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Kommentar À la française

14.07.2004 ·  Bei der komödiantischen Suche nach einem neuen Bundestrainer scheint es ein ehernes deutsches Prinzip zu geben: Nur große Namen zählen. Frankreich zeigt, daß es auch anders geht.

Von Michael Horeni
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Uli Stielike wird Bundestrainer! Das war er ja fast schon mal, als vor sechs Jahren die Nachfolgefrage in Sachen Berti Vogts ihrem komödiantischen Höhepunkt entgegenstrebte.

Was heute selbst in der heillosen Kandidatensuche des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) unmöglich scheint, wurde am Montag in Frankreich Realität. Raymond Domenech heißt der international weitgehend unbekannte Nachfolger von Jacques Santini beim vormaligen Welt- und Europameister. Der neue Nationaltrainer war zuvor seit 1993 für die "U21"-Nationalmannschaft zuständig - er besetzte also den gleichen Arbeitsplatz wie Stielike beim DFB.

Die Nachfolgeregelung des zu Tottenham Hotspur gewechselten Santini verlief keineswegs reibungslos, aber ohne kompromittierende Absagen. Der 52 Jahre alte frühere Nationalspieler setzte sich gegen vierzig andere Bewerber um den höchsten französischen Trainerposten durch. Domenech erhielt den Vorzug vor Stars wie dem früheren Europameister Jean Tigana sowie Weltmeister Laurent Blanc.

Die Fußball-Prominenz scheiterte

Die exzellente Beziehung Tiganas zu seinem ehemaligen Mannschaftskapitän, dem einflußreichen Michel Platini, gefiel dem französischen Verbandspräsidenten Claude Simonet nicht. Blanc scheiterte, weil ihm das nötige Trainerdiplom fehlt. Aber den entscheidenden Impuls, wie in den Jahren zuvor weiter auf einen Trainer des Verbandes zu setzen, gab Aimé Jacquet, der die Grande Nation 1998 zum Weltmeister machte. Jacquet, wie seine Nachfolger Roger Lemerre und Santini aus dem Verband hervorgegangen, hielt in der Fédération Française de Football ein zwanzigminütiges Plädoyer für Kontinuität. Der Verband solle nicht seiner eigenen Arbeit mißtrauen und nach einem Nachfolger nur in den eigenen Reihen suchen. Damit waren Trainer aus Vereinen oder aus anderen Ländern aus dem Rennen.

Die konzeptionelle Arbeit über viele Jahre macht es den Franzosen immer noch möglich, selbst nach zwei großen Enttäuschungen in zwei Jahren - WM-Abschied nach der Vorrunde ohne Torerfolg, EM-Adieu nach dem Viertelfinale - auf die eigenen Stärken zu vertrauen. Der 52 Jahre alte Domenech, der im Fußball die Phantasie leben läßt, hat in der "U21" schon die Stars Zidane, Henry und Trezeguet fortgebildet. Da die Franzosen ihre Auswahlmannschaften nach einem abgestimmten taktischen Konzept spielen lassen und auch deren Trainer als Fachleute anerkannt werden, gilt Domenech im Land auch nicht als umstrittene Wahl.

In Deutschland ist eine Lösung, die nicht sogenannte große Namen hervorbringt, kaum denkbar. Noch immer haftet Nachwuchstrainern hierzulande der Makel an, vom "richtigen" Fußball angeblich nichts zu verstehen. Die Arbeit mit dem Fußball-Nachwuchs ist in Deutschland so populär wie die Erziehungszeit für Väter. Die Qualität einiger Auswahltrainer des Verbandes ist danach. Dieses Defizit ist ein Zeichen für die Geringschätzung der unverzichtbaren Grundlagenarbeit im Fußball - und die Suche nach einem Bundestrainer daher auch nur ein Kapitel in der Trainer-Malaise des DFB.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.07.2004, Nr. 161 / Seite 27
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Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

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