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Jürgen Klinsmann Made in USA

14.06.2005 ·  Die kalifornische Seite des deutschen Bundestrainers. Vom Alltag an der Westküste, dem amerikanischen Geist und dem Fußball-Business. Ein Besuch in der neuen Heimat von Jürgen Klinsmann.

Von Michael Horeni, Los Angeles
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Als Jürgen Klinsmann vor dem Confederations Cup das letzte Mal für einen längeren Aufenthalt nach Hause flog, hatte er ein Marathonprogramm hinter sich. Er war eine knappe Woche in Deutschland gewesen, Termin folgte auf Termin, und eine Besprechung jagte die nächste, mittendrin lag auch noch der außerordentliche Bundestag des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) wegen des Schiedsrichterskandals. Der Bundestrainer war angehalten, Optimismus zu verbreiten.

Den Medienleuten beim Verband hatte es angesichts des engen "schedule", wie Klinsmann seinen Zeitplan nennt, den Schweiß auf die Stirn getrieben. "Nicht zu schaffen", stöhnten sie, aber Klinsmann zog das Programm durch. Punkt für Punkt wurde "abgearbeitet". So drückt er sich mittlerweile aus. Am nächsten Morgen saß er dann in der First class nach Los Angeles und ruhte sich ein bißchen aus. Aber schon über dem Atlantik begann der Bundestrainer, sein amerikanisches Leben zu führen. Klinsmann holte seinen Laptop heraus, und in Portland füllte sich allmählich bei seinem Geschäftspartner Mick Hoban das E-Mail-Eingangsfach. "Man sieht immer, wenn Jürgen auf dem Weg zurück nach Amerika ist. Dann kommen nur so die Mails aus dem Flugzeug", sagt sein Partner.

Der Alltag in Kalifornien beginnt morgens um halb sechs

Klinsmann landete gegen 13 Uhr in Los Angeles, und bis zu ihm nach Hause sind es mit dem Wagen über den Highway Nummer 405 etwa sechzig Minuten in Richtung Süden. Bevor er seine Sachen ausgepackt hatte, erreichte ihn eine Nachricht von Doug Hamilton, dem Generalmanager des Profi-Soccerklubs L.A. Galaxy, auch einer seiner Geschäftsfreunde. Klinsmann wollte am Abend ohnehin zu ihm ins Stadion kommen zum Spitzenspiel der Western Conference gegen Dallas.

Hamilton bat ihn jedoch, etwas früher vorbeizuschauen - und auch seine Fußballschuhe mitzubringen. Denn um fünf Uhr gab es ein Spiel ehemaliger Stars, und der Galaxy-Chef lud ihn spontan als Gastspieler ein. Klinsmann ließ sich nicht lange bitten, holte die Fußballschuhe heraus und machte sich auf den Weg. Es wurde ein netter Abend. Sein Team gewann, und er erzielte sogar zwei Tore. Andreas Herzog, sein Kumpel aus alten Zeiten beim FC Bayern, war auch mit von der Partie, und danach wohnten die Herzogs noch für ein paar Tage bei den Klinsmanns, ganz in der Nähe des Strands. Urlaubsatmosphäre.

Der Alltag in Kalifornien beginnt für Klinsmann morgens um halb sechs. Das ist eine gute Zeit, um zu arbeiten. Wegen der Zeitverschiebung und weil seine Kinder noch schlafen. "In der Regel checke ich dann bis um halb acht, was in Deutschland abläuft und was es mit dem DFB an aktuellen Fragen zu besprechen gibt. "Jeden zweiten oder dritten Tag machen wir einen Conference Call mit Oliver Bierhoff, Jogi Löw und Andy Köpke. Jetzt gibt es beim DFB auch die Möglichkeiten für eine Videokonferenz, da kann ich mich auch in Präsidiumssitzungen einschalten." Nach halb acht kümmert er sich um die Kleinen: "Ich bringe den Bub in die Schule und arbeite ab neun wieder an den Dingen weiter." Es kann sein, daß er dann mit seiner Frau mittags etwas essen geht und zwischendurch seinen Sohn von der Schule abholt, "aber das Büro Klinsmann ist im Prinzip immer offen, denn der Laptop ist immer an". Am Nachmittag kommt jedoch nicht mehr viel rein ins Büro Klinsmann, Europa schläft, und der Bundestrainer macht dann Sport, mindestens eine Stunde am Tag. Laufen, schwimmen, radfahren oder Kraftraum. "Ich brauche das, um Dampf abzulassen. Sonst werde ich ungemütlich." Dann widmet er sich seiner Familie.

Das Stadion als Station in seinem amerikanischen Leben

Das Stadion, in das es Klinsmann unmittelbar nach seinem deutschen Arbeitstrip inklusive zwölf Stunden Flug gezogen hatte, ist für ihn mehr als nur vier Tribünen um einen Fußballplatz. Das Stadion ist eine wichtige Station in seinem amerikanischen Leben, es ist nicht weniger als ein Schlüssel, um den Geschäftsmann in Jürgen Klinsmann zu verstehen, der aus dem einstigen Kapitän der Nationalmannschaft in gut sechs Jahren in den Vereinigten Staaten auch geworden ist. Wenn es nicht zu hoch gegriffen wäre, könnte man sagen, in diesem Stadion und dem Fußball, der darin gespielt wird, steckt Klinsmanns Bundestrainer-Philosophie.

Die Anlage trägt den nüchternen Namen "Home Depot Center". Tatsächlich ist es ein architektonisches Schmuckstück. Die Auffahrt ist von stattlichen Palmen gesäumt, am Wegrand liegen ein halbes Dutzend sorgfältig gepflegter Rasenplätze, an der südlichen Seite sind über zwanzig Tennisplätze entstanden. Der amerikanische Tennisverband nutzt sie als einen nationalen Stützpunkt. Dahinter liegen ein mächtiges Velodrom und eine Leichtathletik-Arena. Das Prunkstück aber ist das elegante Fußballstadion mit 27.000 Plätzen. Jürgen Klinsmann hat diesen Stadionkomplex vor ein paar Jahren mitentwickelt, ein Projekt für über 100 Millionen Dollar. "Als wir die Idee hatten, diese Anlage zu schaffen, wußten wir, daß wir jemand brauchen würden, der verstand, wie das die besten Klubs der Welt machen würden. Jürgen war für uns die logische Person, die uns helfen konnte", sagt Hamilton.

Klinsmann hatte sich zu dieser Zeit schon als Unternehmer mit zwei Partnern selbständig gemacht, und in der gemeinsamen Firma "soccersolutions" schrieb er Businesspläne, entwickelte eine Akademie und beriet bei der Stadiongestaltung. "Er hat uns gesagt, welche Aspekte wichtig sind, um eine Weltklasse-Anlage zu schaffen", sagt Hamilton. "Das Stadion und der Klub sind besser geworden, weil Jürgen daran beteiligt war."

"Jürgen ist ein ,big picture guy'"

Die Pracht der Anlage endet im Büro des Generalmanagers. Es ist nur wenige Quadratmeter groß und hat keine Fenster. Es liegt im Untergeschoß. Aber wenn Doug Hamilton redet, haben in dieser engen Kiste auch Visionen Platz. Vieles, was dort zwischen ihm und Klinsmann in den vergangenen Jahren geplant und besprochen wurde, wirkt wie ein unbewußter Vorläufer für jenes große Projekt, das Klinsmann vor zehn Monaten begonnen hat: die deutsche Fußball-Nationalmannschaft zur Weltmeisterschaft zu führen. Auf dem Weg dorthin ist der Confederations Cup, der für Klinsmann und die Deutschen am Mittwoch gegen Australien beginnt, nur eine Zwischenetappe. "Jürgen ist ein ,big picture guy'", sagt Hamilton, "er hat es geschafft, daß jeder bei uns in größeren Dimensionen denkt."

Klinsmann sieht die großen Bilder. Das merkten auch die Deutschen, als er am Tag seiner Amtsübernahme einer ermatteten Fußballnation verkündete, daß es für ihn nur ein Ziel gibt: den WM-Titel. Ebenso verwegen erscheint der Traum von L.A. Galaxy: Der Klub will eine "globale Marke" werden, aber weltweit ist er zwar keine große Nummer, aber in den Staaten schon längst ein Spitzenteam. Die Schritte, die L.A. Galaxy bisher mit Klinsmanns Rat und Tat unternommen hat, um groß zu werden, wirken wie Vorarbeiten für seine Mission mit der Nationalelf.

Am Anfang der Projekte, ob in Los Angeles oder beim DFB, ging es Klinsmann um die Fragen der Identität. Mit seinem Unternehmen hat er daraus zunächst einen Plan für L.A. Galaxy gemacht. Wofür sollte Soccer in Los Angeles stehen? "Die Stadt steht für Hollywood, Unterhaltung, Medien, schönes Wetter. Wir sagten uns, wir müssen einen Klub schaffen, der dem Image unserer Stadt entspricht: Wir müssen unterhaltsam sein. Es reicht hier nicht, ordentlich zu verteidigen. Das ist in L.A. nicht erlaubt", sagt der Generalmanager. Das war die Lektion, die sie von Klinsmann und seinem Unternehmen zu lernen hatten. Sie haben sie begriffen, und die ersten Erfolge können sich sehen lassen, sportlich wie wirtschaftlich.

"Das Wissen anderer zunutze machen"

Ins Deutsche übersetzt, heißt die Frage der Identität bei Klinsmann: "Für welchen Fußball steht Deutschland?" Und die Antwort, die er für seine alte Heimat gibt, entstammt einer eigentümlichen Mischung aus deutschem Fußballherz und amerikanischem Marketinggeist. Sie ist dem Modell aus Los Angeles verblüffend ähnlich. Deutschland steht für Kraft, Ausdauer und Siegeswille. "Wir wollen unseren Fans, gewissermaßen unseren Kunden, zeigen, daß wir den Gegner dominieren, ihn immer unter Druck setzen." Niemals aufgeben, aufopferungsvoll bis zum Schluß kämpfen, 90 Minuten lang, "und wenn es sein muß, auch 120 Minuten", wie Klinsmann sagt. Niemand dürfe sich mehr sicher sein, Deutschland geschlagen zu haben, bis der Schlußpfiff gekommen ist. Das ist für ihn die deutsche Tradition, die er unter den Bedingungen des 21. Jahrhunderts wiederbeleben will. Dafür verlangt er, daß seine Spieler "alles geben, wirklich alles", und er selbst verbietet sich als Bundestrainer, "auf Konter spielen zu lassen". Das wäre Verrat an der Idee, an der Identität.

In Los Angeles sind sie schon einen Schritt weiter. Galaxy hat bereits das jüngste, athletischste und schnellste Team der Liga. Die Mittel, mit denen sie diese Ziele erreichten, haben jetzt auch die Deutschen kennengelernt. Galaxy arbeitet seit zwei Jahren mit den Fitnesstrainern von Athletes Performance zusammen, als erster Fußballverein in Amerika. "Wir investieren mehr Geld und Zeit in die körperliche Vorbereitung unserer Spieler als jeder andere Klub. Letztes Jahr hatte wir keine einzige leichte Verletzung, und in dieser Saison auch noch nicht", sagt Hamilton. Erst durch Galaxy wurde Klinsmann auf die Fitnesstrainer aus Arizona aufmerksam, und so konnte auch der Klub aus Amerika einmal dem berühmten Weltmeister und der großen Fußballnation helfen. "Ich habe über Jahre hinweg gelernt, mir das Wissen anderer zunutze zu machen", sagt Klinsmann.

„Den Jungs aufzeigen, was sie erreichen können“

Im Juli findet ein Elite-Camp in den Staaten statt. 136 junge Spieler nehmen daran teil. Klinsmann hat es schon in den vergangenen Jahren organisiert. Er ist der sportliche Direktor, seit drei Jahren. "Da kommen 150 bis 200 College-Trainer hin, von den besten Universitäten, und schauen sich die Jungs an. Man kann davon ausgehen, daß fast die Hälfte davon mit Teil- oder Vollstipendien rausgeht. Die kommen nach Harvard, Berkeley oder an die UCLA. Aber es geht nicht nur darum, den Trainern die Jungs zu zeigen, sondern auch den Jungs aufzuzeigen, was sie erreichen können. Also im Grunde ein ähnlicher Entwicklungsprozeß, den wir gerade in der Nationalmannschaft anstoßen", sagt Klinsmann.

Parallel zu den Trainingseinheiten, bei denen die jungen Spieler beobachtet werden, hat Klinsmann Workshops eingerichtet. "Wir haben zwei Sportpsychologen dabei, die mit ihnen gruppenorientiert arbeiten, Stressbewältigung, Körpersprache, verbale Kommunikation, Problembewältigung und solche Sachen. Also ähnliche Themen, wie wir sie auch bei der Nationalmannschaft machen." Auch Mark Verstegen von Athlete Performance ist diesmal dabei und macht mit den Jungs Fitness-Aufklärung. "Es geht um Informationsaufbau. Sein Grundsatz ist: ,Motivation through education'. Ich motiviere durch Information, die zu einer Haltung führt. Das ist etwas, was ich als Spieler nie erfahren habe", sagt Klinsmann. "Ich hatte zwar tolle Trainer, aber keiner hat mir gesagt, warum man etwas tut."

Klinsmann hat in Amerika viel gelernt. Dazu gehört auch, daß "ich keine Angst habe, Fehler zu machen". Von seinen Spielern wünscht er sich, daß sie auch etwas von Amerika lernen: Eigeninitiative. Er sieht seit Jahren, wie das in den Staaten läuft. "Das Ziel der Eltern ist es, eine gute Erziehung für ihre Kinder durch ein Stipendium zu bekommen. Die Universitäten sind teuer, aber der Sport kann Stipendien vergeben. Deswegen treiben viele ihre Kinder schon ab dem Alter von fünf oder sechs Jahren durch permanente Sportförderungen, für die sie privat bezahlen. Das hat natürlich seine Schattenseite. Aber die gute Seite ist die, daß der Sportler sehr früh erkennt, daß er für sich selbst verantwortlich ist. Bei uns aber sind Fußballer in der Nehmerrolle." Viele deutsche Spieler müßten da noch überzeugt werden. Aber in der Nationalmannschaft kommt er voran. "Bei uns haben das jetzt viele verstanden", sagt Klinsmann. Der amerikanische Geist schlägt langsam Wurzeln, und wenn Klinsmann von diesem Geist spricht, ist der Bundestrainer irgendwie auch ganz bei sich selbst angekommen. Bei jener Kraft, die auch ihn immer wieder angetrieben hat: "Wie kann ich besser werden?" sagt Klinsmann. "Das ist jeden Tag die Grundsatzfrage."

Quelle: F.A.Z., 14.06.2005, Nr. 135 / Seite 27
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