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Kevin Kuranyi Löw schmeißt den Deserteur raus

12.10.2008 ·  Kevin Kuranyis Nationalmannschaftskarriere ist zu Ende: Nach seiner Fahnenflucht in der Pause des Spiels gegen Russland warf Bundestrainer Löw den Schalker Stürmer aus dem Team. Der Abgang passt zur Vita des umstrittensten Stürmers in Fußball-Deutschland.

Von Michael Ashelm, Düsseldorf
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Rundum zufrieden und noch gut gelaunt sprach Joachim Löw nach dem Abpfiff in Dortmund über die vielen positiven Aspekte, die sich in der mitreißenden Partie kurz zuvor bei seiner Elf gezeigt hatten. Doch dem siegreichen Thriller gegen Russland folgte eine nächtliche Ruhestörung der unerwarteten Art, welche wegen ihres Knalleffekts im Lager der Nationalmannschaft noch für reichlich Gesprächsstoff sorgen wird.

So reagierte der Bundestrainer am Sonntag denn auch prompt. Im Unterschied zum glückseligen Samstagabend aber sprach er jetzt über seine Enttäuschung, die er mit einem harten Verweis verband. „Wir sind alle überrascht gewesen von der vorzeitigen Abreise von Kevin Kuranyi. So, wie er reagiert hat, kann ich das nicht akzeptieren und werde ihn deshalb in Zukunft nicht mehr für die Nationalmannschaft nominieren“, sagte Löw im Düsseldorfer Mannschaftsquartier. Dort bereiten sich die deutschen Kicker auf das nächste Weltmeisterschafts-Qualifikationsspiel am Mittwoch gegen Wales vor, das in Mönchengladbach stattfindet.

Die Tür bei Löw ist zu

Das mysteriöse Verschwinden des Nationalstürmers von Schalke 04 zu mitternächtlicher Stunde ist von den Verantwortlichen als klare Abkehr von der Nationalelf gewertet worden, so dass schnell die Konsequenz gezogen wurde - auch um die Diskussionen vor der Aufgabe am Mittwoch einzudämmen. Kuranyis Berater Roger Wittmann registrierte am Sonntag ebenso überrascht den spektakulären Abgang seines Klienten - so erschien es zumindest. „Kevin hat eine Entscheidung getroffen, die sicherlich emotional bestimmt war. Über das Handeln kann man diskutieren“, sagte er dieser Zeitung.

Dass für Kuranyi nun die Tür bei der Nationalmannschaft - wenigstens unter einem Bundestrainer Löw - verschlossen ist, wollte Wittmann nicht mehr als großes Drama sehen. Der Spielerberater glaubt nicht an eine unbedachte Kurzschlussreaktion des 26 Jahre alten, erfahrenen Angreifers. „Kevin wird erwartet haben, wie die Nationalmannschaft darauf reagieren könnte.“

Kuranyi desertiert zur Pause, Freunde holen seine persönlichen Sachen ab

Nichts hatte vor der Partie gegen die Russen darauf gedeutet, dass der diesmal nicht berücksichtigte Kuranyi kurze Zeit später solchen Wirbel auslösen sollte. Mit dem ebenfalls nicht für den 18-Mann-Kader nominierten Vereinskollegen Jermaine Jones verfolgte er die erste Halbzeit des Qualifikationsspiels auf den Zuschauerplätzen hinter der Mannschaftsbank, teilte dann aber zur Pause mit, den Rest der Partie mit einem Freund auf der Haupttribüne verfolgen zu wollen. Angeblich machte sich der Stürmer da schon auf den Weg aus dem Westfalenstadion.

Jedenfalls war er bis zur Abfahrt des Mannschaftsbusses nicht zu erreichen, so dass der Bundestrainer das Zeichen gab, sich ohne Kuranyi auf den Weg ins Hotel nach Düsseldorf zu machen. Alle Versuche, ihn telefonisch zu erreichen, waren nach Aussagen des Deutschen Fußball-Bundes vergeblich. Später, gegen kurz vor ein Uhr in der Nacht, warteten in der Unterkunft der Deutschen zwei Freunde des Schalker Fußballprofis und baten Manager Oliver Bierhoff, die persönlichen Sachen aus dem Zimmer Kuranyis abholen zu dürfen. Bierhoff stimmte zu.

Löws Verzicht als Auslöser

Am Mittag zuvor hatte der Bundestrainer in der Mannschaftssitzung den Verzicht auf den Stürmer mitgeteilt. „Kevin kam unmittelbar danach auf mich zu und hat seine Enttäuschung darüber zum Ausdruck gebracht. Ich kann das verstehen, aber die Reaktion, die dann am Abend passiert ist, ist nicht akzeptabel und verständlich. Wir sind hier derzeit bei der Nationalmannschaft zwanzig Topleute, und da werden wir Trainer immer wieder aufs Neue harte Entscheidungen treffen müssen“, sagte Löw. Es wäre gut gewesen, so der Bundestrainer, wenn der Spieler nach dem Spiel noch mal auf ihn oder Bierhoff zugekommen wäre. „Ich hatte ihm im Einzelgespräch nach der Mannschaftssitzung gesagt, er solle keine Überreaktion zeigen und noch mal eine Nacht darüber schlafen.“

Kuranyi aber muss wohl tief verletzt gewesen sein. Plötzlich fand er sich im internen Ranking zurückgesetzt an Position fünf - hinter Klose, Podolski, Gomez und dem aufstrebenden Jungdynamiker Helmes. Er selbst sieht sich ganz woanders. Tatsächlich ist der Schalker der umstrittenste Stürmer in Fußball-Deutschland. Jedenfalls muss sich kein anderer mit so großen Leistungsschwankungen und so großer Kritik auseinandersetzen, auch wenn ihm immer wieder wichtige Tore in entscheidenden Momenten gelingen.

Schon bei der EM spielte Kuranyi keine Rolle

Nachdem ihm zu Stuttgarter Zeiten als Jungprofi die Herzen der Fans zugeflogen waren und er noch lange nach seinem ersten Länderspiel am 29. März 2003 gegen Litauen für die neue deutsche Jugendwelle im Fußball stand, sahen nicht wenige plötzlich sein Potential begrenzt. Zur WM im eigenen Lande blieb er gar unberücksichtigt - vor allem, weil ihm in der Zeit davor mangelnder Einsatzwille und eine gewisse Überheblichkeit, gepaart mit Lethargie, attestiert worden waren. Doch der gebürtige Brasilianer kam zurück, erarbeitete sich den Ruf eines Stehaufmännchens und absolvierte seinen Job in der Sturmspitze mit einer neuen Mischung aus Gelassenheit, Kampfgeist und Effektivität.

Bei der Europameisterschaft in diesem Sommer kam er allerdings über wenige Kurzeinsätze nicht hinaus. In Schalke wurde er zu Beginn dieser Saison gar wegen Erfolglosigkeit von den eigenen Fans ausgepfiffen, ehe ihm im letzten Bundesligaspiel vor der Länderspielpause seine zwei wichtigen Treffer gegen Wolfsburg wie eine Erlösung vorkamen. Kuranyis Lieblingssatz als Erkenntnis seiner wechselvollen Karriere kann für die Nationalmannschaft jedenfalls jetzt nicht mehr gelten. „Ich habe gelernt, nie aufzugeben und immer an mich zu glauben.“ Kuranyi erzielte in 52 Spielen für Deutschland 19 Tore.

Chronologie eines Rauswurfs:

Samstag, 13.15 Uhr: Löw streicht Kuranyi bei der Mannschaftssitzung aus dem Kader für das WM-Qualifikationsspiel gegen Russland. Kuranyi bringt gegenüber Löw direkt nach der Besprechung seine Enttäuschung zum Ausdruck.
Samstag, 20.45 Uhr: Kuranyi sitzt beim Anpfiff der Partie auf der Gegengeraden im Dortmunder Westfalenstadion in Block 43, Reihe 3, Platz 38. Neben ihm Jones und einige DFB-Mitarbeiter.
Samstag, 21.30 Uhr: Kuranyi bittet in der Halbzeitpause darum, sich die zweite Hälfte zusammen mit einem Freund von der Haupttribüne ansehen zu dürfen.
Samstag, 23.00 Uhr: Die DFB-Auswahl ist nach dem 2:1-Erfolg gegen die Russen zur Abfahrt ins Mannschaftsquartier nach Düsseldorf bereit. Kuranyi fehlt. Bierhoff und DFB-Mitarbeiter versuchen, Kuranyi telefonisch zu erreichen - ohne Erfolg. Löw entscheidet, ohne Kuranyi abzufahren.
Sonntag, 01.00 Uhr: Im Hotel in Düsseldorf warten zwei Freunde von Kuranyi, um dessen persönliche Gegenstände aus dem Hotelzimmer abzuholen. Bierhoff erteilt die Erlaubnis.
Sonntag, 01.05 Uhr: Da somit offensichtlich keine privaten Gründe für die überstürzte Abreise von Kuranyi vorliegen, entscheidet sich die sportliche Leitung mit Löw und Bierhoff zum Rauswurf. Kuranyi soll noch einmal die Gelegenheit erhalten, sich zu äußern. Eine Kontaktaufnahme zu Kuranyi gelingt trotz mehrmaliger Versuche von Bierhoff nicht.
Sonntag, 09.00 Uhr: Der DFB bestätigt, dass sich Kuranyi von der Mannschaft entfernt hat und es immer noch keinen Kontakt zu Kuranyi gibt.
Sonntag, 11.00 Uhr: Der DFB kündigt die Bekanntgabe einer Entscheidung im Fall Kuranyi an.
Sonntag, 12.18 Uhr: Löw verkündet den Rauswurf von Kuranyi nach 52 Länderspielen.

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Jahrgang 1965, Sportredakteur.

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