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Italien feiert Klose Der Anti-Maradona

 ·  Miroslav Klose lässt beim Spiel von Lazio Rom in Neapel sein schon gegebenes Führungstor wegen eines Handspiels selbst annullieren. „Dafür verdient er einen Preis“, sagt Neapels Kapitän Cannavaro.

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© imago sportfotodienst Vergrößern Klose bei der Befragung durch den Schiedsrichter: „Mir ist der Ball an die Hand gesprungen“

Völkerverständigung ist kein leichtes Unterfangen. Aber manchmal bewirkt eine kleine Geste bei einem Fußballspiel mehr als jedes Gipfeltreffen. Beim 3:0 im Spitzenspiel zwischen dem SSC Neapel und Lazio Rom am Mittwochabend wurde einerseits die Mannschaft ausgemacht, die Juventus Turin in dieser Serie-A-Spielzeit Paroli bieten soll, am Ende also Neapel. Andererseits zeigte der plötzliche Sinneswandel Miroslav Kloses, wie man italienische Herzen für angeblich deutsche Tugenden gewinnen kann. In der vierten Minute erzielte der Lazio-Stürmer per Hand das 1:0, aber nach wütenden und beinahe handgreiflichen Protesten der SSC-Spieler gab Klose auf Nachfrage des Schiedsrichters zu, falsch gespielt zu haben. Der Treffer wurde aberkannt.

Es war eine Episode in Zeiten schwieriger Verhältnisse. In Deutschland gibt es Zweifel über die finanzpolitische Zuverlässigkeit Italiens, manche Italiener fühlen sich vom großen Nachbarn bevormundet, es kriselt. Kloses Geste hat dem angespannten Miteinander einen Abend lang etwas Leichtigkeit verschafft. „Wir können noch so viel von den Deutschen lernen“, schrieb der von einer Überdosis Fairplay offenbar noch benommene Kommentator in das Forum auf der Internetseite des „Corriere dello Sport“. Auch andere Tifosi schlugen in dieselbe deutsch-italienische Kerbe mit ihren etwas zu fest verteilten Rollen, wonach die Anständigen im Norden zu finden seien, die Unanständigen hingegen im Süden.

Im Tempel Maradonas

Will man im Bild bleiben, dann empfahl sich der Toskaner Gianluigi Buffon vor einigen Monaten als Gegenfigur zum deutscher Angreifer Klose. Nach einem regulären, aber nicht anerkannten Treffer des AC Mailand sagte der Keeper von Juventus Turin, er würde dem Schiedsrichter in solchen Fällen niemals auf die Sprünge helfen. Buffons Worte verursachten Empörung, waren aber auch ein seltenes Beispiel von Aufrichtigkeit in einem Betrieb, in dem um jeden Preis gewonnen werden muss.

Am Donnerstag wies die italienische Presse darauf hin, dass sich die Episode um Klose im Stadio San Paolo, dem „Tempel Maradonas“ zugetragen habe. Das Napoli-Idol Diego Maradona ist ja unter anderem dafür berühmt, 1986 im WM-Viertelfinale zwischen England und Argentinien einen entscheidenden Treffer mit der von ihm so genannten „Hand Gottes“ erzielt zu haben, was ihm nicht nur in Neapel zu Anerkennung als großes Schlitzohr verhalf.

Nicht auszuschließen, dass der Applaus der Tifosi im San-Paolo-Stadion für den Stürmer der deutschen Nationalelf auch deshalb aufbrandete, weil Klose der gegnerischen Mannschaft einen Fehlstart erspart hatte. Lazio-Trainer Vladimir Petkovic etwa behauptete, die Episode hätte seiner Mannschaft die Spannung genommen und den SSC Neapel „aufgeladen“. Napoli-Kapitän Paolo Cannavaro lobte den Gegner für seine „schöne Geste, der man nur applaudieren kann“. Auch die italienischen Zeitungen hatten am Tag nach dem Spiel vor allem gute Worte für den Vierunddreißigjährigen übrig. „Bravo Klose“, titelte die „Gazzetta dello Sport“.

Der „Corriere dello Sport“ forderte einen „Fairplaypreis für Miro Klose“. Die römische Tageszeitung „Il Messaggero“ erkannte eine „Geste aus anderen Zeiten“, und im „Corriere della Sera“ wunderte man sich über „so viel Ehrlichkeit“. Die Serie A steht unter dem Eindruck einer ganzen Reihe von Unsportlichkeiten. Darunter der Wettskandal, in dem auch gegen einen Mitspieler Kloses, Stefano Mauri, ermittelt wird. Wer in diesem Milieu einen Fehler zugibt, der wird schnell zum Heiligen.

Klose ist Wiederholungstäter

Klose ist für sein korrektes Verhalten als Fußballer bekannt. Noch bei Werder Bremen verzichtete er bereits 2005 auf einen ihm fälschlicherweise zugesprochenen Elfmeter. Die Episode vom Mittwochabend gab jedoch nur wenig Anlass für die Heldenverehrung, die ihm nun geschieht. Klose drehte nach seinem Treffer zunächst jubelnd ab.

Erst als die Napoli-Spieler und besonders Torwart Morgan De Sanctis im Stile von Rumpelstilzchen protestierten, zeigte er Reue. In diesem Sinn hatte die Episode sogar den absurden Effekt, dass letztlich die heftigen Proteste belohnt wurden. Und nicht Klose war es, der auf Schiedsrichter Luca Banti zukam, sondern der Referee befragte den Spieler, der ohne sein Geständnis nachträglich womöglich gesperrt worden wäre. „Klose ist eine angenehme Anomalie in diesem kranken Fußball“, schrieb die Gazzetta ungewohnt selbstkritisch.

Die Analyse mag im Allgemeinen richtig sein, am Mittwochabend wurden die Zuschauer vor allem Zeugen einer ganzen Reihe kleiner Menschlichkeiten. Klose hatte erst betrogen, dann bereut und gestanden. Schiedsrichter Banti hätte ihm laut Regelwerk trotzdem die Gelbe Karte zeigen müssen – und ließ diese freundlicherweise einfach stecken.

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27.09.2012, 10:13 Uhr

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