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João Havelange : Ein jämmerlicher Abgang

  • -Aktualisiert am

Ein Mann des vorigen Jahrhunderts: Joao Havelange hat den Fußball und sich selbst reich gemacht. Bild: REUTERS

Späte Strafe für dreistes Kassieren: João Havelange, brasilianischer Pate des Sports, feiert seinen 97. Geburtstag nicht mehr als Fifa-Ehrenpräsident. Heute gilt er als Prototyp des geldgierigen und scheinheiligen Funktionärs.

          Es war still geworden um Jean-Marie Faustin Godefroid de Havelange, besser bekannt als João Havelange. Seit er im Mai vergangenen Jahres nach einer schweren Infektionserkrankung die Klinik in Rio de Janeiro verlassen hat, ist der betagte frühere Präsident des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa) kaum mehr in der Öffentlichkeit aufgetreten. Schon seit längerem unternahm Havelange keine größeren Reisen mehr. In Rio wurde er allenfalls im Country-Club gesichtet, einem der exklusivsten Etablissements, doch nicht mehr, um sich mit einem Schwimmtraining körperlich fit zu halten. Er frequentierte dort hauptsächlich das Restaurant. Noch einmal sorgte er vor kurzem für einen Paukenschlag: als er vom Amt des Fifa-Ehrenpräsidenten zurücktrat, um seiner Absetzung zuvorzukommen. Ein jämmerliches Ende für den einstigen Regenten des Fußballs, der unzählige Ehrenbezeugungen entgegennehmen durfte. Rechtzeitige Einsicht bewahrte die Welt 1989 allerdings vor einem Friedensnobelpreisträger Havelange. Statt an ihn ging der Preis an den Dalai Lama.

          22 Millionen Franken Schmiergeld

          Beim vermutlich letzten Akt in seiner bewegten Biographie ist er nicht mehr selbst aufgetreten. Havelange hat den Ehrentitel zurückgegeben, der ihm noch einigen Einfluss verschaffte, weil es erdrückende Beweise für sein korruptes Verhalten gibt. Bereits Anfang Dezember 2011 war er nach 48 Jahren als Mitglied und zuletzt Doyen des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) zurückgetreten, um einer Suspendierung zu entgehen. Im Zusammenhang mit dem jetzt von der „Ethikkommission“ der Fifa verhandelten ISL-Schmiergeldskandal wurde öffentlich, dass er zusammen mit seinem ehemaligen Schwiegersohn Ricardo Teixeira bis 2000 Schmiergelder in Höhe von fast 22 Millionen Schweizer Franken kassiert hat. Komplize Teixeira hatte schon im März 2012 von allen Ämtern zurücktreten müssen, als Fifa-Vorstand, Präsident des nationalen Fußballverbandes und Organisationschef der WM 2014, die ausgerechnet in Brasilien stattfindet. Man kann von einem Abgang in Schimpf und Schande sprechen. Dabei hat Havelange es an hochfahrenden Gesten nie fehlen lassen. Angsteinflößend und penibel auf die Etikette achtend wird sein Auftreten beschrieben. Journalisten erinnern sich daran, dass sie für Gespräche mit ihm in Anzug und mit Krawatte zu erscheinen hatten. Von der Autorität des über den Weltfußball autokratisch herrschenden Imperators ist nicht viel übrig geblieben. Feige nannten Kritiker seinen endgültigen Rückzug.

          Am 8. Mai wird Havelange 97 Jahre alt. Er ist in Rio de Janeiro als Sohn des belgischen Einwanderers Joseph Faustin Godefroid, eines Bauingenieurs und angeblich auch Waffenhändlers, geboren worden. Sein französischer Name Jean-Marie wurde portugiesisch zu João. Als er 17 Jahre alt war, starb sein Vater. Von ihm hat João Havelange offenbar das Faible für den Sport geerbt. Er spielte Fußball für Fluminense Rio und wurde Juniorenmeister. Sein Vater, der in Belgien Gründungsmitglied des Fußballklubs Standard Lüttich war, hielt für den Sohn jedoch Schwimmen für die angemessenere Sportart. An den Olympischen Spielen von 1936 in Berlin nahm er also als Schwimmer teil, zurück in der Heimat leitete er die Wasserballabteilung seines Klubs, 1952 in Helsinki trat er als Wasserballspieler auf. Bei den Spielen in Melbourne 1956 war er Delegationsleiter für Brasilien.

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