04.02.2007 · Der Tod eines Polizisten hat den italienischen Fußball in eine Schockstarre versetzt. Nach der Eskalation der Hooligan-Gewalt ist der Spielbetrieb auf unbestimmte Zeit eingestellt. Wieder einmal werden Reformen gefordert.
Von Dirk Schümer, VenedigNach dem gewaltsamen Tod des Polizisten Filippo Raciti bei Fußballkrawallen hat man in Italien den Spielbetrieb auf unbestimmte Zeit eingestellt. Verbandspräsident Luca Pancalli sagte alle Wettkämpfe, auch das Länderspiel am Mittwoch gegen Rumänien, ab und befindet sich dabei im Einklang mit der Politik. Ministerpräsident Prodi beklagte den moralischen Verfall des Profisports, während Innenminister Amato ankündigte, seine Beamten nicht mehr bei Einsätzen rund um den Fußball in Lebensgefahr zu bringen. An diesem Montag werden bei einem Gipfeltreffen von Verfassungsorganen aus Justiz, Polizei, Politik und Sportfunktionären Maßnahmen beraten, um den Calcio im Land des Weltmeisters zu retten.
Die bürgerkriegsartigen Gefechte, die am Freitagabend rund um das Stadio Massimino in Catania ausbrachen, stellen in der wachsenden Verrohung allerdings keine Überraschung dar – eher eine absehbare Eskalation. Beim sizilianischen Derby zwischen Catania Calcio und US Palermo hatte es auch in den vergangenen Spielzeiten Schlägereien und Exzesse mit Knallkörpern gegeben. Beim Stand von 1:0 für Palermo lief diesmal jedoch die Lage hoffnungslos aus dem Ruder; anderthalbtausend Polizisten mussten vor dem Stadion Tränengas einsetzen, das aufs Feld wehte und die Partie für vierzig Minuten unterbrach. Schon vor dem Abpfiff der von Palermo 2:1 gewonnenen Partie kam es in den Straßen zu Kämpfen, die später in der Sportpresse „Vietnam oder Beirut“ verglichen wurden: Hooligans errichteten Barrikaden, warfen mit Steinen und Explosivem, Hubschrauber kreisten über den Straßen, Autos brannten, friedliche Fans rannten um ihr Leben.
„Tod des Calcio“
Ein großer Feuerwerkskörper, den unbekannte „Ultras“ in einen Polizeiwagen warfen, explodierte im Gesicht des 38jährigen Carabiniere Raciti, er starb noch auf der Fahrt ins Krankenhaus an einem Herzstillstand; ein weiterer Polizist wurde mit einem Motorrad überrollt und lebensgefährlich verletzt. Neben den über siebzig erheblich Verwundeten – meist Ordnungskräfte – konnte die Polizei gerade einmal 22 Beteiligte festnehmen. Noch in der Nacht trat Catanias Präsident Antonino Pulvirenti von seinem Posten zurück. Die Sportpresse schrieb pathetisch vom „Tod des Calcio“ und könnte diesmal nicht einmal unrecht haben. Während katholische Bischöfe die Einstellung des Spielbetriebs für mindestens ein Jahr forderten, sprachen sich in einer Umfrage der „Gazzetta dello Sport“ über 75 Prozent der Fans für eine Spielpause aus, bis rund um die Stadien wieder Sicherheit eingekehrt ist.
Schon seit Jahren entwickelt sich Italiens Fußball zu einer Schlangengrube; während sich Familien nicht mehr zu den Spielen trauen und die Zuschauerzahlen drastisch sinken, bekommen extremistische Gewalttäter immer mehr Macht über die Klubs. Bei Lazio Rom kontrollieren die „Ultras“ den Verkauf der Fan-Artikel und beendeten gemeinsam mit den Gegnern des AS Rom sogar schon gewaltsam ein Spiel. Beim AS Rom verletzte ein Wurfgeschoss den schwedischen Schiedsrichter Frisk blutig. Erst in dieser Woche starb nach einer Keilerei in der Kabine der Amateurfunktionär Ermanno Licursi.
Reform an Haupt und Gliedern gefordert
Wie hartgesotten die Szene längst ist, illustrieren gesprühte Triumphparolen vor den Stadien von Livorno und Piacenza: „Tod den Bullen“ sowie „Catania – einer weniger“. Damit solch mörderische Fanatiker den Fußball aus ihrem Würgegriff freigeben, fordert Sportministerin Melandri eine sofortige Reform an Haupt und Gliedern, wie man sie ohnehin nach den massiven Spielmanipulationen unter Luciano Moggi geplant hatte. Melandri arbeitet an einer Gesetzgebung, die radikale Neuerungen bei Stadionsicherheit, polizeilicher Registrierung der Fans nach englischem Vorbild, aber auch Neuregelungen für Fernsehrechte, Schiedsrichter und Funktionäre vorsehen.
„Wir müssen nach Jahren der Untätigkeit ein neues Kapitel aufschlagen“, erklärte die Ministerin und spielte auf die Ära Berlusconi an, in der immer neue Steuergeschenke, undurchschaubare Fernsehrechte und Regeländerungen Schwarzgeld und obskure Finanziers angelockt hatten, während die Stadien verfielen. Für Filippo Raciti, der in Kondolenzregistern aller Vereine und mit einer nationalen Gedenkminute geehrt wird, kommen Radikalmaßnahmen zu spät. Ob sie Italiens ruhenden Fußball noch retten können?
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 34 | 55 | 81 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 34 | 55 | 73 | ![]() |
| 3. | ![]() |
FC Schalke 04 | 34 | 30 | 64 | ![]() |
| 4. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 34 | 25 | 60 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 34 | 8 | 54 | ![]() |
| 6. | ![]() |
VfB Stuttgart | 34 | 17 | 53 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 34 | -4 | 48 | ![]() |
| 8. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 34 | -13 | 44 | ![]() |
| 9. | ![]() |
Werder Bremen | 34 | -9 | 42 | ![]() |
| 10. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 34 | -11 | 42 | ![]() |
| 11. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 34 | -6 | 41 | ![]() |
| 12. | ![]() |
SC Freiburg | 34 | -16 | 40 | ![]() |
| 13. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 34 | -4 | 39 | ![]() |
| 14. | ![]() |
FC Augsburg | 34 | -13 | 38 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hamburger SV | 34 | -22 | 36 | ![]() |
| 16. | ![]() |
Hertha BSC | 34 | -26 | 31 | ![]() |
| 17. | ![]() |
1. FC Köln | 34 | -36 | 30 | ![]() |
| 18. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 34 | -30 | 23 | ![]() |