http://www.faz.net/-gtl-74cgs
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 14.11.2012, 11:37 Uhr

Klaus Allofs Flucht aus dem Bremer Mittelmaß

Klaus Allofs wechselt von Werder Bremen zum VfL Wolfsburg. Und zwar mit sofortiger Wirkung. Thomas Schaaf bleibt wohl an der Weser. Dort werden ehemalige Spieler als Allofs-Nachfolger gehandelt.

von Frank Heike, Bremen
© dpa Probesitzen bestanden: Allofs wird Manager beim VfL Wolfsburg

Am Mittwochnachmittag hatte Klaus Allofs die Sprache wiedergefunden, und wie zu erwarten war, durfte das Wort „Herausforderung“ nicht fehlen in den Worten des scheidenden Vorsitzenden der Bremer Geschäftsführung. „Mit diesem Schritt nach Wolfsburg gehen für mich 13 wichtige Jahre zu Ende“, sagte Allofs, „in dieser Zeit hat es immer wieder Angebote anderer Vereine gegeben, die für mich aber nie eine Rolle spielten. Jetzt ist der Punkt gekommen, an dem ich noch einmal eine andere Herausforderung suchen möchte.“

Seit 1999 hatte der 55 Jahre alte Düsseldorfer die Geschicke Werder Bremens gelenkt, zuletzt in einer Doppelfunktion als Sportchef und Geschäftsführer. Man muss es wohl so sagen: In Bremen endet eine Ära. Für einzigartige Stetigkeit steht fortan nur noch Trainer Thomas Schaaf, der sogar noch ein paar Monate länger in verantwortlicher Position beim SVW arbeitet.

Mehr zum Thema

Die Rahmendaten des spektakulären Wechsels von Werder zum VfL waren schon in den Tagen vor der offiziellen Verkündung durchgesickert - Allofs erhält in Wolfsburg einen Vertrag bis 2016, soll mit drei Millionen Euro im Jahr knapp das doppelte des Bremer Gehalts verdienen und wird mit einer unbestätigten Summe von vier Millionen Euro aus seinem Bremer Vertrag herausgekauft, der erst im Dezember 2011 bis 2015 verlängert worden war. So viel war es der Tochtergesellschaft der Volkswagen AG also wert, sich die Dienste dieses profilierten Bundesliga-Managers zu sichern.

Allofs war das Mittelmaß leid

Bei Allofs mag die Entscheidung für den VfL auch deshalb gefallen sein, weil er es nach zwei mäßigen Jahren leid war, nur Mittelmaß zu moderieren. „Ich will nicht Vierzehnter werden, das ist nicht mein Anspruch“, sagte Allofs vor ein paar Monaten, auf seine Ambitionen mit Werder angesprochen. Aus seiner Zeit als Profi bei Düsseldorf, Köln, Marseille, Bordeaux und Werder und auch als Bremer Sportchef war er es ja gewohnt, um Titel oder wenigstens die Champions-League-Qualifikation mitzuspielen. Davon ist Werder in diesen Wochen weit entfernt. In Wolfsburg werden die Möglichkeiten ganz andere sein als an der Weser.

Germany Soccer Bundesliga © dapd Vergrößern Abschiedsstimmung: die Wege von Schaaf und Allofs bei Werder trennen sich

Das Versteckspiel hat ein Ende, doch die Fragen hören nicht auf. Werder verliert den Geschäftsführer und Vereins-Chef, Wolfsburg bekommt einen neuen Sportchef, der sehr wahrscheinlich einen Trainer suchen muss - das Personalkarussell dreht sich. In Bremen sind es drei Personen, die offenbar zum Kandidatenkreis der Allofs-Nachfolge gehören: Dietmar Beiersdorfer, Marco Bode und Frank Baumann.

Schaaf wird nicht folgen

Während Willi Lemke, der Aufsichtsratsvorsitzende der Bremer, am Mittwoch nicht über Namen sprechen wollte, galt es in Bremen als ausgemacht, dass der ehemalige Werder-Profi Dietmar Beiersdorfer Lemkes Favorit sei. Doch Beiersdorfer, der über Mittelsmänner kurioser Weise auch vom VfL Wolfsburg kontaktiert worden sein soll, arbeitet erst seit ein paar Monaten in St. Petersburg und verfügt dort als Sportchef bei Zenit über große Geldmengen. Baumann ging zwei Jahre bei Allofs in die Lehre, gilt aber als zu blass und zu still, um die Bremer Zukunft zu gestalten. Bode wurde gerade in den Bremer Aufsichtsrat gewählt, wird von Lemke geschätzt, wäre als Sportchef aber ebenso wie Baumann ein Neuling.

Auf Wolfsburger Seite ist auszuschließen, dass Allofs seinen langjährigen Weggefährten Thomas Schaaf als Trainer mitnimmt. Große Eile gibt es beim VfL nicht, weil der Trainer-Senior Lorenz-Günther Köstner in der Nachfolge Felix Magaths auf leise Töne setzt und mit seinen zwei Siegen aus drei Spielen ordentlich da steht. Köstner sagte: „Für uns ist die Klarheit das wichtigste, dass wir jetzt wieder einen Sportchef haben. Klaus Allofs bringt viel Erfahrung mit. Die Zusammenarbeit zwischen ihm und mir wird sofort beginnen.“ Wolfsburg spielt am Wochenende in Hoffenheim, Werder gegen Düsseldorf. In der darauffolgenden Woche begegnet Allofs dann schon seiner alten Liebe beim Heimspiel des VfL gegen Werder.

Diego soll für Allofs geworben haben

In Wolfsburg wird Allofs auf zwei Spieler treffen, die er einst nach Bremen geholt hatte - Naldo und Diego. Beide stehen auch für die goldenen Bremer Zeiten, als Allofs der Manager war, der vergleichsweise unbekannte Spieler nach Bremen lotste, die sofort Verstärkungen waren und später mit großem Gewinn verkauft wurden.

Wie die „Bild“-Zeitung berichtet, soll sich Diego besonders um Allofs bemüht haben - sein Freund und Berater Giacomo Petralito soll einige Male in Bremen bei Allofs vorgefühlt haben und dann den Kontakt zum VfL Wolfsburg hergestellt haben. Am vergangenen Donnerstag war das Wolfsburger Interesse öffentlich geworden. Seitdem hatten sich beide Parteien mit öffentlichen Aussagen zurückgehalten.

Wahrscheinlich kehrt bei Werder nun Willi Lemke vermehrt zurück ins Rampenlicht. Nicht als Sportchef, aber als oberster Sucher in Sachen Allofs-Nachfolge. Lemke gehörte nicht gerade zu Allofs’ Freunden im Klub; die beiden waren Gegenspieler. Lemke wird zeigen müssen, ob er auf das bewährte Modell „Werder-Familie“ setzt und Bode oder Baumann befördert. Oder ob er eine externe Lösung findet.

Am Mittwoch sagte Lemke schon mal, dass er für eine Doppellösung plädiere - also die Trennung der Ämter Sportchef und Geschäftsführer. Wohl auch, um den beiden Neuen den Einstieg zu erleichtern. Denn Allofs hinterlasse „riesige Fußspuren“.

Klaus Allofs im Porträt

Geburtstag: 5. Dezember 1956
Geburtsort: Düsseldorf
Beruf: bis 14.11.2012 Geschäftsführer Profifußball und Öffentlichkeitsarbeit, Vorsitzender der Geschäftsführung Werder Bremen
ab 15.11.2012 voraussichtlich Geschäftsführer Sport VfL Wolfsburg

Karriere als Spieler: Position: Stürmer
1975-1981 Fortuna Düsseldorf
1981-1987 1. FC Köln
1987-1989 Olympique Marseille
1989-1990 Girondins Bordeaux
1990-1993 Werder Bremen
- 424 Bundesligaspiele / 177 Tore

Karriere als Nationalspieler
- 56 Länderspiele zwischen 1978 und 1988 / 17 Tore

Karriere als Trainer
1998-1999 Fortuna Düsseldorf (2. Bundesliga)

Karriere als Manager
1999-14.11. 2012 Werder Bremen
15.11.2012-  VfL Wolfsburg

Erfolge als Spieler
1980: Europameister
1986: WM-Zweiter
1992: Europapokal der Pokalsieger mit Werder Bremen
1993: deutscher Meister mit Werder Bremen
1979: DFB-Pokalsieger mit Fortuna Düsseldorf
1980: DFB-Pokalsieger mit Fortuna Düsseldorf
1983: DFB-Pokalsieger mit 1. FC Köln
1991: DFB-Pokalsieger mit Werder Bremen

Erfolge als Manager
2004: deutscher Meister mit Werder Bremen
2004; DFB-Pokalsieger mit Werder Bremen
2009: DFB-Pokalsieger mit Werder Bremen

Quelle: FAZ.NET mit dpa

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Entlassung von Eichin Werder setzt wieder auf die eigene Familie

Sportdirektor Eichin verliert den Machtkampf in Bremen, es übernimmt der frühere Werder-Profi Frank Baumann. Doch die Frage, was aus Trainer Skripnik wird, bleibt. Mehr Von Christian Kamp

19.05.2016, 17:31 Uhr | Sport
Bundesliga Abstiegsduell an der Weser

Die Fans von Eintracht Frankfurt schauen mit Sorge auf ihre Mannschaft. Am letzten Spieltag der Fußball-Bundesliga müssen die Hessen zu Werder Bremen reisen. Ein Abstiegsduell pur, Frankfurt steht mit 36 Punkten auf Tabellenplatz 15, Werder mit 35 Punkten auf Platz 16. Ein Sieg oder ein Unentschieden reicht Frankfurt. Dann bleibt die Eintracht sicher in der Bundesliga und hat auch mit der Relegation nichts zu tun. Bei einer Niederlage wird es schwierig. Dann wäre der Relegationsplatz wahrscheinlich. Mehr

13.05.2016, 08:36 Uhr | Sport
Relegationsspiel Zuneigung für die Jungs

Eintracht-Trainer Niko Kovac hat die Versäumnisse gegen Bremen abgehakt. Paradigmenwechsel zum Relegationsspiel gegen Nürnberg: Nun müssen wir Tore schießen. Mehr Von Ralf Weitbrecht

17.05.2016, 06:12 Uhr | Rhein-Main
Deutschlandbesuch Paul McCartney in Düsseldorf

Paul McCartney wird am Samstagabend im Rahmen seiner aktuellen One-On-One-Tour in Düsseldorf spielen. In Deutschland zu sein, weckt bei McCartney ganz besondere Erinnerungen. Im Juni erscheint sein neues Album Pure McCartney Mehr

28.05.2016, 13:19 Uhr | Feuilleton
Champions League Wolfsburgs Frauen verlieren Elfmeter-Drama

Erst retten sich die Fußballfrauen aus Wolfsburg so gerade noch in die Verlängerung. Im Elfmeterschießen des Endspiels der Champions League sieht es dann zunächst gut aus – doch am Ende jubelt Lyon. Mehr

26.05.2016, 20:50 Uhr | Sport
Umfrage

Wie weit kommt das DFB-Team bei der EM 2016?

Die Umfrage ist aus technischen Gründen vorübergehend deaktiviert.

Fifa im Hinterzimmer

Von Anno Hecker

Wer glaubt, die Fifa habe endlich gelernt und sei auf dem Weg, ihre vollmundigen Reformversprechen umzusetzen, der muss sich revidieren. Aber ist diese Erkenntnis eine Überraschung? Mehr 0

Leserfavoriten Sport