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Italienische Profis Macht die Überlebensangst endlich Beine?

22.06.2006 ·  Die italienische Mannschaft muß heute gegen Tschechien um den Einzug ins Achtelfinale kämpfen. Eine Niederlage - und die ehrgeizige WM-Mission könnte nach dem blutigen Unentschieden gegen die Vereinigten Staaten bereits in der Vorrunde scheitern.

Von Dirk Schümer, Venedig
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Man braucht eine Menge Phantasie, um sich die Lage für die deutsche Mannschaft etwa so vorzustellen: Bayern München und Werder Bremen stehen vor dem Zwangsabstieg; Uli Hoeneß wird von der Staatsanwaltschaft wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung verfolgt; der DFB hat nur noch ein Notpräsidium; Jürgen Klinsmann steckt tief im Korruptionssumpf, und diverse Nationalspieler wissen nach Verhören vor Gericht, daß sie in ihren Klubs keine Arbeit mehr finden werden. Und wann die Bundesliga nach der WM angepfiffen wird, steht komplett in den Sternen.

Ganz ähnlich aber ist die Lage in Italiens Fußballskandal, und mit diesem Horrorszenario im Hinterkopf muß die italienische Mannschaft heute gegen Tschechien um den Einzug ins Achtelfinale kämpfen. Eine Niederlage - und Italiens ehrgeizige WM-Mission könnte nach dem ruhmlosen und blutigen Unentschieden gegen die Vereinigten Staaten bereits in der Vorrunde scheitern.

Zwangsabstiege und Berufsverbote

Ein ganz anderes Scheitern droht indes daheim dem eingespielten System der Großclubs. In einer 193 Seiten starken Anklageschrift hat der frühere Generalstaatsanwalt Borrelli die Ergebnisse seiner Ermittlungen zusammengefaßt. Demnach drohen wegen Spielmanipulation dem einst allmächtigen Verbandschef Franco Carrara und diversen Schiedsrichtern samt Obmännern Berufsverbote durch die Sportgerichtsbarkeit. Juventus Turin, FC Florenz, Lazio Rom und AC Mailand haben zudem maßgeblich von verpfiffenen Partien profitiert.

Daß mit „Juve“ der traditionsreichste und beliebteste Verein zwangsweise vielleicht sogar in die dritte Liga absteigen muß, gilt bereits als sicher. Selbst der Trainer für den Neuanfang, Didier Deschamps, soll bereits feststehen; er will um Alessandro Del Piero eine Mannschaft aufbauen.

Erste Verschleißerscheinungen

Unsicher ist in dem Szenario „saubere Füße“ einstweilen, ob die Machenschaften des ebenfalls abgehörten Milan-Managers Adriano Galliani seinen Verein ebenso hart treffen werden. Der mächtige Mittelsmann Silvio Berlusconis hatte von den Absprachen seines Kollegen Luciano Moggi zugunsten von Juventus Wind bekommen. Anstatt die Korruption auffliegen zu lassen, versuchte er - gut italienisch - eigene Schiedsrichter seines Vertrauens ins System zu schleusen.

Während Moggi seine Leute vor allem mit Flügen und Freikarten zu Auslandsspielen, manchmal aber auch nur mit Essen und Krawatten für Juventus einnahm, versprach Galliani dem kahlköpfigen Schiedsrichter Rodomonti tatsächlich eine Haartransplantation - also genau dieselbe Operation, der sich auch Silvio Berlusconi gegen seine ausufernde Stirnglatze unterzogen hatte. Galliani verteidigt sich mit dem dubiosen Argument, er habe gegen Moggis Dominanz „in Notwehr“ gehandelt und ist als Ligachef wie als Milan-Manager unter Berlusconi immer noch im Amt.

Vor den Augen möglicher neuer Arbeitgeber

Und als wäre die Lage noch nicht turbulent genug, ermittelt neben der Sportgerichtsbarkeit die Staatsanwaltschaft munter weiter, so daß höchsten Funktionsträgern in Italiens Fußball Strafprozesse drohen. Weil Juventus Turin und der AC Mailand auch den Kern der italienischen Nationalmannschaft bilden, schlagen die Ermittlungen hohe Wellen bis ins Duisburger Quartier der Azzurri. Wie können die Spieler jetzt höchste Konzentration und Enthusiasmus aufbringen, anstatt sich um ihre berufliche Zukunft zu sorgen und zu kümmern?

Erste Verschleißerscheinungen sind nicht zu übersehen: Während Luca Toni in der Serie A bei Florenz zu Europas erfolgreichstem Stürmer reifte, hat er bei der WM noch Ladehemmung, was mit seiner unsicheren Situation zu tun haben könnte. Doch die Tifosi wären nicht die listigen und begeisterungsfähigen Mittelmeeranrainer, als die sie alle Welt kennt, würden sie nicht auch jetzt das Beste in der katastrophalen Situation sehen: Die Fußballmillionäre aus Mailand, Turin und Florenz haben endlich einen wirklich guten Grund, ihre Qualitäten vor den Augen möglicher neuer Arbeitgeber vorzuführen und möglichst nicht mehr durch brutale Tätlichkeiten wie den Ellenbogenstoß Daniele De Rossis gegen die Amerikaner die Karriere zu ruinieren.

Selbstbewußtsein weiterhin intakt

Ob die zweifellos hohe technische und taktische Qualität den Azzurri endlich Beine machen soll oder tatsächlich die Überlebensangst - das Selbstbewußtsein nach dem blamablen Auftreten gegen die Vereinigten Staaten ist staunenswert intakt. Ohne jede Panik vor einer weiteren „brutta figura“ rechnet die nicht ohne Grund rosarot eingefärbte „Gazzetta dello Sport“ ihren Lesern vor: „So kann Italien ins Halbfinale fliegen.“ Nach dem sicher geglaubten Gruppensieg kommen in dieser rosigen Perspektive mit Australien und der Schweiz nur mehr „leichte“ Gegner, bis dann im Semifinale gegen Argentinien (das vorher Deutschland ausschalten soll) den Azzurri irgendwie die Götter helfen müssen.

„Die große Gelegenheit“ - so der gelinde unverfrorene Titel - wird auch vom betagten Enzo Bearzot gesehen, der als Trainer die Italiener 1982 zum bisher letzten großen Titel führte: „Wir gehören zu den besten vier Mannschaften der Welt.“ Trainer Lippi tut gut daran, beim eifrigen Sprücheklopfen nicht mitzumachen, sondern sich wie bisher lakonisch auf seine Arbeit zu konzentrieren. Im vierundzwanzigsten Spiel seiner Amtszeit wird der toskanische Gentleman mit Sicherheit die vierundzwanzigste Aufstellung präsentieren, denn für den Sünder De Rossi ist das Turnier bereits beendet. „Er soll in seiner eigenen Suppe kochen“, kommentierte Lippi den Aussetzer seines jungen Mittelfeldspielers mißgelaunt.

Zaccardo hat sich rausgeschossen

Daß Lippi gegen die wechselhaften Tschechen wieder auf den rekonvaleszenten Francesco Totti baut, gilt als sicher. Nur spielend kann der zögerliche und noch längst nicht gesunde Römer wieder zu seiner Stärke finden, obwohl er bisher nichts Spektakuläres bieten konnte. Mit seinem Eigentor gegen die Amerikaner hat sich der Palermitaner Zaccardo indes aus der Mannschaft gespielt und wird wohl durch Zambrotta ersetzt. Der Rest bei diesem Geisterflug ins Halbfinale hängt am gesunden Berufsoptimismus, den italienische Profis derzeit wohl mitbringen müssen.

Quelle: F.A.Z., 22.06.2006, Nr. 142 / Seite 41
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