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Italien Donadonis grauer Landgang - während Seemann Lippi schippert

17.08.2006 ·  Mit einem zusammengewürfelten Kader mußte Italiens neuer Fußball-Nationaltrainer Donadoni gegen Kroatien antreten. Und prompt verlor die weltmeisterliche B-Elf mit 0:2. Laut Donadoni präsentierte sie sich immerhin „besser als erwartet.“

Von Dirk Schümer, Venedig
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Armer Roberto Donadoni. Für einen Trainer muß es die schwierigste Aufgabe sein, einen Weltmeister zu übernehmen. Weil der neue „commissario tecnico“ wegen der langen Ferien der WM-Helden noch auf den kompletten Kader des Sommers verzichten mußte, messen Experten der 0:2-Niederlage gegen Kroatien im Auftaktspiel keine besondere Bedeutung bei.

Im Gegenteil: Weil Italiener traditionell abergläubisch sind, erinnerten die Kommentatoren gerne an das Auftaktspiel von Weltmeistertrainer Marcello Lippi, das vor zwei Jahren in Island ebenfalls 0:2 verlorenging. Ob der uninspirierte Auftritt gegen manchmal harte, vor allem im Konterspiel aber wohlorganisierte Kroaten aber als gutes Omen für schwerere Aufgaben während der Europameisterschafts-Qualifikation taugt, sei dahingestellt

Keine Spur von Begeisterung

Schon das ziemlich heruntergekommene Stadion von Livorno, in dem die Ära Donadoni begann, wirkte mit ausgebleichtem Rasen und vielen Löchern im Boden alles andere als weltmeisterlich. Exakt in den Gewässern vor der toskanischen Hafenstadt schippert seit dem Endspielsieg Marcello Lippi auf seiner Yacht von einer Party-Einladung zur nächsten. Den wenig festlichen Alltag an Land mußte Donadoni mit vor der WM aussortierten Spielern und sehr jungem Nachwuchs angehen. Warum er allerdings mit Massimo Ambrosini, einem Ergänzungsspieler und Veteran des AC Mailand, als Kapitän in die Zukunft startete, liegt wohl nur an sentimentalen Erinnerungen an die eigene Glanzzeit als Spieler bei Milan.

Der 43 Jahre alte Donadoni hatte unter Arrigo Sacchi diverse Europapokale eingesackt und 63 Mal das Nationaltrikot getragen, war als kreativer und zäher Trainer dann in den vergangenen beiden Spielzeiten mit dem namenlosen Außenseiter Livorno bekannt geworden. Pikantes Detail: Donadoni verhehlte niemals seine Verehrung für seinen früheren Patron Silvio Berlusconi, während die traditionell linken Fans von Livorno genau diese Reizfigur ausgiebig zu verhöhnen pflegten. Das eher spärliche Länderspielpublikum am gleichen Ort zeichnete sich am Mittwoch jedoch durch aufreizende Gleichgültigkeit aus - keine Spur von Begeisterung nach dem Titelgewinn.

Zenonis zweites Länderspiel nach sechsjähriger Pause

Es gab aber auch nichts zu bejubeln, denn die Kroaten spielten die unerfahrenen Azzurri durch Tore des naturalisierten Brasilianers Da Silva und durch den 19 Jahre alten Modric bereits in der ersten Halbzeit locker aus. Vor allem beim zweiten Treffer sah der junge Torwart Amelia schlecht aus, als er den Ball abprallen ließ. Größter Aufreger war noch eine kleine Schlägerei nach einem harten kroatischen Einsteigen gegen den Veteran Marco Delvechio. Der deutsche Schiedsrichter Knut Kircher ließ Gnade vor Recht ergehen, als er den giftigen Lucarelli nach einem Schlag nicht vom Platz stellte.

In Reihen der Italiener, bei denen der Mittelklasseverein Sampdoria Genua den Löwenanteil des Kaders stellte, sorgte einzig der Debütant Brocchi im Sturm für etwas Gefahr. Was für eine C-Mannschaft da die Kroaten zu fröhlichen Weltmeister-Besiegern machte, wurde an einigen Kuriositäten klar. So absolvierte etwa Cristian Zenoni sein zweites Länderspiel nach einer Pause von sechs Jahren, und beim Schlußpfiff trug Chiellini als Erfahrenster die Kapitänsbinde - mit sechs Länderspielen.

„Eigentlich war die Mannschaft besser als erwartet“

Die Tifosi, die noch bis in den September mit dem Wiederbeginn ihrer gebeutelten Serie A warten müssen, hoffen inständig, daß sie sich die Namen von überforderten Nachrückern wie Esposito oder Terlizzi nicht ernsthaft merken müssen. Weltstars wie Pirlo, Nesta oder der nach Madrid gewechselte Cannavaro, dessen Gesicht nur bei Werbespots in den Spielpausen auftauchte, sollen nämlich weiterhin das Gerüst der Mannschaft bilden.

Mitten im italienischen „Ferragosto“ war der neue Trainer - mit der Last von vier Weltmeistersternen auf der stolzen Brust - denn auch milde wie ein Lehrer in den Sommerferien. Er rang sich nicht einmal durch, seinen erschreckend schwachen Spielmacher Liverani zu rügen, und sagte in der typisch trockenen Art des Gebirglers aus Bergamo: „Eigentlich hat die Mannschaft noch besser gespielt, als ich es erwartet hatte.“ Warum Donadoni indes seinen ersten Test mit einem zusammengewürfelten Kader verschenken mußte, obwohl in zwei Wochen die Qualifikation zur Europameisterschaft mit Spielen gegen Litauen und am 6. September pikanterweise gegen Endspielgegner Frankreich in Paris beginnt, bleibt das Geheimnis des italienischen Verbandes. Aber wie die Weltmeisterschaft mit den Wirren und Skandalen im Heimatland gezeigt hat, scheint Italien für herausragende Leistungen ohnehin keine gelungene Vorbereitung zu benötigen.

Quelle: F.A.Z. vom 18. August 2006
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Jahrgang 1962, Feuilletonkorrespondent mit Sitz in Wien.

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