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Klinsmanns Rückkehr Als wäre er noch immer der Boss

22.08.2007 ·  Und plötzlich war Jürgen Klinsmann wieder da. Im Sommermantel und mit einem Lächeln besuchte der frühere Bundestrainer die deutsche Fußball-Nationalelf vor dem Klassiker gegen England. Von Roland Zorn.

Von Roland Zorn, London
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Ist er es wirklich, steht dort tatsächlich und leibhaftig Jürgen Klinsmann, oder ist das alles nur Einbildung, der Blick auf ein Phantom, einen Geist? Die unangemeldete Rückkehr des früheren Bundestrainers auf den Fußballplatz mutete beim Abschlusstraining der Nationalmannschaft vor dem 30. Duell mit den Engländern auf den ersten Blick unwirklich an. Doch er war nun einmal nicht zu übersehen in seinem kurzen Regenmantel, passend zu einem grauen Londoner Frühherbsttag.

Dass er den Rasen des neuen Wembley-Stadions bestens gelaunt Seite an Seite mit seinem Nachfolger Joachim Löw betrat, spiegelte ebenso anschaulich wie symbolisch die nach wie vor innige Verbindung der sportlichen Spitzenmänner im Deutschen Fußball-Bund (DFB) zu ihrem früheren Anführer.

Ein Held der Londoner

Rund dreizehn Monate ist es her, dass der 43 Jahre alte Radikalreformer Klinsmann seine mit dem dritten Platz bei der Weltmeisterschaft 2006 geglückte Mission für beendet erklärt hat. Sein erster Helfer und inzwischen guter Freund Löw übernahm den Job ganz im Sinne des blonden Meisters. Und Löw sowie der Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff waren es auch, die gemeinsam mit dem kommenden DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach den Überraschungsbesuch Klinsmanns in einer seiner Lieblingsstädte eingefädelt hatten (Siehe auch: Klinsmanns „Comeback“ in London).

Das alte Wembley, das war der Grund und Boden, auf dem der damalige Kapitän der Nationalelf, auf wundersame, blitzartige Weise von einem Muskelfaserriss genesen, im Endspiel gegen Tschechien die Europameisterschaft 1996 eroberte. Ein Held der Londoner, zumindest der Fans von Tottenham Hotspur, war der reißerische Stürmer schon vorher gewesen. Für die Spurs schoss er in 56 Ligaspielen 30 Tore. Für drei Tage ist er am Dienstag in die Weltkapitale zurückgekehrt, in der sich mal wieder Gerüchte halten, dass ihn Tottenham aufs Neue haben will – diesmal als Manager, also als Trainer des hoch gehandelten, aber schlecht in die Saison gestarteten Premier-League-Teams aus dem Norden der Hauptstadt.

Als gehörte Klinsmann auf Anhieb wieder dazu

Doch zu Vertragsgesprächen ist Jürgen Klinsmann nicht hierher gekommen. Er genoss ganz einfach die Einladung seiner alten Wegbegleiter aus den manchmal turbulenten, manchmal kontroversen, am Ende wunderschönen Tagen, da einer ausgezogen war, um alte Verkrustungen aufzubrechen und Neues im deutschen Fußball zu kreieren. Interviews am Platz gab der Heimkehrer keine, seine Visite galt als privat und war doch vollkommen öffentlich. Nur einem Wunsch der Fotografen gab der mit seiner Familie in Kalifornien glücklich gewordene Klinsmann nach, als er sich einmal umdrehte und wie auf Bestellung sein zauberhaftestes Lächeln lieferte.

Sonst aber wendete Klinsmann den Reportern den Rücken zu, verschränkte die Arme und beobachtete, als wäre er noch immer der Boss der „Wir sind ein Team“-Truppe die lockeren Leibesübungen der Spieler. Es schien, als gehörte Klinsmann auf Anhieb wieder zu dieser Mannschaft, mit der zusammen er zum Training im Bus gefahren war. „Saugt die Atmosphäre ein, genießt dieses Spiel“, rief er den ihm noch aus gemeinsamen Zeiten bekannten Profis und auch denen zu, die Löw für die dreißigste Klassiker-Ausgabe berufen hat. Wie selbstverständlich saß der alte Bundestrainer auch mit der Mannschaft beim Abendessen an einem Tisch.

Der Mann hat Spuren hinterlassen

So etwas hat es noch bei keinem Bundestrainer a. D. gegeben – eine selbstverständliche Visite am Arbeitsplatz seines Nachfolgers. Joachim Löw aber hat sich wie ein wahrer Kumpel darüber gefreut, dass Freund Jürgen mal wieder vorbeigeschaut hat. Es war der erste offizielle DFB-Termin überhaupt, bei dem Klinsmann seit seinem Abschied am 12. Juli 2006 wirklich und unübersehbar zugegen war (Siehe auch: WM-Abschied am Brandenburger Tor: Loveparade für Klinsmann und sein Team). London aber hat ihn gereizt, und dazu mag die Sehnsucht nach einem Wiedersehen mit Löw, Bierhoff und der Nationalmannschaft inzwischen doch groß gewesen sein. Auf der Internetseite des DFB gestand Jürgen Klinsmann in einem Video-Interview, dass er sich auch heute noch über jeden Sieg der deutschen Elf „wie ein kleines Kind“ freue.

Löw, der Klinsmanns Arbeit in der Grundrichtung erfolgreich fortgesetzt hat und dabei längst ein starkes eigenes Profil gewann, flocht er dicke Kränze: „Ich bin unheimlich stolz auf Jogi. Ich wusste, dass er unglaubliche Fähigkeiten als Cheftrainer hat. Er ist stets positiv, das brauchen die Spieler.“ Er selbst hob hervor, „noch viele gute Erinnerungen mit der WM als Höhepunkt“ in sich zu tragen.

Das Gestern im Heute

Und so lebte das Gestern im Heute noch einmal auf – in jenem prunkenden Mannschaftshotel, in dem auch Klinsmanns Europameister 1996 Quartier bezogen hatten, und natürlich im Wembley-Stadion, das in Klinsmanns Spielerkarriere eine glänzende Rolle gespielt hat. Dass er in Zukunft vielleicht als Trainer nach Europa zurückkehrt, schloss Jürgen Klinsmann, wenn es „auch zusammenpasst mit der Familie“, nicht aus.

Doch diese Reise nach London war vor allem nostalgisch umrahmt. Sie bewies aber – und das zeigen auch die Folgewirkungen in der Bundesliga mit vergrößerten Trainerstäben und modernisierten Trainingsmethoden –, dass der Mann Spuren hinterlassen hat und immer noch Einfluss nimmt. Löw und Bierhoff halten den regelmäßigen Kontakt zu ihm aufrecht: Der Mann ist also doch kein Phantom, mag er sich auch rar gemacht haben. Am Donnerstagmorgen ist Jürgen Klinsmann nach Kalifornien zurückgeflogen – ob er sich bald mal wieder in Deutschland blicken lässt, wissen nicht einmal seine Vertrauten „Jogi“ und „Olli“.

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