Der Schalker Trainer Jupp Heynckes über deutschen Fußball, deutsche Talente und Ailtons Wüstentrip.
Die Bundesliga ist im Viertelfinale der europäischen Wettbewerbe nicht mehr vertreten. Ist das eine Momentaufnahme, oder ist der deutsche Fußball nur noch zweitklassig?
Der deutsche Fußball gehört schon länger nicht mehr zur Weltspitze. Das resultiert aus einem schleichenden Prozeß, der sich über viele Jahre hinweggezogen hat. Diese Entwicklung wurde zu lange toleriert. Wir haben erst darauf reagiert, als die Nationalelf bei der Europameisterschaft 2000 Schiffbruch erlitten hat. Die Ausbildung ist inzwischen besser, doch es dauert natürlich, bis sich das auszahlt. Die Franzosen haben fast fünfzehn Jahre gebraucht, bis ihre Nachwuchsarbeit Früchte getragen hat.
Wo liegen die Ursachen für den Niedergang?
Die Vereine haben lange Zeit überdimensional ausländische Spieler verpflichtet und den deutschen Talenten keine Chance gegeben. Wir werden nur wieder Weltspitze, wenn wir innovativ sind, vor allem in der Nachwuchsarbeit. Wir müssen immer wieder junge Spieler heranführen, die an die Tür der Lizenzmannschaft klopfen und rufen: Ich will hier rein, ich will spielen. Es gibt ja Beispiele dafür. Hinkel, Kuranyi und Lahm vom VfB Stuttgart oder Schweinsteiger von Bayern München, der gegen Real Madrid richtig gut gespielt hat, das sind junge Spieler, die aus dem Nichts gekommen sind. Bei Schalke wird so etwas auch der Fall sein, vor allem solange ich hier bin. Wir haben hier einige junge Leute, die vom Talent her sehr gute Bundesligaspieler werden können oder vielleicht mehr.
In Ailton, Krstajic und Bordon hat Schalke drei ausländische Profis verpflichtet. Ist das nicht ein Widerspruch zu Ihrem Plädoyer für den eigenen Nachwuchs?
Die genannten Profis sind Weltklassespieler oder zumindest Topspieler in der Bundesliga. Von ihrer Inspiration können andere profitieren. Spieler mit außerordentlichen Fähigkeiten heben ja auch in anderen Ligen das Niveau. Wie ein Zidane spielt, entscheidet nicht der Trainer. Was Ronaldo in einzelnen Aktionen macht, das können Sie gar nicht trainieren, das ist einfach da. Arsenal London mit oder ohne Henry, das sind zwei verschiedene Mannschaften. Man sollte nur ganz gezielt ausländische Topspieler verpflichten. Parallel dazu müssen die deutschen Talente so aufgebaut werden. Auch bei uns in Schalke ist der Anteil ausländischer Spieler viel zu hoch. Wir werden einige von ihnen abgeben.
Junge deutsche Fußballprofis galten in den letzten Jahren als verhätschelte Wohlstandsjünglinge. Ist diese Einschätzung noch richtig?
Nein, aus meiner Sicht haben wir das genaue Gegenteil. Es wächst eine Generation heran, die motiviert ist, die etwas verändern will, die ihren Beruf sehr ernst nimmt und im Fußball Karriere machen will. Aber man muß sie darauf vorbereiten und ihnen klarmachen, was auf sie zukommt. Ich sage immer: Jungs, das ist ein weiter, steiniger Weg bis zum Gipfel. Ihr müßt euch vorstellen, das ist ein Achttausender, und ihr steht am Fuße des Berges. Es ist mit Enttäuschungen und Entbehrungen verbunden, wenn man ganz nach oben kommen will. Aber aus Enttäuschungen kann man die größte Motivation ziehen.
Auch wenn man in jungen Jahren schon so hoch bezahlt wird?
Ein junger Spieler darf nicht zu viel Geld garantiert bekommen; er muß belohnt werden, wenn er gute Leistungen bringt. Deshalb muß der Verein bei der Bezahlung sehr sensibel handeln. Die größte Motivation ist Hunger. Unser Stürmer Mike Hanke etwa bekommt das große Geld nur auf Leistungsbasis, wenn er dreißig Spiele macht.
Der künftige Schalke-Stürmer Ailton scheint auch mit dreißig Jahren noch sehr hungrig zu sein. Was halten Sie davon, daß er sich als Fußball-Söldner für die Nationalmannschaft eines Emirats verdingen will?
Die FIFA will dem ja einen Riegel vorschieben. Aber ich setze mehr auf einen anderen Effekt. Das wird sich, glaube ich, irgendwann von selbst erledigen. In Qatar hat der Fußball praktisch keine Strukturen. Das ist ein Land ohne Fußballtradition, wo eine Mannschaft zusammengewürfelt wird mit Spielern, die eine ganz andere Mentalität haben als die Einheimischen. Zudem herrschen dort klimatische Verhältnisse, die es unheimlich schwer machen, erfolgreichen Fußball zu spielen. Ich kann mir gut vorstellen, daß mancher Spieler nach einigen Begegnungen sagt, danke, das war ein schönes Abenteuer, aber jetzt bin ich es leid, das brauche ich mir nicht länger anzutun. Da wird ein Selbstreinigungsprozeß eintreten.
Manager Rudi Assauer will Schalke in der Bundesliga zur dritten Kraft machen. Finden Sie diesen Anspruch realistisch?
Unser Bestreben muß es sein, eine Mannschaft zu bekommen, die immer um die ersten drei Plätze mitspielt und irgendwann den großen Sprung macht wie in dieser Saison Werder Bremen. Aber so eine Mannschaft muß organisch wachsen. Uns fehlt es noch an Kreativität. Wir brauchen einen Mittelfeldspieler, der Ideen hat, der das Tempo wechseln kann und der auch die Eins-gegen-eins-Situation sucht. Aber es ist schwierig, einen wie Micoud zu finden, der so in sich ruht. Auf Schalke darf man nicht erwarten, daß wir nächstes Jahr deutscher Meister werden.
Aber die Qualifikation für die Champions League sollte es schon sein?
Wenn wir kontinuierlich weiterarbeiten und den einen oder anderen sehr guten Spieler dazubekommen, dann ist es nicht anmaßend zu sagen, wir wollen in der nächsten Saison besser zu sein als in dieser. Wir haben unseren Fans gegenüber die große Verpflichtung, ihre Ansprüche und Sehnsüchte zu erfüllen. Als Trainer, der den Vergleich hat mit Madrid oder Bilbao, muß ich sagen: Was bei uns im Stadion abläuft, ist phantastisch. Unsere Fans sind etwas ganz Besonderes. Mit dieser Arena, mit diesem Ambiente, mit diesen Fans im Rücken muß es das Ziel des FC Schalke sein, über Jahre hinweg eine Spitzenposition zu erreichen und von da aus irgendwann auch den FC Bayern herauszufordern.
Wann wird Schalke den Bayern in Augenhöhe begegnen?
Das kann man nicht vorhersagen. Vielleicht sollten Sie diese Frage meinen Nachfolgern stellen.