06.09.2011 · Von wegen nur ein Testmatch: Für die in Polen geborenen Miroslav Klose und Lukas Podolski ist die Begegnung in Danzig an diesem Dienstag (20.45 Uhr) etwas ganz Besonderes.
Von Michael Horeni, DanzigNoch in der Nacht zum Samstag ist Miroslav Klose im Mannschaftshotel zu Joachim Löw gegangen und hat ihm nach dem 6:2 gegen Österreich eine Bitte vorgetragen. Der Bundestrainer möge auf ihn bei der Testbegegnung in Polen auf keinen Fall verzichten, sagte Klose, er wolle an diesem Dienstag in Danzig mindestens eine Halbzeit spielen.
Löw nickte und sagte, das gehe schon in Ordnung. Klose hätte gar nicht beim Bundestrainer in eigener Sache vorsprechen müssen, denn Löw wusste selbstverständlich, dass dieses 112. Länderspiel für Klose eine besondere Bedeutung besitzt, ebenso wie für Lukas Podolski, der vor seinem 92. Einsatz für Deutschland steht. Klose wollte lieber auf Nummer sicher gehen, Podolski aber sagte nichts. Er nimmt die Dinge, wie sie kommen. Das hat er immer schon so gemacht. „Und dann schauen wir mal, ob wir gewinnen können“, sagt Lukas Podolski.
Die Partie an diesem Dienstag wird für die beiden in Oberschlesien geborenen Angreifer, die auf dem Spielfeld noch immer polnisch miteinander reden, nach zusammen über zweihundert Länderspielen der erste Auftritt im Land ihrer Herkunft sein. Ein paar Stunden nach der Ankunft auf dem nach Lech Walesa benannten Flughafen präsentierte Podolski auch auf der Pressekonferenz des Deutschen Fußball-Bundes wieder einmal seine Verbundenheit zur alten Heimat. „Ein bisschen was von Polen wird immer in mir sein“, sagt Podolski in diesen für ihn emotionalen Tagen.
Sein erstes Länderspiel in der alten Heimat sei für ihn vom Gefühl her nur mit einem Finale der Champions League oder einem EM-Endspiel zu vergleichen. Vor drei Monaten hatte er in Polen ebenfalls schon einen emotional bewegenden Termin. Er heiratete dort seine ebenfalls aus Polen stammende Freundin, Podolski hatte dafür eine Maschine gechartert und war von Köln mit siebzig Verwandten und Freunden zur kirchlichen Hochzeit geflogen.
Polnisch im Elternhaus
Podolski und Klose kamen als Kinder nach Deutschland, mit zwei und acht Jahren. Ihre Mütter waren polnische Handball-Nationalspielerinnen, die Väter suchten als Fußballspieler ihr Glück im Westen, und die Familien kamen als Aussiedler in Deutschland an. Lukas Podolski, der einst ein „z“ im Vornamen führte, entschied sich mit 15 Jahren für das deutsche Trikot, Miroslav Klose, der in Polen Mirek genannt wird, mit achtzehn. Die Nationalhymne singen die beiden deutsch-polnischen Lieblinge nicht mit, aber ein großes öffentliches Thema wie beim türkischstämmigen Mesut Özil ist das nie gewesen. Es fiel jedoch auf, als Podolski beim 2:0 gegen Polen bei der EM 2008 beide Tore erzielte und auf den üblichen Jubel verzichtete. In seinem Elternhaus wird immer noch Polnisch gesprochen.
Mittlerweile haben Klose und Podolski die meisten Länderspiele im deutschen Team gemacht – und dabei immer wieder Krisen überstanden. Die Zeit von Klose schien vor der Weltmeisterschaft 2010 schon dahin, mittlerweile gibt es erste Überlegungen, ob der auch mit 33 Jahren unumstrittene und nimmermüde Klose nicht über die EM 2012 hinaus ein Kandidat für Löw sein könnte.
Podolski dagegen hatte in den vergangenen Wochen und Monaten zu spüren und von Löw auch zu hören bekommen, dass sein Stammplatz in Gefahr geraten könnte. Doch beim 6:2 gegen Österreich präsentierte sich der Wahl-Rheinländer auf dem Platz plötzlich wieder genau so schnell, beweglich und torgefährlich, wie ihn sich der Bundestrainer immer wünscht.
Niemand hat so oft für Löw gespielt wie Podolski
„Druck hat man immer. Mir war natürlich klar, dass die letzten ein, zwei Länderspiele nicht so gut waren. Aber ich habe immer betont, dass man mit vertrauen kann“, sagte Podolski zu seinem rundum gelungenen Auftritt, bei dem er sein 43. Länderspieltor erzielte. Im deutschen Trikot kommt der Kölner im Schnitt in jedem zweiten Spiel zum Erfolg, in der Bundesliga braucht er ungefähr doppelt so lange.
Die mangelnde Konstanz begleitet Podolski in der Bundesliga verlässlich, in der Nationalelf gelegentlich. Das war zwar ärgerlich für den Bundestrainer, aber es wurde nie zu einem Problem für Podolski, weil es niemanden gab, der ihm trotz dieser Schwäche den Platz streitig machen konnte. Seit André Schürrle zum Kader gehört, hat sich das geändert. Löw besitzt eine erstklassige Alternative, einen Spieler, der auf ein ebenso hohes Tempo wie Podolski beschleunigt und durch ebenfalls ungewöhnliche Treffsicherheit imponiert.
Der Bundestrainer sagte daher vor dem Qualifikationsspiel gegen Österreich so offen wie nie zuvor, dass ihm Podolskis Schwankungen nicht gefallen. Aber er machte auch gleichzeitig deutlich, dass auf den auch erst 26 Jahre alten Nationalspieler immer hundertprozentig Verlass ist, wenn es darauf ankommt – bei den großen Turnieren, angefangen beim Confederations Cup 2005, der WM 2006, der EM 2008 und zuletzt auch in Südafrika. In der Ära Löw macht Podolski in Danzig nun sein 50. Länderspiel, so oft hat niemand sonst im Team des Bundestrainers gestanden.
Am vergangenen Donnerstag hat Löw mit Podolski ganz ernsthaft über seine Leistungen gesprochen. Der Bundestrainer hatte ein paar Videoaufnahmen dabei, die den in Köln zuletzt als Kapitän abgesetzten Liebling in seinen besten Momenten zeigten. Das ist ein Podolski, der nicht dem Ball entgegengeht, sondern der mit höchstem Tempo auf seine Gegner und das Tor zusteuert. „Er freut sich, wenn man ihn kritisiert. Er nimmt die Dinge an. Vor allem, wenn man mit Bildern arbeitet, ist Lukas empfänglich“, sagte Löw zufrieden nach der persönlichen Fortbildungsmaßnahme. Nach dem 6:2 gegen Österreich hat der Bundestrainer auch wieder genug neues Material, falls Lukas Podolski auch nach fast hundert Länderspielen noch einmal daran erinnert werden muss, was für ein guter Spieler er sein kann.
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