Home
http://www.faz.net/-gtm-t5f9
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Italienischer Fußball Götterdämmerung nach Skandalurteil

16.07.2006 ·  Ein Prozeßmarathon droht: Nach den Urteilen im italienischen Fußballskandal gehen die als Betrüger in die zweite Liga verbannten Klubs Juventus Turin, AC Florenz und Lazio Rom sowie der mit Punktabzügen bestrafte AC Mailand auf die Barrikaden.

Von Vincenzo Delle Donne, Rom
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Im Tagungsraum des Hotels "Parco dei Principi" herrschte eine Atmosphäre, als würde der italienische Fußball endgültig zu Grabe getragen werden. Voller Ungeduld wartete der Journalistenpulk auf den Urteilsspruch im italienischen Fußballskandal. Dem "größten der Fußballgeschichte", wie Joseph Blatter, der Präsident des Internationalen Fußball-Verbandes, geurteilt hatte.

Der ehemalige Verfassungsrichter Cesare Ruperto verkündete mit erstaunlicher Gelassenheit jene Strafen, die exemplarisch sein und eine neue Ära des "sauberen Fußballs" einleiten sollten. Spätestens jetzt war der Resttaumel über den WM-Sieg der Azzurri bei den Tifosi verflogen. Die Urteile verursachten Entsetzen.

Mit zweierlei Maß

Bei den betroffenen Vereinsfunktionären und bei den Fans herrschte Fassungslosigkeit darüber, daß das Sportgericht offenbar mit zweierlei Maß gemessen hatte. Die Urteile der Fußballjustiz hatten zwar mit ungekannter Härte Juventus Turin, den AC Florenz und Lazio Rom getroffen. Doch der AC Milan kam glimpflich davon (Siehe auch: Die Chronologie einer beispiellosen Manipulationsaffäre). Das Gericht beging auch noch einen gravierenden Rechenfehler. Danach bleibt der Berlusconi-Klub in der nächsten Saison in der Serie A und dürfte noch am Uefa-Cup teilnehmen. Der FC Empoli, der nach dem Abzug von 44 Punkten vor Milan rangieren würde, hatte es nämlich unterlassen, sich für eine eventuelle Teilnahme am europäischen Wettbewerb anzumelden. Jetzt will Empoli doch noch die Uefa-Lizenz beantragen. Die Milan-Führung indes fühlte sich trotzdem als Opfer eines Justizurteils. "Von einer außerordentlichen Ungerechtigkeit" war in einem Kommunique die Rede.

Alle betroffenen Klubs haben nun angekündigt, in die Revision zu gehen. "Was für ein Skandalurteil", kommentierte die römische Sportzeitung "Corriere dello Sport". "Und das soll der neue, saubere Fußball sein?" fragte polemisch Chefredakteur Alessandro Vocalelli. Selbstgefällig bekannte Richter Ruperto: "Wir haben ohne Beeinflussung arbeiten können." Der Ehrenpräsident vom AC Florenz, Diego Della Valle, der sich als Opfer des "Systems Moggi" fühlt, kritisiert ebenfalls das Urteil. "Wir werden in die Revision gehen und verlangen ein gerechtes Urteil, das die Fakten überprüft", sagte Della Valle. Lazio Roms Präsident Claudio Lotito kündigte an, nötigenfalls bis zum Europäischen Gerichtshof zu gehen. Beide Klubs wurden übermäßig hart dafür bestraft, daß sie den ehemaligen Juventus-Manager Luciano Moggi, die Hauptperson des Skandals, um Hilfe baten, damit sie nicht in die zweite Liga abstiegen.

Viele Ungereimtheiten

Juventus Turin muß nun zum ersten Mal in seiner 109jährigen Geschichte in die zweite Liga. De facto wurde der Rekordmeister jedoch sogar in die dritte Liga verbannt. Denn mit dem zusätzlichen 30-Punkte-Abzug kann man nicht an einen sofortigen Wiederaufstieg denken. Es gab im Urteil auch andere Ungereimtheiten. "Wir können nicht verstehen, warum wir den diesjährigen Meistertitel aberkannt bekommen, obwohl die letzte Meisterschaft gar nicht Gegenstand der Ermittlungen war", kommentierte der neue Juventus-Präsident Giovanni Cobolli Gigli die Angelegenheit. Die gesamte Führung des börsennotierten Klubs wurde ausgewechselt. Sie zeigte zudem Reue für das skandalöse Verhalten der früheren Manager Luciano Moggi und Antonio Giraudo. Und noch etwas, was die Klubführung erzürnte: Die jeweiligen Urteile waren schon am Morgen in der Mailänder "Gazzetta dello Sport" zu lesen.

Berlusconis Verluste allein bei Milan werden nach dem Urteil auf eine erhebliche zweistellige Millionensumme beziffert. Er muß zudem Einbußen bei den Fernsehrechten hinnehmen, die bei seinen TV-Kanälen liegen. Der Milan-Präsident und Medientycoon hat ebenfalls angekündigt, in die Revision zu gehen. "Wenn wir in der Serie A bleiben dürfen", argumentierte er, "heißt es, daß wir nicht schuldig sind." In den Tagen vor der Urteilsverkündigung hatte Berlusconi öffentlich von einer Verschwörung auf Raten gegen ihn persönlich gesprochen, gewissermaßen beginnend im Fußball.

100.000 Abhörprotokolle

Das Gros der über 100.000 Abhörprotokolle mit ihren brisanten Details ist indes noch nicht vollständig ausgewertet worden. Im täglichen Rhythmus dürften nun in der fußballosen Zeit neue, kompromittierende Details ans Tageslicht kommen. Mit Francesco Saverio Borrelli agiert ein rüstiger Pensionär als Chefermittler, der ab 1992 als Generalstaatsanwalt von Mailand eine ganze korrupte politische Klasse enthauptete. Nun wird ihm erneut vorgeworfen, die Götterdämmerung seines alten "Feindes" Berlusconi einzuleiten.

Italien braucht den Glauben an einen sauberen Fußball. Die exemplarischen Strafen werden nach dem Willen von Verbandschef Guido Rossi als notwendige Läuterung angesehen, damit die Tifosi wieder zu einem authentischen kollektiven Fußballgefühl zurückfinden. Nur so ließe sich nämlich die dramatische wirtschaftliche Krise des italienischen Fußballs überwinden. Sie sei zudem Ausdruck eines in der Berlusconi-Regierung verlorenen Gefühls für Ethik und Moral - auch im Fußball. Verständlich also, daß die Tifosi ausnahmsweise "Forza Giustizia!" skandierten. Die endgültigen Urteile werden spätestens am 25. Juli gesprochen werden.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 16.07.2006, Nr. 28 / Seite 15
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel
Fußball
 Bundesliga 
 2. Bundesliga 
  Verein Sp Diff Pkt.  
1.  Logo: Borussia Dortmund
Borussia Dortmund   34  55   81 Gleichheit zur Vorwoche
2.  Logo: Bayern München
Bayern München   34  55   73 Gleichheit zur Vorwoche
3.  Logo: FC Schalke 04
FC Schalke 04   34  30   64 Gleichheit zur Vorwoche
4.  Logo: Bor. Mönchengladbach
Bor. Mönchengladbach   34  25   60 Gleichheit zur Vorwoche
5.  Logo: Bayer Leverkusen
Bayer Leverkusen   34  8   54 Gleichheit zur Vorwoche
6.  Logo: VfB Stuttgart
VfB Stuttgart   34  17   53 Gleichheit zur Vorwoche
7.  Logo: Hannover 96
Hannover 96   34  -4   48 Gleichheit zur Vorwoche
8.  Logo: VfL Wolfsburg
VfL Wolfsburg   34  -13   44 Gleichheit zur Vorwoche
9.  Logo: Werder Bremen
Werder Bremen   34  -9   42 Gleichheit zur Vorwoche
10.  Logo: 1. FC Nürnberg
1. FC Nürnberg   34  -11   42 Gleichheit zur Vorwoche
11.  Logo: 1899 Hoffenheim
1899 Hoffenheim   34  -6   41 Gleichheit zur Vorwoche
12.  Logo: SC Freiburg
SC Freiburg   34  -16   40 Gleichheit zur Vorwoche
13.  Logo: FSV Mainz 05
FSV Mainz 05   34  -4   39 Gleichheit zur Vorwoche
14.  Logo: FC Augsburg
FC Augsburg   34  -13   38 Verbesserung zur Vorwoche
15.  Logo: Hamburger SV
Hamburger SV   34  -22   36 Verschlechterung zur Vorwoche
16.  Logo: Hertha BSC
Hertha BSC   34  -26   31 Verbesserung zur Vorwoche
17.  Logo: 1. FC Köln
1. FC Köln   34  -36   30 Verschlechterung zur Vorwoche
18.  Logo: 1. FC Kaiserslautern
1. FC Kaiserslautern   34  -30   23 Gleichheit zur Vorwoche

Nicht gewonnen, nicht verloren

Von Peter Heß

Im Formel-1-Tempo sollte in der durch Korruptionsvorwürfe durchgeschüttelten Fifa aufgeräumt werden. Im Moment bewegt sie sich mit der Geschwindigkeit eines Motorrollers. Mehr 1

Ergebnisse, Tabellen und Statistik