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Jürgen Klinsmann Der entschwundene Sommer-Liebling

12.12.2006 ·  Sein Bundesverdienstkreuz liegt noch in Berlin zur Abholung bereit: Von Deutschland hat sich Jürgen Klinsmann indes schon länger verabschiedet. In der Heimat ist er nur noch über seine Stiftung „Agapedia“ präsent.

Von Michael Horeni
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Vor zehn Tagen ist in Stuttgart mit einigem Glamour der wichtigste deutsche Medienpreis verliehen worden. Es war keine Überraschung, daß in diesem Jahr auch ein paar Bambis für die Helden der Fußball-Weltmeisterschaft abfallen würden. Und so wurden dort Oliver Kahn und Jens Lehmann ausgezeichnet, Regisseur Sönke Wortmann bekam für seine Dokumentation auch wieder einen Preis. Ein paar Bambis waren dann noch reserviert für namenlose Helfer, deren freiwilliges Engagement in verschiedenen Projekten während der Weltmeisterschaft ebenfalls für preiswürdig befunden wurde. Franz Beckenbauer sprach zu alldem ein paar nette Worte, aber Jürgen Klinsmann erwähnte er nicht. Das machte eigentlich fast niemand an diesem Abend in Klinsmanns Heimatstadt.

Die Kultur des Vergessens hatte im Fall des erst umstrittenen und dann von Millionen umjubelten Trainers einen neuen Höhepunkt erreicht. Der von Verleger Hubert Burda gestiftete Preis, der ausdrücklich „Menschen mit Visionen und Kreativität" auszuzeichnen sich vorgenommen hat, „die das deutsche Publikum in diesem Jahr besonders berührt und begeistert haben" - hätte zwar außerordentlich gut zu Klinsmanns Profil gepaßt. Aber als Preisträger war er nicht vorgesehen, nur als Gast. Er kam nicht, wie erwartet. Zwischen dem ehemaligen Bundestrainer und der „Bunten", einem Flaggschiff aus dem Hause Burda, besteht ohnehin seit Jahren ein arg ramponiertes Verhältnis. Und mit Fünf-Minuten-Auftritten, bei denen sich ein Event nur mit seinem Namen schmücken möchte, hat er es ohnehin nicht.

Kompliziertes Verhältnis zu Deutschland

Einen Tag später war Klinsmann dann aber in Stuttgart doch gegenwärtig, in ungleich bescheidenerem Rahmen allerdings. Der in Deutschland seit dem Rücktritt am 12. Juli entschwundene Sommer-Liebling tauchte auf einmal bei einer Benefizveranstaltung eines schwäbischen Herstellers von Heiz- und Klimageräten auf - zugeschaltet per Videokonferenz von seinem Haus am Pazifik. Das Stuttgarter Unternehmen unterstützt Klinsmanns Stiftung Agapedia schon seit rund zehn Jahren, „und so etwas vergißt der Jürgen nicht", sagt Jürgen Barth, Geschäftsführer von Agapedia und seit Jugendzeiten mit Klinsmann befreundet.

Um Jürgen Klinsmann und auch sein nach der WM noch immer kompliziertes Verhältnis zu Deutschland ein bißchen besser zu verstehen, ist es hilfreich, auf seine Stiftung zu schauen. Klinsmann sprach in Stuttgart via Videoanlage zwanzig Minuten über Agapedia, von den Schicksalen der Waisenkinder, und was man tun kann, um zu helfen. Er erzählte und schreibt auch in seinen Weihnachtsbrief an die Spender von den Fortschritten, die etwa das Kinderzentrum in Sofia gemacht hat. „Durch weitere Spenden konnten wir die vierte Wohngruppe für Sozialwaisenkinder beginnen", berichtet Klinsmann.

„Die WM kommt schnell und geht schnell“

„Die Jugendlichen werden dort von Sozialarbeitern aus unserem Team betreut, die sie auf ihrem Weg in ein eigenständiges Leben fürsorglich begleiten. Durch den vorangegangenen, jahrelangen Besuch dieser Kinder in unserem Kinderzentrum hat sich ein Vertrauensverhältnis zu unserem Mitarbeiterteam aufgebaut. Dieses Vertrauen ist der Schlüssel für den Erfolg, der es den Kindern ermöglicht, auch durch schwierige Phasen hindurch ihre Ziele erreichen zu können", sagt Klinsmann. Nun haben die ersten, seit Jahren unterstützten Jugendlichen, die in elenden Verhältnissen lebten, sogar ein Studium aufgenommen. Klinsmann ist davon „total begeistert".

Es geht ihm in seiner Stiftung um „nachhaltige Arbeit". So hat er auch als Bundestrainer gesprochen. Mittlerweile arbeiten 50 Leute für Agapedia, was auf griechisch „Liebe zu Kindern" bedeutet. Die Stiftung entwickelt und setzt seit ihrer Gründung 1995 Kinderhilfsprojekte um; in Deutschland, Bulgarien, Rumänien und Moldawien. „Die Weltmeisterschaft kommt schnell, und sie geht schnell", hatte Klinsmann seinen Geschäftsführern bei Agapedia schon vorhergesagt, „wir brauchen aber Partner, die uns auch Ende 2006 noch unterstützen."

„Dafür ist Jürgen nicht verfügbar“

Das Interesse von Sponsoren, die kurzfristig den Namen Klinsmann „benutzen wollten", war jedenfalls ziemlich groß, wie Stefan Barth sagt. „Aber dafür ist Jürgen nicht verfügbar." Tatsächlich zeigte die berauschende WM auch keinen nennenswerten Einfluß auf die Spendengelder. „Es gab zwar ein paar Eingänge wegen der WM", sagt Barth, „aber das hatte insgesamt kaum Einfluß." Die Einnahmen sind zwar auch 2006 wieder gestiegen, aber kontinuierlich wie das bei Agapedia seit Jahren der Fall sei. Im kommenden Jahr sollen wieder vier, fünf Mitarbeiter hinzukommen.

Das WM-Jahr und seine Wirkung auf die Deutschen hat die Stiftung unmittelbar erlebt, die schönen, aber auch die dunklen Seiten. Nicht alle Leute, die sich wegen Klinsmann bei Agapedia meldeten, hatten Gutes im Sinn. Nach dem 1:4 gegen Italien, dem Tiefpunkt vier Monate vor der WM, gingen zahlreiche E-Mails mit Beschimpfungen und Drohungen ein, gegen Klinsmann und seinen Stab.

Über seine Stiftung rare Kontakte in die Heimat

Agapedia war und ist erst recht nach seinem Abschied als Bundestrainer einer der wenigen Bezugspunkte Klinsmanns zur alten Heimat. Der „Abstand zu Deutschland", wie es aus seiner Umgebung heißt, sei nach fünf Monaten in Kalifornien schon sehr groß geworden. Klinsmann genießt seine Normalität in den Staaten, das Familienleben und die Arbeit bei seinem alten Unternehmen Soccersolutions nach der überdrehten Zeit als Bundestrainer. „Es gibt nichts, was ihn derzeit nach Deutschland locken könnte", heißt es aus seinem Umfeld. Aber Klinsmanns Berater Roland Eitel spürt, daß sich die Fans wünschen, Klinsmann in diesem Jahr noch einmal zu erleben. Aber es gäbe so viele Verpflichtungen, schöne und lästige, wenn Klinsmann nach Deutschland käme: die Medien, Freunde, Bekannte, Familie, die Stiftung und natürlich das Bundesverdienstkreuz. Auch vor dieser Flut scheute Klinsmann wohl zurück.

Das Bundesverdienstkreuz, seit August immer noch in Berlin für den ehemaligen Bundestrainer verwahrt, wird ihm Bundespräsident Horst Köhler jedoch nicht mehr überreichen. Die Möglichkeit ist dahin. „Das wäre am schönsten gewesen. Aber es hat sich kein Termin ergeben", sagt ein Sprecher des Bundespräsidialamts. Nun wird zwischen dem Auswärtigen Amt und dem Innenministerium in den kommenden Wochen endgültig abgestimmt, wie der Orden Klinsmann erreichen kann. Entweder übernimmt das Innenministerium den Fall und wartet weiter auf eine Gelegenheit - oder aber der deutsche Botschafter in Washington oder der Konsul übergibt das Bundesverdienstkreuz an Klinsmann, direkt in Amerika.

Absage an den amerikanischen Fußbalverband

Auch die bis Donnerstag noch ungeklärte Situation über seine Zukunft hatte dazu beigetragen, daß Klinsmann nicht mehr nach Deutschland reiste und öffentlich nahezu unsichtbar geworden ist. Nur im Film „Deutschland, ein Sommermärchen" ist er zehn Millionen Zuschauern am Mittwoch noch einmal erschienen. In der Wirklichkeit verhandelt er bis zuletzt sehr hart über den Trainerjob bei der amerikanischen Nationalelf. Nicht nur mit dem Verband, auch mit der Liga, dem College-Verband, verschiedenen Medien und Sponsoren. Ein ziemlich „komplexes Bild" wie Klinsmann sagte. Er hatte seine konkreten, unbequemen Vorstellungen, wie schon beim DFB. Er wollte wieder seinen eigenen Stab und verlangte auch gegenüber den Klubbesitzern, unabhängig mit den Nationalspielern arbeiten zu können. Da ist er konsequent. Weil er seinen Weg nicht gehen konnte, sagte er ab.

Öffentlich will sich Klinsmann zu alldem nicht weiter äußern. Schon gar nicht in den Jahresrückblick-Shows im Fernsehen. Die Einladungen dazu stapeln sich. Klinsmann hat alle abgelehnt. Die oberflächlichen Shows hat er nie gemocht. Derzeit schreibt er in Kalifornien hundert persönliche Briefe für die Spender seiner Stiftung. Das macht er jedes Jahr.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10.12.2006, Nr. 49 / Seite 17
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