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Veröffentlicht: 14.11.2013, 16:33 Uhr

Italienische Nationalmannschaft Das unberechenbare Kollektiv

Der italienische Trainer Prandelli setzt auch vor dem Spiel gegen Deutschland (20.45 Uhr) ganz auf die Flexibilität seines Teams: „Es gib in jedem Spiel mehrere Spiele.“ Das beeindruckt auch die Deutschen.

von Julius Müller-Meiningen
© AP Der Bändiger: Italiens Nationaltrainer Cesare Prandelli mit seinem schwierigen Star Mario Balotelli

Francesco Totti ist ein gutes Beispiel. Der Kapitän des AS Rom, Tabellenführer der Serie A, ist 37 Jahre alt. Aber er hat immer noch Chancen auf eine WM-Teilnahme im kommenden Jahr mit Italien. Das liegt einerseits daran, dass Totti als Spielmacher unberechenbar bleibt, aber auch daran, dass er bereit ist, seine Begabung in den Schatten zu stellen – wegen eines höheren Zwecks.

Totti ist beim Länderspiel zwischen Italien und Deutschland an diesem Freitag (20.45 Uhr/ live in der ZDF und F.A.Z.-Liveticker) nicht dabei, er wurde von Trainer Cesare Prandelli nicht berufen; er ist außerdem verletzt. Bei einem der letzten Aufeinandertreffen der beiden Teams war der Römer jedoch die entscheidende Figur. Nicht, weil er besonders auffällig war im WM-Halbfinale 2006, das Italien 2:0 gewann. Totti gelang nicht viel. Aber er war doch entscheidend, weil er sich aufopferte und die taktischen Anweisungen seines damaligen Trainers Marcello Lippi minutiös befolgte.

Anpassungsfähigkeit italienischer Fußballspieler

So erzählt es Adriano Bacconi, der damalige Taktikspezialist der Squadra Azzurra. „Die Deutschen fürchteten Totti sehr, obwohl er gerade erst von einer schweren Verletzung genesen war“, sagt Bacconi. „Wir wussten das und entwarfen eine eigene Strategie.“ Totti sollte sich aus der Spielmitte fernhalten und seinen Bewacher Sebastian Kehl nach außen ziehen, um in der Mitte Löcher aufzutun, in die Pirlo und Perrotta stoßen sollten. „Das war damals der Schlüssel zum Sieg“, behauptet Bacconi. Das Schwierigste sei gewesen, Totti zu vermitteln, dass er im Spiel seines Lebens den Ball kaum berühren sollte. „Aber unsere Spieler sind es gewohnt, sich an die jeweilige Spielstrategie anzupassen.“

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Es ist diese Anpassungsfähigkeit italienischer Fußballspieler, dieBundestrainer Joachim Löw in den vergangenen Tagen auffällig häufig lobte. Von „Illusionskünstlern“ war die Rede, von der italienischen „Wundertüte“ wurde geschrieben, als sei die italienische Nationalelf ein in Deutschland beinahe unbegreiflicher Kosmos. Man wolle lernen von den taktischen Fähigkeiten der Italiener, sagte Löw und gab so indirekt zu, dass seine Mannschaft in diesem Bereich Defizite hat. Vielleicht sind es die entscheidenden Faktoren, um bei internationalen Turnieren bis zum Ende bestehen zu können. Nicht nur 2006, auch im Halbfinale der EM 2012 scheiterte Deutschland ausgerechnet an Italien. Das Team von Prandelli, so Löw, habe als einzige Mannschaft Brasilien beim Confed-Cup Paroli bieten können.

Kaum Feldspieler von höchstem internationalen Format

An der Qualität der Spieler liegt das nur bedingt. Sieht man vom launischen Mario Balotelli, dem 34 Jahre alten Andrea Pirlo und dem zwei Jahre lang eher schwach spielenden Daniele De Rossi ab, hat Italien kaum Feldspieler von höchstem internationalen Format. Prandelli, der die Mannschaft nach dem WM-Debakel von 2010 übernahm, setzte auf die Flexibilität seines Teams. „Von allen Favoriten weiß man, welches taktische Modell sie im ersten WM-Spiel spielen werden, bei Italien hat man keine Ahnung“, sagt Luigi Garlando von der „Gazzetta dello Sport“. Deutschland habe bei weitem die besseren Einzelspieler, Italien das bessere und wendigere Kollektiv. „Weniger das Spielsystem, sondern die Ideen und der Sinn für Kollektivität sind wichtig“, sagt Arrigo Sacchi, der Italien 1994 ins WM-Finale geführt hatte und nun beim italienischen Verband für die Nachwuchsteams zuständig ist.

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Die Mannschaft von Prandelli hat vor allem drei Fähigkeiten. Sie kann sich an jeden Gegner anpassen, sie findet individuelle Lösungen für jedes Spiel und ist fähig, taktische Änderungen des Trainers während des Spielverlaufs in Sekundenschnelle umzusetzen. Beinahe bewundernd äußerte sich Löw, als er jüngst hervorhob, dass Prandelli die Formation seiner Mannschaft bei laufendem Match per Fingerzeig ändern könne. Prandelli hat den Vorteil, dass auch in der italienischen Liga solche Schachzüge gang und gäbe sind. Nach verschiedenen Experimenten kündigte er jetzt an, bei der WM mit vier Mittelfeldspielern und zwei Angreifern antreten zu wollen. Aber wie in einer Art Glaubensbekenntnis zur Flexibilität sagte er auch: „Es gibt in jedem Spiel mehrere Spiele.“

Damit signalisierte der Commissario Tecnico, dass die Spielstrategie in Folge des Spielverlaufs stets veränderbar bleiben muss. Italiens Anpassungsfähigkeit hat nicht nur dem deutschen Team zuletzt Schwierigkeiten bereitet. Während viele im EM-Halbfinale 2012 eine zurückhaltende italienische Mannschaft erwartet hatten, trat sie besonders aggressiv auf. Spanien wurden von Prandelli sowohl beim ersten EM-Vorrundenspiel sowie beim Finale des Confederations Cup mit unterschiedlichen Methoden und Formationen die Grenzen aufgezeigt. Es sind solche Variationsmöglichkeiten, von denen Löw offenbar träumt. Die taktische Starre der Deutschen sei auch ein Zeichen der Stärke, behaupten italienische Experten wie Bacconi, Garlando und Sacchi. Vielleicht sei das Spiel des deutschen Teams aber auch ein wenig vorhersehbar geworden.

Quelle: F.A.Z.

 

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