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Jermaine Jones Ein Angriff gegen jeden Anstand

22.12.2011 ·  Es war eine Attacke, wie sie im Fußball selten zu sehen ist. Jermaine Jones trat gezielt auf den gebrochenen Zeh von Marco Reus. Es war nicht die einzige Fehlleistung der Schalker.

Von Richard Leipold, Mönchengladbach
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© dapd Im Mittelpunkt der Diskussionen: Jermaine Jones sorgt für Aufregung

Der unrühmliche Abgang des FC Schalke 04 von der Bühne des DFB-Pokals besaß viele Facetten. An die Spitze der Bewegung, die in die falsche Richtung lief, hatte sich Jermaine Jones gesetzt - schon in der sechsten Minute. Als die Partie unterbrochen war, kam es zu einer Diskussion über einen umstrittenen Freistoß.

Auch Marco Reus, der junge Überflieger von Borussia Mönchengladbach, beteiligte sich daran - und wurde zum Opfer einer Attacke, wie sie im Fußball selten zu sehen ist. Unbemerkt vom Schiedsrichter schlich sich Jones um Reus herum und trat ihm gezielt auf den linken Fuß.

Das ganze Land weiß, dass Reus sich vor kurzem den kleinen Zeh gebrochen hat und sein linker Fuß seither von einem Spezialschuh ummantelt wird. Ein Angriff also, der vor böser Absicht nur so triefte. Für Reus und seine Mannschaft blieb die Aktion letztlich ohne Folgen.

Der Stürmer stach im weiteren Verlauf des Abends als der Künstler hervor, der seit Monaten das Publikum beeindruckt: Beim 3:1 über Schalke führte Reus seine Mannschaft ins Viertelfinale des DFB-Pokals, wo Hertha BSC auf die Borussen wartet. Zwei Tore schoss er selbst (56./88. Minute), Juan Arangos Führungstreffer (18.) bereitete er vor.

„Ich will gar nicht darüber reden“

Während Reus sich durch den Tritt des Tages nicht aus dem Tritt bringen ließ, wird der Täter im Nachhinein zur Verantwortung gezogen werden. Der Kontrollausschuss des Deutschen Fußball-Bundes hat am Donnerstag ein Ermittlungsverfahren eingeleitet; an dessen Ende dürfte eine Anklage vor dem Sportgericht stehen - so deutlich, wie die plumpe Tat im Fernsehen zu erkennen war. „Krass unsportliches Verhalten“ lautet der Vorwurf.

Im Hochgefühl des Sieges war es Marco Reus sichtlich unangenehm, den Vorfall näher zu schildern oder zu bewerten. „Ich will gar nicht darüber reden und mich nicht aufregen“, sagte er. „Ich weiß nicht, warum er so etwas macht. Aber mir soll es jetzt auch egal sein.“ Wenn überhaupt äußerte sich Reus moderat, stets darauf bedacht, nicht als geifernder Ankläger aufzutreten. Er sagte nur, was offensichtlich war. „So etwas gehört sich nicht. Da gibt es keine zwei Meinungen.“

In diesem Fall gibt es sie wirklich nicht. Auch Horst Heldt, der Sportdirektor des FC Schalke, zeigte sich unangenehm berührt. „Solche Aktionen sollte man tunlichst vermeiden.“ Über mögliche Konsequenzen für Jones werde intern beraten. „Darüber machen wir uns in Ruhe Gedanken.“ Sogar der Gladbacher Trainer Lucien Favre, grundsätzlich zurückhaltend in seiner Wortwahl, bezog klar Stellung. „Das ist leider keine Überraschung für mich, es ist typisch für Jones, das ist nicht Fußball.“

Jones verließ den Tatort wortlos - und folgte dem Rechtsgrundsatz: Niemand braucht sich selbst zu belasten. Das hatte er auf dem Rasen ja schon genug getan. Nicht nur bei seinem spektakulären Fehltritt, sondern auch bei weiteren Vergehen. Dennoch wäre er fast bis zum Schluss auf dem Platz geblieben. Zwischendurch mit der Gelben Karte verwarnt, hielt Jones bis zur Nachspielzeit durch, überschritt aber bei einem Zusammenstoß mit Igor de Camargo abermals die Grenze des Erlaubten und wurde mit „Gelb-Rot“ bestraft.

Auch Klaas-Jan Huntelaar benimmt sich daneben

Dieselbe Farbkombination bedeutete für Klaas-Jan Huntelaar das vorzeitige Ende in einem Spiel, in dem die ganze Mannschaft den ungeordneten Rückzug aus dem Pokalwettbewerb antrat. Schalkes erfolgreichster Torschütze neigt zwar nicht zur Gewalt, hatte seine Nerven aber auch nicht im Griff. Binnen Sekunden zeigte Huntelaar zunächst dem Assistenten an der Seitenlinie einen „Vogel“ und klatschte sogleich höhnisch Beifall für die daraus folgende Gelbe Karte. Macht zusammengerechnet „Gelb-Rot“ (47.).

Von da an schien es nahezu unmöglich für den Pokalverteidiger, das Spiel zu drehen, auch wenn Gladbach vorübergehend schwächer wurde und dem eingewechselten Julian Draxler der Anschlusstreffer gelang (70.).

Es fehlte Schalke nicht nur an Disziplin. Auch sonst stimmte es vorne und hinten nicht. Nicht einmal der Torhüter Lars Unnerstall, zuletzt die Zuverlässigkeit in Person, vermochte sich der Ansteckungsgefahr zu entziehen. Beim ersten Streich von Reus ließ er sich aus mehr als zwanzig Metern verladen wie ein Torwart beim Elfmeter; beim dritten Gegentor hatte er den Ball scheinbar unter Kontrolle und überließ ihn doch Reus, der mit der Kugel ins leere Tor laufen konnte. Jones, Huntelaar und Unnerstall mögen die auffälligsten Größen des Schalker Scheiterns sein. Letztlich ist die Leistung aber vor allem das Ergebnis einer schwachen Tagesform. Die Summe von Fehlern und Charakterschwächen ist dem Titelverteidiger zum Verhängnis geworden.

Borussia Mönchengladbach dagegen nimmt Kurs auf Berlin. „Es ist unglaublich, das Wunder geht weiter“, sagte Favre, dessen Mannschaft erst im Mai knapp den Verbleib in der ersten Liga gesichert hat. Dagegen konnten sich die Zuschauer über den FC Schalke (fast) nur wundern. Um ein wenig Ablenkung zu liefern und ein neues Thema zu setzen, formulierte Manager Heldt einen mutigen Anspruch. „Wir wollen die Europa League gewinnen, das ist jetzt unser Ziel.“ DFB-Pokal gegen Europacup tauschen - das wäre angesichts der Leistung in Gladbach ein Erfolg.

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