganz gewiss nicht braucht, auch wenn manche Länderspiele des Weltmeisters zuletzt fast wie Ladenhüter daherkamen. Dass zuletzt vor allem die Vereinsvertreter ihre Bedenken äußerten, ist verständlich. Selbst wenn sich die Zahl der Termine für die Nationalteams nicht erhöht, bringen Wettbewerbsspiele allemal höhere Belastungen mit sich als reine Testspiele.

          Was das angeht, wandelt auch der Fußball längst auf einem gefährlichen Pfad – genauso wie mit der Überforderung des Publikums. Da können die Verantwortlichen der Uefa (die es im Übrigen einigen Hirnschmalz gekostet haben dürfte, diesen Modus auszutüfteln) noch so energisch behaupten, dass die Nations League keine „Kannibalisierung“ mit sich bringe: das große Knabbern an den eigenen Ressourcen hat im populärsten Sport der Welt längst begonnen. Und wird, wenn man die Planspiele für eine globale Erweiterung sieht, so schnell gewiss kein Ende haben.

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