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Joseph Blatter Altersmilde - aber keine Spur amtsmüde

04.12.2009 ·  Von 18.30 Uhr an steht Joseph Blatter als der große Zampano auf der Fifa-Bühne, wenn die WM-Gruppen ausgelost werden. Der 73 Jahre alte Fifa-Präsident delegiert mehr Aufgaben als früher und geht mit Widerspruch gelassener um.

Von Roland Zorn, Robben Island
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Sengende Hitze, Stacheldraht, Wachtürme, Zäune, Gefängniszellen, Stoppelgras, ein heruntergekommener Fußballplatz - das war Robben Island am Donnerstagmittag. Die Insel, auf welche das südafrikanische Apartheidsregime in den sechziger und siebziger Jahren die Vorkämpfer des African National Congress (ANC) weggesperrt hat. Doch die schwarzen Helden des Widerstands kehrten mit Nelson Mandela, dem Häftling mit der Nummer 466/65, an der Spitze zurück aufs Festland und eroberten in den neunziger Jahren die Macht in ihrem Land. Einige der ANC-Recken, die sich den Weg in eine neue Freiheit und einen demokratischen Staat nach ihrer Vorstellung bahnen konnten, waren am Donnerstag wieder auf dem Eiland vor Kapstadt. Es tagte das Exekutivkomitee des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa) - unvorstellbar für die Mandelas dieser Welt, als sie noch auf Robben Island einsaßen. Angekündigt war auch der neue starke Mann des Landes, Staatspräsident Jacob Zuma, doch der sagte kurzfristig ab. Der Nachfolger von Thabo Mbeki gehörte in seiner Zeit auf der Sträflingsinsel zu jenen willensstarken Männern, die 1964 auf Robben Island, nach wie vor kein Kleinod des Staates Südafrika, einen eigenen Fußballverband gründeten: Makana FA, inzwischen der einzige Ehrenmitgliedsverband der Fifa. Joseph Blatter, der Präsident der Fifa, hätte gewiss gern den Schulterschluss mit Zuma demonstriert, war der Schweizer doch der wichtigste Promoter der 2010 bevorstehenden ersten WM auf afrikanischem Boden, die auch dank Mandelas unermüdlichem Einsatz 2004 an die Kaprepublik vergeben wurde.

Einen Tag vor der Kapstädter Endrundenauslosung kostete Blatter auch ohne Zuma, aber im Beisein von zwei Ministern aus dessen Kabinett, diesen, so Blatter, „historischen Moment“ auf jenem staubigen Fleckchen Erde aus, auf dem ein Fußballverband in der Verbannung nach den Regeln der Fifa gegründet wurde und an Wochenenden den Ball in den eigenen Reihen laufen ließ. „Das universelle Spiel Fußball“, sagte Blatter am Donnerstag, „hat ihnen geholfen, über ihr Los hinwegzukommen.“

Die Details des Tagesgeschäfts überläst er dem Generalsekretär

Blatter, der 73 Jahre alte Walliser mit dem Gespür für die große Geste und die große Show, scheint bei der Ouvertüre zur WM in Südafrika mehr an symbolischen Augenblicken denn am oft freudlosen Tagesgeschäft interessiert. Der Vormann der Fifa, seit der Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich in Amt und Würden, hat sich weit entfernt von dem wadenbeißerischen Blatter, der in seinen ersten Jahren auf dem Gipfel des Weltfußballs pausenlos Zeichen seines Machtbewusstseins und seines erratischen, oft unstrukturierten Reformeifers aussendete. Mit Anfang sechzig war dieser Joseph Blatter aus Visp noch der skandalumwitterte, ungestüme Angreifer, wie einst auf dem Fußballplatz. Damals instrumentalisierte er die höchsten Fifa-Gremien gegen teils entschiedenen, aber von den Blatter-Gefolgsleuten im Laufe der Zeit marginalisierten Widerstand zu seinem Werkzeug.

Inzwischen scheint der in seinen Siebzigerjahren angekommene Fifa-Präsident mehr als nur eine Spur milder und müder geworden zu sein. Die bevorstehende Auslosung in Kapstadt hat der längst nicht mehr wie ein Generalsekretär, sondern überaus präsidial regierende Fifa-Frontmann nicht mehr wie bei früheren Gelegenheiten vor allem als seine eigene Bühne genutzt. Die Details des Tagesgeschäfts überläst er Jérôme Valcke, dem von Blatter geschätzten französischen Generalsekretär der Fifa.

Orte und Augenblicke, in denen der Fußball ein Stück Geschichte schreibt

Auch mit Widerspruch geht Joseph Blatter mittlerweile gelassener um als in seiner Sturm-und-Drang-Periode. Hatte er noch zu Beginn der Woche so etwas wie zupackende Reformbereitschaft in der Frage der Einführung technischer Hilfsmittel zur Ergänzung oder Korrektur von Schiedsrichterentscheidungen suggeriert und ersatzweise von der Installierung zweier Torrichter analog zum derzeitigen Europa-League-Experiment geredet, ist er in Kapstadt von der Mehrheit des Fifa-Exekutivkomitees rasch gebremst worden. Blatter selbst räumt unterdessen zumindest ein, „dass wir bei der Frage, wohin es mit dem Schiedsrichterwesen geht, an einer Kreuzung stehen“. Grundsätzlich möchte der Schweizer an seiner konservativen Haltung festhalten, dass „der Fußball ein Spiel mit einem menschlichen Gesicht“ - inklusive Fehlern und Fehlentscheidungen - bleiben soll. Doch er spürt längst, dass bei einer Weltmeisterschaft, die von Spiel zu Spiel mit über dreißig Kameras ausgeleuchtet wird, der Trend zum technologischen Assistenten bei strittigen Torentscheidungen nicht mehr aufzuhalten ist.

Vielleicht darf sich sein Nachfolger dieser Frage mit jener Hingabe annehmen, die einst auch Blatter bei allen Themen des Fußballs offenbarte. Inzwischen ist der Präsident alt geworden. Um ihn haben seine Mitarbeiter, wo nötig, einen Cordon gespannt, um den Präsidenten nicht übermäßig zu belasten. Was Blatter noch immer fasziniert, sind die Orte und Augenblicke, in denen der Fußball ein kleines Stück Geschichte schreiben kann. Der Besuch auf Robben Island gehörte dazu. Mag Blatter längst nicht mehr der wild entschlossene Macher und raffinierte Taktierer von gestern sein, als oberster Repräsentant und Souverän der Fifa beeindruckt der vielsprachige Charmeur nach wie vor. Weil er für seinen Fußball lebt, strebt er noch eine letzte Amtszeit an - 2011, für vier Jahre, wenn er selbst schon 75 ist. Ob das gutgeht? In Südafrika hat er schon einmal für das Finale seiner dann auf siebzehn Jahre ausgelegten Regentschaft geübt. Gelassen forderte er die Journalisten nach einer Pressekonferenz auf: „Genießen Sie das Spiel, wichtiger noch, genießen Sie Ihr Leben.“ Hatte er da etwa über sich selbst gesprochen?

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