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Kevin Kuranyi Der Überlebenskünstler im Sturm

26.03.2007 ·  Mit seinen zwei Kopfballtoren gegen Tschechien hat sich Schalkes Kuranyi in der Hierarchie der Nationalmannschaft nach vorne geschoben. Der vielleicht umstrittenste Stürmer in Fußball-Deutschland hat sich nach seinem WM-Debakel geduldig herangekämpft.

Von Michael Ashelm, Prag
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Es war nach gut einer halben Stunde, als Kevin Kuranyi den Ball nach einem hohen Anspiel mal wieder zu weit von seiner Brust abtropfen ließ und beim schnellen Korrekturversuch ungelenk wegrutschte auf dem Rasen. Keine vielversprechende Szene. Während um ihn herum die Kollegen der deutschen Mannschaft durch technische Präzision und taktische Kontrolle immer besser ins Spiel gegen die Tschechen kamen, schien der Fußballabend in Prag an dem Schalker Stürmer glücklos vorbeizuziehen.

Doch es zeichnet gerade Kuranyi derzeit aus, in wenig aussichtsreichen Momenten geduldig auf die Wende zu vertrauen. „Ich habe im letzten Jahr viel gelernt“, sagte er, als später feststand, dass die Nationalelf durch seine zwei kraftvollen Kopfballtreffer aus der 42. und 62. Minute mit dem 2:1-Sieg belohnt worden war. „Ich habe gelernt, nie aufzugeben und immer an mich zu glauben“, so Kuranyi. Wie ein Überlebenskünstler wand sich der 25 Jahre alte Angreifer aus der Umklammerung der tschechischen Abwehr und stieg schließlich auf zum Mann des Abends.

Große Schwankungen, große Kritik

Vielleicht ist der Schalker der umstrittenste Stürmer in Fußball-Deutschland. Jedenfalls muss sich kein anderer mit so großen Leistungsschwankungen und so großer Kritik auseinandersetzen, auch wenn ihm immer wieder wichtige Tore gelingen. Nachdem ihm zu Stuttgarter Zeiten als Jungprofi die Herzen der Fans zugeflogen waren und er lange Zeit für die neue deutsche Jugendwelle im Fußball stand, sahen plötzlich manche sein Potential begrenzt. Zur Weltmeisterschaft blieb er gar unberücksichtigt, vor allem, weil ihm in der Beobachtungsphase mangelnder Einsatzwille und eine gewisse Überheblichkeit attestiert worden waren. Gegen Tschechien am Samstag war Kuranyi der einzige Nationalspieler in der Startelf, der nicht zum deutschen WM-Kader gehört hatte.

Nur durch die Sperre von Miroslav Klose war er überhaupt nachgerückt an die Seite von Lukas Podolski - und nutzte seine Chance. Bundestrainer Joachim Löw entdeckte bei ihm, was schon unter Klinsmann zu den wichtigsten Eigenschaften eines deutschen Nationalspielers gehören sollte - unbändigen Einsatzwillen. „Kuranyi war hochmotiviert. So bereitet er jeder Mannschaft Probleme“, sagte Löw. Und auch Teammanager Oliver Bierhoff lobte den Kuranyi des Jahres 2007: „Er war wahnsinnig engagiert. Man hat gesehen, wie er sich herankämpft an die Nationalmannschaft.“ Wohl scheint der Schalker die Philosophie der Nationalmannschaft, Willenskraft getrieben von hoher Selbstverantwortung, ein Stück mehr verinnerlicht zu haben.

Deutliche Steigerung

Mit dem Aufstieg seiner Klubmannschaft an die Spitze der Bundesliga war auch in den vergangenen Monaten eine deutliche Steigerung bei dem Angreifer erkennbar geworden. Mit elf Treffern liegt er in der Torschützenrangliste nur zwei Treffer hinter dem Spitzenduo Gekas und Gomez. Und das nach einem Saisonstart, der nur seinen Vereinstrainer Mirko Slomka überzeugte. Slomka wies immer wieder auf die Sekundärtugenden des vor dem Tor glücklosen Kuranyi hin, während die Fans auf den kämpfenden, aber verunsicherten Torjäger pfiffen.

Kuranyi kratzte irgendwann die Kurve. Als Symbol der Wende könnte man den ersten Spieltag der Bundesligarückrunde hernehmen, als Bundestrainer Löw die Schalker in Frankfurt beobachtete und Kuranyi gleich zweimal ins Tor traf. Ein erster starker Auftritt. Für die Nationalelf folgte der Treffer im Februar gegen die Schweizer (3:1), als er nach langer Abstinenz seit November 2005 gegen Frankreich erstmals wieder vom Bundestrainer aufgeboten worden war.

Das Hoffen auf sporadische Einsätze

In Prag erzielte der Deutsch-Brasilianer nun seine Tore Nummer 16 und 17 für Deutschland, weiterer Einsätze kann er sich nicht sicher sein. „Ich habe in meinem Verein gut gespielt und habe es verdient, zu spielen. Es ist gut, dass wir gute Stürmer haben in Deutschland. Der Trainer hat die Wahl.“ Wenn der Schalker das sagt, schwingt im Hintergrund immer mit, dass er sich im Nationalteam fortwährend gegen das gesetzte Angreiferpärchen Klose/Podolski durchsetzen muss und eigentlich nur auf sporadische Einsätze hoffen darf.

Doch wenigstens bleibt Kuranyi vom tollen Samstag die Gewissheit, wichtiges Terrain zurückgewonnen zu haben. Denn es ist nicht lange her, dass er fürchten musste, sogar von neuen, jungen Offensivkräften wie dem Stuttgarter Gomez überholt zu werden und in der Einsatzliste der Nationalmannschaft noch weiter zurückgestuft zu werden. So kann er aufbauen auf einer neuen Mischung aus Gelassenheit, erwecktem Kampfgeist und Effektivität.

Quelle: F.A.Z., 26.03.2007, Nr. 72 / Seite 28
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Jahrgang 1965, Sportredakteur.

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