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DFB-Ehrenspielführer Klinsmann : Der blitzsaubere Strahlemann

Die Laudatio auf Jürgen Klinsmann hielt Bundeskanzlerin Angela Merkel Bild: dpa

Mehr als 18 Jahre nach seinem Abschied als Spieler wird Jürgen Klinsmann Ehrenspielführer. Das verschafft dem DFB die wunderbare Gelegenheit, sich elegant von Beckenbauer und der alten Fußballfamilie zu distanzieren.

          Die deutsche Nationalmannschaft hat einen neuen Ehrenspielführer: Jürgen Klinsmann. Das ist eine überraschende Entscheidung. Und eine politische. Schon der Zeitpunkt der Ehrung ist bemerkenswert: Sie kommt mit 18 Jahren Verspätung. Doch der Reihe nach: Ob Walter, Seeler, Beckenbauer oder Matthäus – alle vier Vorgänger des einstigen Torjägers aus dem Schwabenland wurden noch während oder zumindest unmittelbar nach ihren Spielerkarrieren vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) zu Ehrenspielführern ernannt. Zu stark und mächtig war der Eindruck, den sie auf dem Spielfeld hinterlassen hatten. Da wollte und konnte man beim DFB nicht lange warten. Und so wurde Fritz Walter nur zwei Tage nach dem Wunder von Bern zum ersten deutschen Ehrenspielführer. Uwe Seeler erhielt die Auszeichnung direkt nach seinem letzten von 72 Länderspielen im Herbst 1970. Auch Franz Beckenbauer stieg unmittelbar nach seinem Abschiedsspiel 1982 mit dem HSV gegen die Nationalelf zum Ehrenspielführer auf. Und Lothar Matthäus wurde ein knappes Jahr nach seinem Adieu bei der EM 2000 auf dem folgenden DFB-Bundestag berufen. Nun also Klinsmann – mehr als 18 Jahre nach seinem Abschied als Kapitän und Spieler. Wie ist das möglich?

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Diesmal sind es jedenfalls nicht die frischen Spuren eines Spielers, die so stark und mächtig waren, sondern die Schatten des Sommermärchens. Einem einst sportlich und nun sportpolitisch in Bedrängnis geratenen DFB kommt da der blitzsaubere Strahlemann aus den Vereinigten Staaten, der noch immer wie kaum ein anderer für Reformen und Geradlinigkeit im deutschen Fußball steht, mal wieder gerade recht. Angela Merkel erklärte sich bereit, im Theater Erfurt die Würdigung Klinsmanns zu übernehmen. Die Kanzlerin revanchierte sich damit auch für eine Laudatio, die der frühere Bundestrainer für das „Time“-Magazin hielt, das vor zwei Jahren die hundert einflussreichsten Menschen der Welt ausgezeichnet hatte. Klinsmann hatte dabei „beispielhaft auf ihre Unterstützung für uns bei der WM 2006“ abgezielt. Aber auch, wie sie es geschafft hat, „Deutschland wieder zur Nummer eins in Europa zu machen – und mit welcher Stärke, welchem Respekt und welcher Bestimmtheit, aber auch Menschlichkeit sie das getan hat.“

          Die Ehrung Klinsmanns kommt eigentlich 18 Jahre zu spät.

          Vor allem aber hat Frau Merkel in jenen Jahren den Mut von Klinsmann geschätzt, wie er es als Bundestrainer mit allen Widerständen und Widrigkeiten aufnahm, wie sie in Erfurt sagte. „Diese zwei Jahre waren prägende Jahre, bis heute“, sagte die Bundeskanzlerin. „Ihm war als Bundestrainer etwas ganz Großes gelungen: Jürgen Klinsmann hatte ein ganz neues Kapitel in der deutschen Fußballgeschichte aufgeschlagen. Sie und die ganze Nationalmannschaft haben die Deutschen nicht nur als Fußballnation, sondern als Nation insgesamt mitgerissen. Diese Erfahrung verbindet sich mit Ihrem Namen. Darin liegt weit über die sportliche Leistung hinaus die besondere Anerkennung begründet, die Sie genießen und die Sie verdienen.“ Ein sichtlich bewegter Klinsmann, der zudem mit stehendem Applaus geehrt wurde, entgegnete, dass er die Bundeskanzlerin am liebsten „mit nach Amerika“ nehmen wollte – nicht zuletzt mit Blick auf die Wahl in der kommenden Woche.

          Natürlich drängt sich angesichts der Ehrung in Erfurt die Frage auf, weshalb Klinsmann die Ehrenspielführerschaft – wenn schon mit Verspätung – nicht wenigstens nach dem Sommermärchen angetragen wurde, an dem er als Bundestrainer einen so schönen Anteil hatte? In jener Zeit also, als Franz Beckenbauer und seine Helfer über den deutschen Fußball herrschten. Und die einfache Antwort lautet: genau deswegen. Klinsmann war zwar nach der WM 2006 ein gefeierter Fußball-Revolutionär. Er begeisterte die Deutschen von den Fans in den Kurven über Manager in Vorständen bis hin zur ersten Frau im Kanzleramt. Und Klinsmann schuf in jenen Tagen tatsächlich nicht weniger als die Grundlage zur Erneuerung des deutschen Fußballs – und legte auch den Grundstein für den erfolgreichen Weg der Nationalmannschaft bis hin zum WM-Gewinn in Brasilien.

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