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José Mourinho Hasenherziger „Only One“

 ·  Real Madrid hat in der vergangenen Saison Unglaubliches geleistet. Doch durch ultradefensive Taktiken in den „clásicos“ hat Trainer José Mourinho Kredit verspielt. In seinem dritten Jahr bei den „Königlichen“ erwarten die Fans nicht weniger als den Champions-League-Sieg.

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© AFP Vor seiner dritten Saison mit Real Madrid: der portugiesische Trainer José Mourinho

Das gab es noch nie: Am ersten Spieltag der Primera División steht Real Madrid mit null Euro Ausgaben für neue Spieler da. Versorgte sich der spanische Rekordmeister früher jeden Sommer mit vier, fünf frischen Leuten, von denen die meisten auf der Ersatzbank vergammelten, herrscht dieses Jahr geradezu klösterliche Enthaltsamkeit. Ein einziger Neuzugang ist geplant und soll am Montag verkündet werden, der des kroatischen Mittelfeldspielers Luka Modric.

Real-Trainer José Mourinho kennt den knapp Siebenundzwanzigjährigen, der für seine Pässe und Dribblings berühmt ist, aus seiner Zeit in der Premier League. Die Verhandlungen mit Modrics bisherigem Verein Tottenham Hotspurs sollen fast abgeschlossen sein. Spanische Medien berichten, die Ablösesumme betrage 32 Millionen Euro, je nach den errungenen Erfolgen könnten sechs weitere Millionen fällig werden.

Nuri Sahin dagegen sucht nach einer glücklosen Saison bei Real den Weg ins Ausland. Der ehemalige Dortmunder war erst lange verletzt und konnte sich dann in der immer besser harmonierenden Mannschaft keinen Stammplatz mehr erkämpfen. Arsenal London soll starkes Interesse bekundet haben, schreibt die Sportzeitung „Marca“, doch da Mourinho und Arsenal-Coach Arsène Wenger sich nicht sonderlich mögen, spricht wenig für diese Option. Mindestens so kompliziert ist der Fall von Kaká: Erst verstellte Mesut Özil dem Brasilianer den Weg, jetzt kommt mit Modric weitere Konkurrenz fürs offensive Mittelfeld. Silvio Berlusconi hat die Angel nach seinem früheren Star ausgeworfen und würde ihn gern wieder beim AC Mailand sehen, am liebsten als Leihgabe. Das wiederum will Real nicht, denn der Einkauf des Mannes kostete 65 Millionen Euro.

100 Punkte, 121 Tore, nur zwei Niederlagen

Laut Statistik hat der spanische Meister im zweiten Jahr unter Mourinho Unglaubliches geleistet: hundert Punkte, 121 geschossene Tore und nur zwei Niederlagen in 38 Ligaspielen. Dennoch erwartet man von dem Portugiesen, dass sich die entscheidende Leistungssteigerung im dritten Jahr vollziehe. Das gäbe eine schöne Perlenkette: in der ersten Saison der Gewinn der Copa, in der zweiten die spanische Meisterschaft, in der dritten endlich die Champions League, die erträumte „décima“. Verblüffenderweise jedoch ereilen den Mann, der sich gern mit drei Champions-League-Triumphen in drei verschiedenen Ländern (Portugal, Italien, Spanien) vom „Special One“ zum „Only One“ promovieren lassen würde, sonderbare Anfälle von Hasenherzigkeit, wenn es an die entscheidenden Matches der Saison geht.

So hat er mit ultradefensiver Taktik in vielen „clásicos“ gegen den FC Barcelona Kredit und Punkte verspielt, so hat er auch das Champions-League-Halbfinale gegen Bayern München vergeigt. Es gibt keinen Grund, warum sich eine so offensivstarke Elf mit einer 2:0-Führung im eigenen Stadion zurückfallen lassen muss. Für Real Madrid war Angriff schon immer die beste Verteidigung.

An wem jedoch wird Mourinho sich in der neuen Saison reiben? Sein großer Gegenspieler Pep Guardiola vom FC Barcelona hat sich ins Erholungsjahr verabschiedet, jetzt sitzt dessen ehemaliger Assistent Tito Vilanova auf der Barça-Bank. Mourinho hat Vilanova zwar mal einen Finger ins Auge gepiekt, doch ob das für eine funkenschlagende Dauerrivalität reicht? Der neue Mann wiederum will mit dem Ensemble um Lionel Messi einen neuen Erfolgszyklus beginnen, der allein seiner ist, und das wird nicht einfach. Immerhin ist Stürmer David Villa bald wieder dabei, ohne Spielpraxis, aber genesen von seinem Schienbeinbruch im Dezember 2011. Vilanova will das Flügelspiel stärken, und dafür zählt er auf die Rückkehr des spanischen Rekordtorschützen.

Die Mittelklasse zerbröckelt

Eine beunruhigende Tendenz ist den Spielertransfers in Spanien abzulesen: Die Hegemonie der beiden Großen besteht fort, die Mittelklasse zerbröckelt. Musste in den letzten Jahren schon der FC Valencia alle seine Stars verkaufen - Villa, Mata, Silva, Jordi Alba -, ist jetzt Athletic Bilbao dran. Nicht nur der Wechsel von Javi Martínez zu Bayern München ist gemeint, auch der Transferwunsch von Nationalmittelstürmer Fernando Llorente. Normalerweise wird Fahnenflucht in der „Kathedrale“ von Bilbao nicht verziehen. Doch hier sind größere Wanderungen im Gang. Standen vor vier Jahren, als Spanien erstmals Europameister wurde, noch zwölf spanische Nationalspieler bei den „mittleren“ Vereinen hinter Real Madrid und dem FC Barcelona unter Vertrag, sind es jetzt nur noch vier. Während Messi und Cristiano Ronaldo die Primera División dominieren, zieht es viele spanische Talente in die Premier League und die Bundesliga.

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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid.

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