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Jens Lehmann „Demütigung ist Teil des Jobs“

17.11.2007 ·  Torhüter spielen ihr eigenes Spiel nach eigenen Regeln. Es sind die Regeln des Boxkampfs, und es geht nur um die Frage: er oder ich. Für Jens Lehmann geht es auch vor seinem 50. Länderspiel nur darum, wieder in das Tor des FC Arsenal zu kommen. Von Michael Horeni.

Von Michael Horeni, Hannover
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Jens Lehmann wirkt sehr konzentriert. Er betritt die Bühne, als Andreas Köpke am Tag vor dem EM-Qualifikationsspiel in Hannover gegen Zypern noch über die Torhüterfrage in der Nationalmannschaft spricht. Lehmann sammelt sich vor seinem Auftritt. Er zieht den Reißverschluss seiner Trainingsjacke hoch und isst noch einen Energieriegel. Dann wird der Bundestorwarttrainer gefragt, ob er sich vorstellen könne, dass Jens Lehmann tatsächlich im Winter in die zweite Liga wechselt, und er sagt, er könne sich das nicht vorstellen. Er lächelt in Richtung des Torwarts, als ob er sich bei ihm noch einmal rückversichern wolle.

Jens Lehmann rückt näher an Köpke heran und lächelt ein Lächeln, das nichts verraten will. Als Köpke fortfährt und sagt, wenn sich Lehmanns Lage bei Arsenal London nicht ändere, müsse er seine „Zukunftsplanung insgesamt überdenken“, sitzt Lehmann schon wieder kerzengerade auf seinem Stuhl.

Die eine Frage: er oder ich

Als Lehmann an die Reihe kommt, merkt man schnell, dass Fußball-Torhüter ihr eigenes Spiel spielen und dass sie es nach ihren eigenen Regeln gestalten. Es sind nicht die Regeln des Fußballs, es sind die Regeln des Boxkampfs, und es geht nur um die eine Frage: er oder ich. Bei Jens Lehmann hört sich das so an: „Ist er besser als ich? Wenn nicht – warum spiele ich dann nicht.“ Er oder ich. Es ist die Frage, die Jens Lehmann seine ganze Karriere über nicht verlassen hat, und am Tag vor seinem 50. Länderspiel stellt sie sich wieder, nur auf eine ganze andere Weise als in all den Jahren zuvor.

„Er ist auch heute ganz klar die Nummer eins“, sagt Köpke über die Stellung, die sich Lehmann nach vielen Jahren in der Nationalelf erkämpft hat. Er hat Kahn und den FC Bayern besiegt, es gibt keinen deutschen Torhüter mehr, der ihm auf dem Weg zur EM 2008 in der Schweiz und Österreich gefährlich werden könnte. „Dass ich mein 50. Spiel mache, überrascht mich selbst ein bisschen“, sagt Lehmann nach den vielen Jahren auf der Bank. Jetzt könnte alles gut sein, gäbe es da nur nicht diesen international nicht sehr angesehenen Manuel Almunia und den hochgeschätzten Arsene Wenger, seinen Trainer bei Arsenal. Die wollen nicht wahrhaben, was für Lehmann und Köpke unumstößliche Gewissheit ist: dass Lehmann der Bessere ist.

Angriff von der Ersatzbank aus

Bisher hat Lehmann nur zwei Spiele in der Premier League machen dürfen, seine Ellbogenverletzung ist schon lange abgeklungen, aber an seiner Reservistenrolle hat das nichts geändert. Wenger lässt ihn nicht zurück ins Tor, und so kämpft Lehmann mit 38 Jahren einen neuen Kampf. Er führt ihn auf vielfältige Weise. Er greift Almunia an, seit vielen Wochen, scharf in der Sache, mitunter auch sehr persönlich. Den Angriff von der Ersatzbank aus hat er gelernt wie kaum ein anderer. „Selbst wenn wir gleichgut wären, müsste ich spielen“, sagt Lehmann nun in Hannover. Er verweist dabei auf seine Erfolge bei Arsenal und mit der Nationalelf. Aber er merkt schon lange, dass Wenger das irgendwie anders sieht und dass er nicht verstehen kann, was da mit ihm derzeit geschieht. „Ich wäre gerne in der Gedankenwelt meines Trainers“, sagt er.

Und weil Lehmann ein kluger Mann ist, hat er nun verschiedene Varianten entwickelt, wie er seine Karriere am besten zu Ende bringt, falls Wenger bei seiner Haltung bleibt. Er hält es zwar schon „fast für eine Pflicht“ von Bundestrainer Joachim Löw, sich bei seinem Kollegen über dessen weitere Planungen zu erkundigen, was bisher aber nicht geschehen ist. „Aber nach meiner Erfahrung mit Wenger ist der Nutzen nicht so groß, dass er sich in seiner Entscheidung beeinflussen lässt.“

Fehlende Spielpraxis kein „Ausschlusskriterium“

Also sucht er nach Optionen, was er im Winter tun kann, wenn sich seine Lage nicht bessert. Es gibt schon Anfragen von anderen Klubs, sagt Lehmann. Dann bekäme er ganz sicher die Spielpraxis, die sich die Nationalmannschaftsführung so dringend bis zur EM wünscht. Im nächsten Jahr gibt es bis zur Vorbereitung nur noch zwei Länderspiele. Aber ein „Ausschlusskriterium“ wäre fehlende Spielpraxis trotzdem nicht, wie Löw und Köpke versichern. Diese Aussage hält Timo Hildebrand und Robert Enke weiter auf Abstand.

„Es kann auch sein, dass ich, selbst wenn ich nicht spiele, die ganze Zeit bei Arsenal bleibe“, sagt Lehmann. Er habe auch Verantwortung für seine Kinder, die er nicht einfach mal so aus der Schule nehmen wolle. Ob er dafür auch auf die EM verzichten würde? „Dass will ich im Moment nicht mit Nein beantworten“, entgegnet Lehmann. Er glaubt eher, dass er beides wird miteinander verbinden können, das Familienleben in London und die EM-Teilnahme. Denn so dramatisch stellt sich die Frage derzeit nicht für die Nationalmannschaftsführung, zumindest noch nicht. „Das wird in der Öffentlichkeit hysterischer diskutiert. Wir haben die Ruhe weg“, sagt Köpke.

Lehmann wirkt sehr aufgeräumt

Aus London kennt Lehmann mittlerweile ganz andere Töne. „Demütigung ist Teil des öffentlichen Jobs“, hatte Arsene Wenger in einem Interview auch über die Rolle von Lehmann gesagt. „Das Wort Demütigung hat mir gefallen“, sagt der Torwart. Er habe es daraufhin selbst benutzt und seinem „lieben Trainer“ über die Medien zu verstehen gegeben, „man sollte einen Spieler nicht zu lange demütigen“.

Nun darf man sich die Beziehung zwischen Wenger und Lehmann aber auch nicht als vergiftet oder gar zerrüttet vorstellen. Lehmann wirkt vielmehr sehr aufgeräumt, als er über seine Lage und Trainer Wenger spricht. „Wir reden viel miteinander, nicht nur darüber – und abseits von diesem Thema habe ich auch ein gutes Verhältnis zu ihm“, sagt Lehmann. Das kann nicht schaden, er will ja noch ein bisschen bleiben.

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Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

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