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Klinsmann im Interview „Basta, es reicht“

29.06.2005 ·  Bundestrainer Jürgen Klinsmann im F.A.Z.-Gespräch über die Macht der Medien, respektvolle Partnerschaften, das Torwartduell, das Herzstück seiner Mannschaft, Franz Beckenbauer und einen unstillbaren Erfolgshunger.

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Bundestrainer Jürgen Klinsmann im F.A.Z.-Gespräch über die Macht der Medien, respektvolle Partnerschaften, das Herzstück seiner Mannschaft, Franz Beckenbauer und einen unstillbaren Erfolgshunger.

Sie lesen gerade die "Gazetta dello Sport". Sind denn auch die italienischen Taktik-Experten mit der Entwicklung der deutschen Mannschaft beim Confederations Cup einverstanden?

Die Italiener analysieren ein Spiel immer sehr gut, besonders das taktische Verhalten, und da bescheinigen sie uns einen großen Entwicklungsprozeß. Sie analysieren aber auch die einzelnen Spieler sehr genau, schreiben Seiten über Seiten über das Spiel, aber sie bleiben immer nur beim Fußball.

In Deutschland ist das etwas anders, oder hatten Sie das etwa vergessen?

So ein Turnier bringt ja viele Erkenntnisse mit sich. Zu sehen, wie die Mannschaft mit den extremen Einflüssen von außen zurechtkommt, ist sicher sehr wichtig. Teile der Medien haben wirklich versucht, starke Unruhe in die Mannschaft hineinzutragen. Das ging schon bei unserer Partie in München los, bei dem die Nationalmannschaft gegen den FC Bayern ausgespielt werden sollte. Das Team hat in diesen Wochen ein Wechselbad der Gefühle miterlebt. Trotzdem hat bei uns aber niemand den Koller bekommen, die Atmosphäre war von Anfang an harmonisch, locker und leistungsorientiert. Wir hatten alle das Ziel, perfekt zu arbeiten. Aber dann wird man mit dem extremen Pessimismus aus bestimmten Medien konfrontiert, die darauf lauern, ob nicht doch etwas passiert und einem die Galle überläuft. Die Mannschaft ist ruhig und sachlich geblieben und hat sich immer an den sportlichen Fragen orientiert. Das ist eine sehr wichtige Erkenntnis aus diesem Turnier mit Blick auf die WM. In Deutschland wird immer versucht, Konfrontationen zu schaffen. Das ist schade, aber wir können es nicht ändern.

Manche in Ihrem Umfeld meinen beobachtet zu haben, daß Sie die Boulevard-Kritik irritiert und auch sehr geärgert hat. Waren Sie von den Angriffen ein bißchen entwöhnt in Amerika?

Meine gute Laune habe ich deswegen nie verloren. Aber es ist wichtig, daß die Leute, die in der Verantwortung stehen, sich nicht alles gefallen lassen. Es geht hier um eine Frage des Respekts.

Sie meinen die Boulevard-Kritik gegen Australien an Huth oder an Lehmann in München?

Das ist ein gutes Beispiel. Aber auch die Kritik an Hitzlsperger. Oder wie die Nationalmannschaft als Gegner des FC Bayern beurteilt wurde, das alles war respektlos. In diesen Momenten ist es wichtig, daß sich die Mannschaftsleitung hinstellt und sagt: "Jetzt reicht's." Wir können die Arbeit mit den Medien auch ändern und zurückschrauben. Das hat nichts damit zu tun, daß wir eingeschnappt wären. Das hat etwas mit Konsequenz zu tun. Wie überall im Leben ist es ein Geben und Nehmen. Unsere Mannschaft gibt enorm viel. Wir versuchen alle, aus uns das Beste herauszuholen. Aber wenn man immer nur gibt und gibt - und es kommt nichts außer Respektlosigkeiten zurück, dann ist es auch für die Spieler wichtig, daß sie sehen: Die Mannschaftsführung läßt sich nicht alles gefallen. Vielleicht werden meine Möglichkeiten von den Boulevard-Medien in dieser Richtung noch unterschätzt. Schon früher konnte ich, wenn es zuviel wurde, für mich sagen: Basta, es reicht. Jetzt kann ich es für alle sagen. Das wollen wir nicht, wir wollen eine respektvolle Partnerschaft mit allen. Aber an der Nase lassen wir uns nicht herumführen.

Oliver Bierhoff sagte, die Mannschaft soll wie eine Festung stehen. Daher würden Sie die Spieler in der Öffentlichkeit so lange besonders schützen, bis sie in ihrer Entwicklung weiter gereift seien.

Ich betrachte das nicht als Schutz, sondern als Hilfe für eine optimale sportliche Entwicklung. Die Spieler sollen wissen: Der Trainer läßt sich von außen nichts diktieren. Wenn ein Tim Borowski oder ein Patrick Owomoyela nicht zum Zug kommen, dann wissen sie, daß ihnen ein Quentchen Leistung fehlt, um einen anderen Spieler zu verdrängen. Und sie wissen auch, daß bei uns niemand in die Mannschaft hinein- oder herausgeschrieben werden kann.

Das war schon mal anders.

Allerdings. Da wurde erfolgreich Stimmung gemacht, bei uns funktioniert das nicht.

Franz Beckenbauer hat in "Bild" nach einem Besuch im Mannschaftsquartier nach dem Halbfinale verkündet, daß niemand befugt ist, Ihnen reinzureden.

Wir freuen uns sehr, wenn Franz lobende Worte für unsere Arbeit findet.

Er sprach nicht nur über Ergebnisse, sondern daß Ihre Arbeit Hand und Fuß habe.

Das ist der entscheidende Punkt. Ohne jetzt irgendwelchen Kritikern weh tun zu wollen: Es beurteilen Leute die Nationalmannschaft, die sie noch nie gesehen haben. Und deswegen war es besonders schön, daß Franz ein paar Tage bei uns war. Er hat inhaltliche Arbeit von uns und den amerikanischen Fitnesstrainern gesehen, die andere wie Paul Breitner gar nicht sehen, aber kritisieren. Wir saßen mit Franz beim Kaffee, und er hat mitbekommen, welche Themenfelder wir in unsere Arbeit einfließen lassen. Er sieht, daß wir die Dinge systematisch angehen und für alles unsere Gründe haben. Am Sonntag haben wir der Mannschaft gesagt, sie kann abends machen, was sie will - aber die Arbeit ist gemacht. Er hat das alles gesehen, es hat ihm gefallen - und Franz hat ja ein Gespür für Mannschaften wie kaum ein anderer.

Die Zuschauer hat die Nationalmannschaft auf ihre Seite gezogen und auch "Bild"-Kolumnist Beckenbauer - trägt das die gute Stimmung bis zur WM?

Nein. Wir freuen uns zwar, daß sich die Zuschauer wieder mit der Mannschaft identifizieren. Sie honorieren das Engagement und die Lernwilligkeit der jungen Kerle, die mutig drauflosspielen. Wir stehen aber weiterhin bei jedem Spiel auf dem Prüfstand. Deswegen ist auch das Spiel gegen Mexiko sehr wichtig. Der Charakter einer Mannschaft zeigt sich, wenn schon ein bißchen die Luft raus ist. Wir haben noch eine Aufgabe zu erfüllen. Wir dürfen nie einen Schritt zurückmachen, wir wollen nach oben.

In der heftig und kontrovers diskutierten Torwartfrage unterstützt Sie Beckenbauer nun und hält Ihren Zeitplan, die Nummer eins erst im Mai 2006 zu benennen, für richtig. Das ist ja richtig konsequent.

Franz hat als Organisationschef den Terminkalender doch in- und auswendig im Kopf. Wir haben im Jahr 2006 vor der WM nur im März zwei Länderspiele. Den zweiten Termin zu bekommen war schon ein Kraftakt, dafür haben wir eine Sondergenehmigung der Fifa gebraucht. Es gibt für uns keinen Grund bei diesem Länderspielprogramm im Frühjahr 2006 bereits im März, wo die Meisterschaften und die Champions League erst in die entscheidende Phase kommen, endgültig zu einem Torhüter zu sagen: "Du bist jetzt die Nummer eins."

Die Spannung angesichts des dürren Länderspielprogramms zu halten - wird das nicht ohnehin die größte Schwierigkeit im WM-Jahr?

Das Ganze funktioniert nur, wenn die Spieler ihre Zukunft in die eigene Hand nehmen. Wir sagen ihnen immer: Nur wenn ihr mehr macht als die anderen Bundesligaspieler, wenn ihr mehr Trainingseinheiten absolviert, wenn ihr euch stärker mit eurer Arbeit auseinandersetzt, wenn ihr euch intensiver fortbildet, wie ihr etwa mit Medien und Öffentlichkeit umgeht - nur dann wird es klappen. Wir haben nämlich in den kommenden Monaten, in denen wir uns nur sporadisch sehen, nicht genug Zeit dazu. Wenn aber einer glaubt, es reicht, zu uns zu kommen und nur seine Arbeit zu machen, dann muß man klar sagen: Das wird nicht reichen. Deswegen machen wir unsere Leistungstests auch im Oktober und März. Wenn dann einer im Vergleich zu heute nur auf dem gleichen Level oder sogar darunter liegt, dann hat er Schwierigkeiten. Wir geben allen Spielern mit auf den Weg, daß sie sich selbst eigene Maßstäbe setzen: Euer Maßstab ist nicht die Bundesliga oder die Premier League - der Maßstab ist Makalele, Emerson, Adriano, Crespo. Die Spieler wissen jetzt nach fast einem Jahr, was sie bei uns erwartet: Sie haben Freiraum und können machen, was sie wollen, wenn sie Freizeit haben - aber wir fordern volle Konzentration, wenn es losgeht. Wir nehmen kein einziges Spiel locker. Diese Denkweise haben sie verstanden.

Kommen wir doch mal zu einzelnen Spielern und Mannschaftsteilen. Ist Per Mertesacker aus dem WM-Kader und der Abwehr noch wegzudenken?

Nein, nein. Per hat einen rasanten Reifeprozeß durchgemacht, auch außerhalb des Platzes. Irgendwann wird er so dominant sein, daß er die gesamte Abwehr rausschieben wird. Da wollen wir hinkommen, wir wollen uns nicht mehr zurückfallen lassen. Per hat keine Angst vor diesem Tempo, das wir anschlagen. Arne Friedrich ist den anderen auf seiner Position im Moment einen Tick voraus. Das werden wir aber bei den nächsten Länderspielen weiter beobachten. Um Patrick Owomoyela machen wir uns keinen Kopf, das ist ein positiver Typ, der wird in Bremen Gas geben und stärker werden, ganz egal, ob er hier gespielt hat oder nicht. Auch Andreas Hinkel hat während des Turniers einen großen Schritt nach vorne gemacht, gegen Argentinien war er richtig stark.

Huth war bei weitem nicht so stabil wie zum Beispiel Mertesacker.

Robert ist in einem Selbstfindungsprozeß. Aber sein Weg zeigt nach oben. Heute hat er mit Dingen zu tun, von denen er, als er im August zu uns kam, noch keine Ahnung hatte. Er hat enorme Qualitäten, wenn er konzentriert durchspielt. Innerhalb der Mannschaft sprüht er vor Energie, da muß man ihn sogar zurückhalten. Er muß in den nächsten Jahren eine Balance finden, und dafür wäre es sehr wichtig, wenn er beim FC Chelsea regelmäßig Spielpraxis sammeln könnte. Da wir mit vier Innenverteidigern in die WM gehen, sieht es für ihn recht gut aus. Trotzdem sind wir natürlich neugierig, was andere machen: Was wird nächste Saison mit Christoph Metzelder, vielleicht bekommt Markus Babbel noch einen Schub.

Das beste Stück des Teams ist das Mittelfeld mit Frings, Schneider, Ballack, Schweinsteiger, Deisler und hinter ihnen Ernst. Wer hat ein stärkeres?

Da sind wir in der Weltspitze, es ist unser Herzstück. Sie können zusammen auch verschiedene Rollen spielen: Die Viererkette, die Raute oder wie gegen Brasilien quasi mit fünf Spielern mit Schneider als Antreiber von hinten. Die Flexibilität einzelner Spieler wie Ballack, Schneider und Frings im Mittelfeld ist schon eine unserer großen Stärken. Schweinsteiger hat sich in diesem Jahr unter Magath enorm stabilisiert, er lernt taktisch dazu, auch seine Körpersprache hat er verbessert, wenn er bei einem Zweikampf mal hängenbleibt. Er schaltet sofort wieder um. Sebastian Deisler hat ebenfalls die Hoffnungen erfüllt. Er mußte sich durch zusätzliches Engagement empfehlen. Das hat er schon vor dem Spiel gegen Nordirland gezeigt, aber wir haben ihn bewußt draußen gelassen, weil er sehen sollte, daß er sich seinen Platz erarbeiten muß.

Zeichnet sich im Sturm schon eine feste Konstellation ab?

Die hat sich noch nicht herauskristallisiert - und das wollen wir eigentlich auch gar nicht. Wir wollen unsere individuellen Stärken immer nach dem Gegner ausrichten. Wenn wir den Ball mehr halten müssen, ist Asamoah der perfekte Mann, wollen wir voll vorne drauf gehen, dann macht das Kevin Kuranyi sehr gut, Lukas Podolski paßt in jedes System rein. Er kann den Gegner unter Druck setzen, den Ball halten und durch seine Explosivität selbst das Tor suchen. Außerdem ist er menschlich so gefestigt, daß ihm der ganze Rummel nichts ausmacht.

Nach dem Spiel gegen Brasilien haben ein paar junge Leute zu Ihnen gesagt: Lieber ein guter Verlierer als ein schlechter Gewinner. Das reicht Ihnen doch nicht?

Nein, in keinem Fall. Wir sind enorm erfolgshungrig. Bei mir ist das im Blut drin. Da hilft mir auch das größte Lob von Brasilien nichts. Da kann ich keine gute Laune entwickeln, obwohl wir alles gegeben haben. Die Spieler merken das auch. Selbst wenn sie nach dem Brasilien-Spiel gelobt werden, daß sie alles umgesetzt haben, hören wir aus ihren Reaktionen den Frust heraus.

Und wie sind Sie persönlich durch die vier Wochen Generalprobe durchgekommen?

Wir Trainer und Oliver Bierhoff haben uns am Sonntag auch darüber unterhalten. Uns kam es gar nicht so vor, als wären wir schon vier Wochen hier. Wir haben selbst jeden Tag trainiert und uns fit gehalten. Wir nehmen uns auch Zeit für uns.

Trotzdem urlaubsreif?

Ich freue mich sehr auf meine Frau und die Kinder. Aber urlaubsreif? Nein, eigentlich nicht.

Das Gespräch führte Michael Horeni.

Quelle: F.A.Z., 29.06.2005, Nr. 148 / Seite 31
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