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Joseph Blatter im Gespräch „Ich werde mich selbst durchleuchten lassen“

 ·  Joseph Blatter steht an der Spitzenposition auf der Rangliste der unbeliebtesten Sportfunktionäre. Im Interview spricht der Präsident über die Zukunft der beschädigten Fifa-Regierung und Fehler, die ihm unterlaufen sind.

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© dpa Nachdenklich und selbstkritisch: Fifa-Präsident Joseph Blatter

Joseph Blatter kann mittlerweile sagen, was er will: Es wird ihm - besonders in England - negativ ausgelegt. In den vergangenen Tagen wurde der Präsident des Internationalen Fußballverbandes (Fifa), der 2010 die Weltmeisterschaft erstmals nach Afrika brachte, auf eine - ziemlich unkluge und weltfremde Äußerung - hin mit Rassismus-Vorwürfen überzogen.

Er hatte rassistische Äußerungen auf dem Spielfeld verharmlost und Beteiligten empfohlen, sich hinterher die Hand zu geben. Der britische Sportminister Hugh Robertson forderte deshalb sogar Blatters Rücktritt. Um die Wogen zu glätten, hat der verblüffte Fifa-Präsident sich am Freitag entschuldigt, doch die Schmähungen gehen weiter.

Dass Blatter seine Spitzenposition auf der Rangliste der unbeliebtesten Sportfunktionäre so nachhaltig zementiert hat und dass ihm die öffentliche Mehrheit längst nicht mehr glaubt, liegt an der umfangreichen Korruptionsgeschichte des Weltverbandes, in den er 1975 eingetreten ist und den er seit 1998 führt - er muss als der Vater und Dulder des Systems angesehen werden. Sein Machtbewusstsein und seine persönliche Prachtentfaltung empören zusätzlich seine Kritiker.

Hinter all dem Getöse geht allerdings verloren, dass Blatter sich unter dem Druck der massiven Korruptionsaffären tatsächlich bewegt hat. Im Zuge seines Reformpaketes ist er dabei, die Macht der durch Korruption und Korruptionsverdacht massiv beschädigten Exekutive zu beschneiden. Sein Ziel ist es, künftig nicht mehr Kontinentalfürsten mit ihren Eigeninteressen in der Regierung zu haben, sondern vom Kongress gewählte Funktionäre, die damit ihr Mandat von den Nationalverbänden bekämen.

Der 75 Jahre alte Schweizer hat allerdings allzu lange gewartet mit seinen Reformen. Er muss fürchten, dass sein katastrophales Image auch dadurch nicht mehr zu reparieren ist. Auch wenn er in unserem Interview einen gewaltigen Sprung über seinen eigenen Schatten macht: Blatter gibt einen Fehler zu.

Womit wollen Sie als Fifa-Präsident in die Geschichte eingehen?

Ich bin seit Februar 1975 in der Fifa. Ich war der erste Entwicklungshelfer, und das bin ich im Grunde genommen geblieben. Mein wichtigstes Ziel ist es, das sozialkulturelle Element des Fußballs in unsere Gesellschaft zu bringen.

Im Moment haben Sie aber andere Probleme.

Wir müssen das Image der Fifa wieder dort hinbringen, wo der Fußball steht. Der Fußball hat ein sehr positives Image.

Sie selbst treten jetzt als der Reformer auf. Müssen Sie sich dafür persönlich ändern?

Nein.

Als Katholik wissen Sie sicher, dass vor der Absolution in jedem Fall das Bekenntnis und die Reue stehen müssen. Wie sieht es bei Ihnen damit aus?

Bekenntnis schon. Aber nicht Reue. Ich habe gespürt, was auf der Welt los ist, und es ist mein Bekenntnis, dass in der Fifa etwas geändert werden muss.

In einer Kolumne im Internet haben Sie aber schon geschrieben: Es sind schreckliche Fehler gemacht worden. Von Ihnen?

Es ist so: Wer viel arbeitet, macht ab und zu Fehler. Eines aber würde ich nie mehr machen: dass die Exekutive zwei Weltmeisterschaften gleichzeitig vergibt. Da muss es ja zu Interessenskonflikten kommen, denn es konnte jeder mitstimmen, auch wenn sein eigenes Land Kandidat war. Das war ein Fehler.

Ein persönlicher Fehler?

Ja, auch.

Nach 36 Jahren bei der Fifa müssen Sie sich gefallen lassen, als der Architekt des ganzen Systems zu gelten - auch der offensichtlichen Korruption. Wie konnten Sie das zulassen?

Wenn Sie sagen, ich habe etwas zugelassen - die Führungseinheit ist das Exekutivkomitee, und das wird nicht vom Präsidenten ernannt. Die Mitglieder werden von den sechs Konföderationen gewählt. So bekomme ich Leute in meine Regierung, die aus verschiedenen Kulturen, anderen sozialen Milieus kommen. Sie haben unterschiedliche Auffassungen von Ethik und Moral. Ich habe sie nicht ausgewählt. Ich kann für sie nicht meine Hand ins Feuer legen. Ich bin in der Führungsriege nur die Nummer eins, aber nicht der Alleinherrscher. Jetzt habe ich das Exekutivkomitee aber da hingebracht, wo ich es haben wollte. Bei der letzten Sitzung am 21. Oktober haben alle anwesenden Mitglieder - vier haben gefehlt - für die neue Struktur gestimmt. Jetzt habe ich endlich die Unterstützung, um die notwendigen Reformen umzusetzen.

Da geht es um vier neue Arbeitsgruppen, die einer übergeordneten Kommission für Good Governance zuarbeiten sollen. Folgt denn die Exekutive auch sonst Ihren Reformplänen, obwohl sie selbst am Pranger steht?

Ich habe am Ende des letzten Kongresses drei Dinge zur Abstimmung gebracht.

Was war das genau?

Es wurde beschlossen, dass in Zukunft der Kongress, also die Delegierten der 208 Mitgliedsnationen, die Austragungsorte von Weltmeisterschaften wählt, nicht mehr die Exekutive. Und dass die Ethik-Kommission ausgebaut wird. Dass es in Zukunft eine Untersuchungsbehörde und ein Tribunal gibt und dass deren Mitglieder vom Kongress gewählt und nicht mehr von der Exekutive bestellt werden. Und es wurde die Einsetzung der Good-Governance-Kommission beschlossen. Das alles wurde mit 99 Prozent der Stimmen angenommen. Im Exekutivkomitee wurde zuletzt hinterfragt, ob ich das überhaupt zur Abstimmung hätte bringen dürfen. Da musste ich dann sagen: Entschuldigung, aber der Kongress ist souverän.

Die 24 Köpfe starke Exekutive als Regierung der Fifa befindet sich in einem Umwandlungsprozess, der noch lange nicht zu Ende ist. Es gibt Korruptionsvorwürfe gegen mehrere Mitglieder. Gegen andere laufen Gerichtsverfahren in den Heimatländern. Zudem wollen Sie die Akte des Verfahrens um die Insolvenz des Rechtevermarkters ISL/ISMM öffnen, die Namen von Leuten enthält, die sich haben bestechen lassen. Werden wir die Exekutive demnächst noch wiedererkennen?

So viele sind es auch wieder nicht. Aber es sieht so aus, dass Personen nicht mehr in der Exekutive sein werden. Ich will jetzt nicht spezifisch über den ISL-Fall reden. Wir werden ihn öffnen und auch publik machen und eine unabhängige Institution beauftragen, diese Dokumente zu beurteilen. Ich kann Ihnen nur sagen, dass kein Schweizer auf der Liste der Leute steht, die Geldzahlungen bekommen haben. Diejenigen, die mich jagen und sagen, Sepp Blatter steht auf der Liste, irren sich.

Einige Namen der Exekutivmitglieder, die in der Öffentlichkeit in Zusammenhang mit Korruptionsvorwürfen genannt werden, sind: Makudi aus Thailand, Hayatou aus Kamerun, Leoz aus Paraguay, Grondona aus Argentinien und Teixeira aus Brasilien.

Wenn wir von dem Dokument im Zusammenhang mit dem ISL-Fall sprechen, kann ich Ihnen sagen, dass diese Aufzählung so nicht stimmt. Ich kann Ihnen zu Herrn Makudi sagen, dass wir ihn um Aufklärung gefragt haben wegen eines Hilfsprojektes unseres Verbandes. Da geht es um unser Geld. Aus Thailand kam die Information, dass die Projekte auf einem Grundstück gebaut werden, das wir bezahlt hatten und das ihm schon gehörte. Dieser Fall wird gerade bei einem Obergericht in Thailand verhandelt. Wenn ein Fall entsteht, würde der an die Ethik-Kommission gehen.

Gegen Issa Hayatou, der Präsident der afrikanischen Konföderationen und seit kurzem Vorsitzender des Entwicklungshilfeprogramms "Goal" ist, ermittelt sogar das Internationale Olympische Komitee. Bei ihm soll es wirklich um Zahlungen von ISL gehen. Was droht ihm denn von dieser Seite?

Hier ermitteln nicht wir, sondern das IOC. In dieser Untersuchung geht es um einen geringen Betrag unter 25.000 Franken. Diese sind in der Buchhaltung des CAF (Afrikanische Fußball-Konföderation), die wir auch kontrollieren, korrekt verbucht. 

Sollte einem Exekutivmitglied ein Vergehen nachgewiesen werden - wie ginge der Fall weiter?

Entweder müssten diese Leute zurücktreten oder abwarten, was die unabhängige Untersuchungskommission macht. Ich möchte dazu sagen, dass die Zahlungen der ISL zu der Zeit, als sie erfolgt sind, nicht strafbar waren.

Aber sie haben einen unguten Geruch.

Das ist so.

Sollten Sie Exekutivmitglieder verlieren, müssen diese ersetzt werden. Geht das Problem dann nicht einfach in die nächste Runde?

Nein. Nicht mehr.

Wieso?

Weil etwas Neues greifen wird. Eine der vier Arbeitsgruppen, die wir gegründet haben, für Transparency und Compliance, wird dann aktiv. Sie ist zusammengesetzt aus sechs Delegierten des Kongresses, die von mir berufen wurden. Den Vorsitz haben Juan Angel Napout, der Präsident des paraguayischen Fußballverbandes, und Frank van Hattum, der Präsident des neuseeländischen Fußballverbandes. Auch der Präsident des Verbandes aus Dänemark, Allan Hansen, der auf dem Kongress für die nordischen Länder gesprochen und mehr Transparenz gefordert hat, gehört dazu. Unter anderem werden diese Leute die neuen Exekutivmitglieder ethisch und moralisch durchleuchten. Die Fifa wird ein Leumundszeugnis verlangen.

Und die alten Mitglieder?

Das ist eine juristische Frage. Aber ich bin überzeugt, dass sich alle Mitglieder einer solchen Überprüfung stellen werden.

Und Sie selbst?

Ja sicher.

Wann?

Im ersten Quartal des nächsten Jahres.

Wenn wir schon dabei sind: Haben Sie darüber nachgedacht, den Wahlmodus für die Exekutive komplett zu ändern?

Das ist möglich. Der Kongress könnte sie wählen.

Und wie wahrscheinlich ist es?

Wenn ich Alleinherrscher wäre, würde ich sagen: Alle Rechtsorgane werden durch den Kongress bestimmt. Das zu überlegen ist nun Aufgabe der Statuten-Arbeitsgruppe unter dem Vorsitz von Dr. Theo Zwanziger. Man könnte es so machen: Im Moment werden sie von den Konföderationen gewählt. Sie sollten aber von den Konföderationen nur vorgeschlagen und vom Kongress gewählt werden.

Wird denn auch die Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaften 2018 und 2022 an Russland und Qatar untersucht?

Wir arbeiten zurzeit mit renommierten Experten wie etwa Sylvia Schenk von Transparency International und dem Baseler Anti-Korruptionsexperten Professor Mark Pieth zusammen. Sie geben ihren Input an die Good-Governance-Kommission, die Vorschläge an die Exekutive und den Kongress machen soll. Dort wird dann auch diese Frage behandelt.

Theo Zwanziger hat gesagt, die Stimmen für Qatar könnten auch durch politischen Druck auf die Exekutivmitglieder zustande gekommen sein seitens ihrer eigenen Regierungen. So könnte die primitive Form der Korruption gar nicht nötig gewesen sein. Hat er recht?

Dazu will ich mich nicht äußern. Das Thema überlasse ich der Good-Governance-Kommission.

Wer wird denn in dieser Über-Kommission sitzen? Bisher ist nur bekannt, dass sie zur Hälfte aus der Fifa, zur anderen Hälfte von außen besetzt werden soll.

Das wird erst beim Meeting der Exekutive am 17. Dezember bekanntgegeben.

Wird die Transparency- oder die Good-Governance-Kommission auch Einsicht nehmen können in die Akten der Ethik-Kommission, zum Beispiel in das Verfahren gegen Ihren Konkurrenten Mohamed Bin Hammam und das gegen Sie selbst kurz vor Ihrer Wiederwahl im Juni?

Die Kommissionen arbeiten auch quer zusammen. Mein Verfahren vor der Ethik-Kommission könnte man komplett publik machen. Ich will keine besondere Regelung. Für dieses Verfahren brauche ich weder Bekenntnis noch Reue, noch Absolution.

Das Gespräch führte Evi Simeoni.

Quelle: F.A.S.
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