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Eichlers Wochenschau : Weltstadt statt Wüste

Ciao, Andrea: Pirlo hängt die Fußballschuhe an den Nagel. Bild: Imago

Das Fußball-Karriereende von Andrea Pirlo ist mehr als ein Abschied. Der Maestro war der lässigste aller Spielmacher. Einen anderen großen Spieler aber verließ zuletzt der Orientierungssinn.

          Chapeau: Mehr als ein Abschied: Mit Andrea Pirlo geht der letzte seiner Art. Jener Typ Fußballer, der nie angestrengt wirkt, nie unter dem „Druck“, der im taktisch komprimierten Fußball der Gegenwart sonst jeden in seiner Gewalt zu haben scheint. „Ich reagiere nicht auf Druck“, schrieb Pirlo in seiner Autobiographie mit dem Titel „Ich denke, also spiele ich“. „Am Nachmittag des 9. Juli 2006 in Berlin habe ich geschlafen und dann Playstation gespielt. Abends habe ich die Weltmeisterschaft gewonnen.“

          Chapeau – wir ziehen den Hut!

          Fünf Tage vorher hatte er das deutsche „Sommermärchen“ beendet. Er tat das mit einem kleinen, listigen Pass, der fünf Verteidiger narrte und den mittelmäßigen Kollegen Fabio Grosso zum Helden machte. Die Kunst der perfekten Vorlage beschrieb er so: „Ich ebne den Weg zum Glück.“ Oder zum Unglück der anderen. Bis zum Ende hat dieser Maestro sich nicht unter Druck setzen lassen, schon gar nicht unter den, immer noch mehr zu verdienen. Das Angebot aus Qatar ignorierte er, ging auf Ehrenrunde in New York. Weltstadt statt Wüste. Nun, mit 38, zieht er sich auf sein Weingut in der Lombardei zurück. Der passende Alterssitz für den lässigsten aller Spielmacher.

          Attaque – hier wird angegriffen!

          Attaque: Vier Jahre nach Pirlo führte ein genauso unvergleichlicher Regisseur sein Team zum WM-Titel: der Spanier Xavi. Seine Präzision war so legendär, dass der Liveticker der britischen BBC in einem Champions-League-Finale als „Breaking News“ vermeldete: „Xavi hat einen Fehlpass gespielt!“ Nach 24 Jahren beim FC Barcelona verließ Xavi allerdings ein wenig der Orientierungssinn. Er ging, um seine Karriere ausklingen zu lassen, zum Al-Sadd SC in Qatar. Dort spielt der 37-Jährige in vollklimatisierten, halbleeren Arenen – als Aushängeschild, das Qatar für eine Imagepolitur bis zur umstrittenen WM 2022 bitter nötig hat.

          Xavi erhält für seine Dienste pro Jahr angeblich zehn Millionen Euro. Zum Glück sollen sich nach den Arbeitsbedingungen für ausländische Fußballstars auch die für ausländische Tagelöhner zuletzt etwas gebessert haben. Die Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen konstatierte zur Situation der Stadion-Bauarbeiter eine „ermutigende Entwicklung“. Ob das auch für den Fußball gilt? Es sind noch genau fünf Jahre, bis der Weltfußball zum WM-Start im November 2022 in die Wüste geht. Man kann es kaum erwarten.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

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