Home
http://www.faz.net/-gtm-c2b
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Italienischer Fußballsumpf „Das ist eine unendliche Liste“

29.06.2011 ·  Im Skandal um den ehemaligen Nationalspieler Beppe Signori sei bislang nur die „Spitze des Eisbergs“ sichtbar, behaupten Insider. Der italienische Fußball scheint ein kulturelles Problem zu haben - mancher sagt, es liege am italienischen Wesen.

Von Julius Müller-Meiningen, Mailand
Artikel Bilder (4) Lesermeinungen (5)

Francesco Baranca sagt, man solle sich den letzten Spieltag in der Bundesliga noch einmal in Erinnerung rufen. Borussia Dortmund stand bereits als deutscher Meister fest und spielte gegen Eintracht Frankfurt. Die Frankfurter hätten mit einem Sieg den Abstieg vermeiden können, doch die Dortmunder gewannen 3:1. „In Italien hätte Frankfurt gewonnen“, sagt Baranca. „Aber in Deutschland strengen sich alle Teams richtig an, sogar am letzten Spieltag.“ Baranca spricht von der Bundesliga, als handele es sich um eine Insel der Seligen. Dabei hat auch der deutsche Fußball seine Affären, zu sehen an dem früheren Schiedsrichter Robert Hoyzer und am Wettbetrüger Ante Sapina.

Baranca ist Anwalt und Sprecher des österreichischen Online-Wettanbieters Skysport365 GmbH, der vor allem in Italien aktiv ist. Er kann deshalb einen tiefen Blick in das Wesen des gerade von einem Wettskandal gebeutelten italienischen Fußballs werfen. Baranca selbst hatte im März Strafanzeige gestellt und den Staatsanwälten in Cremona eine Liste mit 31 unter Manipulationsverdacht stehenden Spielen der ersten bis dritten italienischen Liga ausgehändigt; darunter sind zehn Spiele der Serie A. Skysport365 hatte bei diesen Partien auffällig hohe Wetteinsätze festgestellt und die Wetten blockiert. „Weil das Phänomen nicht mehr kontrollierbar war, habe ich die Staatsanwaltschaft eingeschaltet“, sagt Baranca. In Cremona waren da bereits Ermittlungen im Gange, die Anfang Juni zur Verhaftung von 16 Personen führten; darunter befand sich der ehemalige Nationalspieler Beppe Signori.

Signori gilt bei den Ermittlern als einer der Köpfe der Wettbetrüger, der auch Kontakte zur asiatischen Wettmafia haben soll. Kürzlich stritt der frühere Fußballprofi in einer Pressekonferenz abermals alle Vorwürfe ab. Andere Verdächtige hingegen sind geständig. So berichtete der Sportdirektor des Drittligaklubs Ravenna, Giorgio Buffone, dass es nicht nur zu Manipulationen durch Spieler, sondern auch zu Ergebnisabsprachen zwischen Vereinen gekommen sei.

Die Ermittler in Cremona konzentrieren sich bisher auf 40 Spiele vor allem in Serie B und Lega Pro, der dritten Spielklasse in Italien. In den Akten der Staatsanwaltschaft ist aus der Serie A bisher nur das Spiel Inter Mailand gegen US Lecce festgehalten; allein auf den Ausgang dieses Spiels soll Signori 150.000 Euro gewettet haben. Der Manipulationsversuch misslang in diesem Fall allerdings.

„Hunderte gefälschter Spiele“

„Bisher sehen wir nur die Spitze des Eisbergs“, sagt Baranca. „Etwa sechs, sieben Spieltage vor Schluss lassen in Italien regelmäßig Mannschaften, die ihre Ziele bereits erreicht haben, Teams gewinnen, die noch Ambitionen haben.“ Oft sei bei Spielen am Saisonende auch ein Unentschieden programmiert, auch zum Ende der abgelaufenen Serie-A-Saison sei das der Fall gewesen. Dass Serie-A-Spiele wie Sampdoria Genua gegen Chievo Verona 0:0 enden würden, hätte in Italien jedes Kind gewusst. Auf die Frage, wie viele Spiele seit 2010 vermutlich insgesamt in Italien manipuliert worden seien, antwortet der Italiener: „Über 200. Das ist eine unendliche Liste.“

Der italienische Wettanbieter Snai, der ein Drittel des Umsatzes aller Sportwetten in Italien macht, beklagte im vergangenen Jahr einen Verlust von 35 Millionen Euro aufgrund manipulierter Spiele. Bei Snai heißt es, pro Jahr gebe es Hunderte von gefälschten Spielen. 4,4 Milliarden Euro setzten die Wettanbieter im Jahr 2010 in Italien um, über eine Milliarde Euro streicht der italienische Staat an Steuern ein, kontrolliert werden die Wettanbieter von einer staatlichen Aufsichtsbehörde. „Das ist absurd, denn die Behörde finanziert sich gerade aus den Mitteln, deren Herkunft sie überwachen soll“, sagt Baranca, der Mann von Skysport365.

„Den Sinn für Recht und Unrecht verloren“

Doch auch an den Wettanbietern gibt es Kritik: Sie wüssten seit Jahren von den Manipulationen, hätten sie bislang aber geduldet. Erst seit die finanzielle Einbuße erheblich geworden sei, hätten sie reagiert. Außerdem wird den Wettbüros vorgeworfen, mit immer raffinierteren Angeboten Manipulationen Vorschub zu leisten. Angeboten werden etwa Live-Tipps nach Ende der ersten Halbzeit oder Wetten darauf, dass in einem Spiel mehr als drei Tore fallen.

Ein Wetter hat heute bis zu 20 verschiedene Optionen pro Spiel. Manipulationen werden so erleichtert. Doch das Wettbusiness floriert seit Jahren, in Italien hat sich der Gesamt-Umsatz in den vergangenen fünf Jahren beinahe verdoppelt. Der Verdacht liegt nahe, dass das Geschäft mit den Wetten für die meisten Beteiligten zu viele Vorteile bringt und die Einführung strengerer Kontrollmechanismen vermieden wird, um dieses Geschäft nicht zu beeinträchtigen.

Im Zuge der Ermittlungen von Cremona haben sich der italienische Fußballverband (FIGC) sowie die Europäische Fußball-Union mit der Forderung nach härteren Strafen für manipulierende Spieler eingeschaltet, Innenminister Roberto Maroni hat den Einsatz einer „Taskforce“ angekündigt. Dabei gibt es seit Jahren andere Vorschläge, sie wurden bisher aber auch in der öffentlichen Diskussion kaum beachtet. Der Wettanbieter Snai schlägt etwa vor, der FIGC mutmaßliche Manipulationen zu melden. Der Verband könnte die Vereine in Kenntnis setzen, Warnungen aussprechen und Sperren verhängen. Baranca erzählt, er habe dem Fußballverband die Liste der Manipulationen aushändigen wollen. Von dort habe man ihn indes an die Staatsanwaltschaft verwiesen.

Aus der Bundesliga oder aus der englischen Premier League gäbe es keine auffälligen Spiele, behauptet Baranca. Warum ausgerechnet der Fußball in Italien so anfällig für Betrug ist? „Das ist auch eine kulturelle Frage“, sagt der Anwalt. „Anscheinend haben wir in Italien in den vergangenen Jahren den Sinn für Recht und Unrecht weitgehend verloren.“

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel
Fußball
 Bundesliga 
 2. Bundesliga 
  Verein Sp Diff Pkt.  
1.  Logo: Borussia Dortmund
Borussia Dortmund   34  55   81 Gleichheit zur Vorwoche
2.  Logo: Bayern München
Bayern München   34  55   73 Gleichheit zur Vorwoche
3.  Logo: FC Schalke 04
FC Schalke 04   34  30   64 Gleichheit zur Vorwoche
4.  Logo: Bor. Mönchengladbach
Bor. Mönchengladbach   34  25   60 Gleichheit zur Vorwoche
5.  Logo: Bayer Leverkusen
Bayer Leverkusen   34  8   54 Gleichheit zur Vorwoche
6.  Logo: VfB Stuttgart
VfB Stuttgart   34  17   53 Gleichheit zur Vorwoche
7.  Logo: Hannover 96
Hannover 96   34  -4   48 Gleichheit zur Vorwoche
8.  Logo: VfL Wolfsburg
VfL Wolfsburg   34  -13   44 Gleichheit zur Vorwoche
9.  Logo: Werder Bremen
Werder Bremen   34  -9   42 Gleichheit zur Vorwoche
10.  Logo: 1. FC Nürnberg
1. FC Nürnberg   34  -11   42 Gleichheit zur Vorwoche
11.  Logo: 1899 Hoffenheim
1899 Hoffenheim   34  -6   41 Gleichheit zur Vorwoche
12.  Logo: SC Freiburg
SC Freiburg   34  -16   40 Gleichheit zur Vorwoche
13.  Logo: FSV Mainz 05
FSV Mainz 05   34  -4   39 Gleichheit zur Vorwoche
14.  Logo: FC Augsburg
FC Augsburg   34  -13   38 Verbesserung zur Vorwoche
15.  Logo: Hamburger SV
Hamburger SV   34  -22   36 Verschlechterung zur Vorwoche
16.  Logo: Hertha BSC
Hertha BSC   34  -26   31 Verbesserung zur Vorwoche
17.  Logo: 1. FC Köln
1. FC Köln   34  -36   30 Verschlechterung zur Vorwoche
18.  Logo: 1. FC Kaiserslautern
1. FC Kaiserslautern   34  -30   23 Gleichheit zur Vorwoche

Nicht gewonnen, nicht verloren

Von Peter Heß

Im Formel-1-Tempo sollte in der durch Korruptionsvorwürfe durchgeschüttelten Fifa aufgeräumt werden. Im Moment bewegt sie sich mit der Geschwindigkeit eines Motorrollers. Mehr 1